WHO-Report: Klimawandel bedroht die Gesundheit, doch viele Länder setzen ihre Pläne zum Schutz nicht um. Woran es hapert

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

4. Dezember 2019

Der Schutz unserer Gesundheit vor möglichen Auswirkungen des Klimawandels ist dringlicher denn je, doch etliche Länder setzen ihre eigenen Pläne nicht vollständig um – aufgrund fehlender ökonomischer Ressourcen oder aufgrund schlechter Zusammenarbeit vor Ort. Zu dem Ergebnis kommen Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrem jetzt veröffentlichten Health and Climate Change Survey Report 2018 [1]. Der Bericht stützt sich auf Daten aus 101 von der WHO befragten Ländern. 

„Der Klimawandel präsentiert künftigen Generationen eine Rechnung, aber schon jetzt bezahlen die Menschen mit ihrer Gesundheit“, sagt Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO. „Es ist eine moralische Notwendigkeit, dass Länder über die Ressourcen verfügen, die sie benötigen, um gegen den Klimawandel vorzugehen und die Gesundheit jetzt und in Zukunft zu schützen.“

Nationale Strategien – ohne hinreichendes Budget wenig hilfreich

Der Hintergrund: Im Zuge von Nationally Determined Contributions (NDCs; den national festgelegten Beiträgen) des Übereinkommens von Paris arbeiten Vertragsstaaten nationale Klimaschutzziele aus und kommunizieren diese regelmäßig. Aktuell geht es um die Frage, welche Hürden dann der Umsetzung im Wege stehen. 

Dem Report zufolge verankern Regierungen Themen rund um Klimawandel und Gesundheit immer häufiger in Gesetzen oder Aktionsprogrammen. Zumindest die Hälfte aller befragten Länder hat eine nationale Strategie oder einen nationalen Plan entwickelt. Aber nur etwa 38% aller Staaten verfügen über die finanziellen Mittel, um ihre Maßnahmen (wenigstens teilweise) umzusetzen, und weniger als 10% können ihre Vorhaben komplett realisieren.

Hinzu kommt: Nur 48% der im Bericht aufgeführten Länder haben eine Bewertung möglicher Klimarisiken für die öffentliche Gesundheit durchgeführt. Die häufigsten klimasensitiven Folgen sind bekanntlich Krankheit oder Tod durch Temperatur-Maxima, durch extreme Wetterereignisse sowie durch Lebensmittel- und Wasser-Knappheit. Hinzