Ein Tennisstar mit Hüftendoprothese; immer mehr Implantationen – wie sich Infos des Endoprothesen-Registers nutzen lassen

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

4. Dezember 2019

Berlin – Mit dem in diesem Herbst vom Bundestag verabschiedeten Gesetz zur Errichtung eines Implantateregisters Deutschland (EIRD) soll künftig die Sicherheit von Implantaten und Implantationen für gesetzlich und privat Versicherte verbessert werden.

„Wir sind stolz darauf, dass die Blaupause für dieses Register das bereits seit 2012 etablierte Endoprothesenregister Deutschland (EPRD) sein wird“, so Prof. Dr. Carsten Perka, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik (AE) und Ärztlicher Direktor des Centrums für Muskuloskeletale Chirurgie der Charité Berlin, auf einer AE-Pressekonferenz in Berlin [1].

Prof. Dr. Carsten Perka
Bildnachweis Wiebke Peitz / Charite Universitätsmedizin Berlin

Doch eine wichtige Modifizierung gibt es: Während Meldungen an das Endoprothesenregister bislang noch freiwillig sind, werden künftig alle Zentren verpflichtet sein, sämtliche von ihnen vorgenommen Implantationen zentral zu dokumentieren.

„Schon heute liefert das Endoprothesenregister eine Vielzahl relevanter Informationen und zeigt z.B. eine klare Korrelation zwischen der Anzahl der in einem Krankenhaus durchgeführten Knie- und Hüftendoprothesen-OPs und der Wahrscheinlichkeit einer Revision und damit der Qualität des Operationsergebnisses“, sagte Perka bei der Vorstellung des aktuellen EPRD-Jahresberichts.

Weiteren Einfluss auf die erfolgreiche Verweildauer einer Prothese im Körper (Standzeit) haben die verwendeten Prothesenkomponenten und -materialien sowie die Patienten selbst.

Aktuell zwei Drittel aller Eingriffe erfasst

Mittlerweile nehmen dem Bericht zufolge etwa 750 der rund 1.200 Kliniken, die in Deutschland Endoprothesen einsetzen, am EPRD teil. In diesem sind rund 1,3 Millionen Implantationen registriert sind. Dies entspricht einer Erfassungsrate von zuletzt knapp 67% aller jährlichen endoprothetischen Eingriffe an Hüfte und Knie.

„Alle aktuell im Umlauf befindlichen Implantate sind sicher, sofern sie im EPRD bereits erfasst werden“, betonte Perka. Mit der Einführung der Meldepflicht an das künftige Implantationsregister sei bereits jetzt die Prognose zu wagen, „dass dieses weniger Probleme mit den Implantaten zeigen wird, sondern vielmehr Unterschiede in der Implantationsqualität zwischen den Krankenhäusern.“

Begleiterkrankungen zu berücksichtigen

Als wesentlichste Herausforderung eines Implantateregisters bezeichnete der Berliner Experte die wissenschaftlich korrekte und umfassende Auswertung der Daten. Um einen sinnvollen Vergleich zu ermöglichen, müsse dabei neben krankenhaus-, arzt- und materialspezifischen Daten auch der Gesamtgesundheitszustand der Patienten mitberücksichtigt werden.

 
Das Hüftimplantat mit der höchsten Fehlschlagrate in den letzten 10 Jahren wurde tatsächlich nicht im Register erkannt. Prof. Dr. Carsten Perka
 

„Insgesamt sollen damit Verfälschungen vermieden werden, wie sie im weltweit wahrscheinlich etabliertesten Implantateregister NJR (National Joint Registry) aus England auftraten. Dabei wurde das Hüftimplantat mit der höchsten Fehlschlagrate in den letzten 10 Jahren tatsächlich nicht im Register erkannt“, sagte Perka.

Konkret handelte es sich dabei um die ASR-Kappenprothese, bei der der geschädigte Gelenkkopf lediglich überkront ist und die zunächst als knochensparende Miniprothese gefeiert wurde. „Fehlschläge damit wurden dann einfach nicht vollständig in das NJR-Register eingegeben, da sich niemand vorstellen konnte, dass das Produkt nicht funktioniert“, berichtete Perka.

Als dann der erste Operateur über eine hohe Fehlschlagsrate beim Jahreskongress der British Hip Society berichtete, wurde eine Lawine ausgelöst. Folge war eine undifferenzierte Bewertung, bei der alle Kappenprothesen in Verruf gerieten – was in Deutschland dazu führte, dass dieser Prothesentyp bis heute weitgehend vom Markt verschwand.

„Das Hauptproblem war allerdings, dass es keine differenzierte Fehlerbetrachtung gab und weder zwischen den verschiedenen Produkten unterschieden noch die jeweilige OP-Technik und die erreichte Präzision der Operation beurteilt wurde.“ Dabei gebe es mindestens 2 Kappenprothesen mit exzellenten Resultaten vor allem bei jüngeren Männern – die aber beide auch einen exzellenten Operateur erforderten, so Perka.

Leistungssport als Risikofaktor

So erhielt z.B. der englische Tennisstar Andy Murray (32 Jahre) Anfang dieses Jahres eine McMinn-Kappenprothese – und gewann nur wenige Monate danach in diesem Oktober das ATP-Turnier in Antwerpen. „Bei jüngeren Menschen ist Leistungssport einer der Hauptrisikofaktoren für die Notwendigkeit einer Hüftendoprothese, öfter noch als Übergewicht“, erklärte Perka dazu im Gespräch mit Medscape.

Dies betreffe vor allem Sportarten mit schnellen Richtungswechseln wie Tennis oder Ballsport, aber auch intensiven Laufsport. Wer hingegen moderat, aber regelmäßig Sport treibt, tue Gutes für seine Hüft- und Kniegelenke und wirke damit degenerativen Veränderungen wie einer Arthrose sogar entgegen.

 
Bei jüngeren Menschen ist Leistungssport einer der Hauptrisikofaktoren für die Notwendigkeit einer Hüftendoprothese, öfter noch als Übergewicht. Prof. Dr. Carsten Perka
 

Dabei ist „normaler“ Sport durchaus auch mit einem künstlichen Hüft- oder Kniegelenk zu empfehlen. „Ich glaube, dass 95 Prozent der künstlichen Gelenke nicht über-, sondern unterbelastet sind, weil bei vielen die Angst besteht, es könnte zu viel sein“, so der Berliner Experte.

Nicht zu empfehlen seien für diesen Personenkreis Kontaktsportarten wie Judo oder Karate sowie Ballsportarten, ansonsten sei fast jeder Sport denkbar. Profisportler sollten daran denken: „Je mehr ich das Gelenk – ob eigenes oder künstliches – belaste, desto höher wird die Abnutzung sein.“

Prognose: Weitere Zunahme von Implantationen

Eine Prognose für Deutschland geht davon aus, dass die Implantationen von Ersatzgelenken an der Hüfte bis zum Jahr 2040 gegenüber den Zahlen von 2010 um etwa 27% steigen werden. „Dieser Anstieg ist überwiegend altersbedingt“, erklärt Perka.

Für die Tatsache, dass Deutschland im internationalen Vergleich bei der Zahl der Endoprothesen-Operationen zu den Spitzenreitern gehört, sieht der orthopädische Chirurg außer dem Altersfaktor noch weitere Gründe: „Dazu gehört, dass nicht-operative Behandlungen wie Physiotherapie von den Krankenkassen nur sehr limitiert bezahlt werden, dass Schmerzmedikamente auch unerwünschte Wirkungen haben und dass gelenkerhaltende Operationen weniger erfolgreich sind, als man es sich vorgestellt hat.“

Dass nicht jede in Deutschland durchgeführte Endoprothesen-Implantation wirklich notwendig ist, bezweifelt Perka nicht: „Sie ist aber sehr oft nicht nur die schnellste, sondern auch die einfachste Lösung, um einem Patienten wieder mehr Beweglichkeit ohne Schmerzen zu ermöglichen.“
 

Kommentar

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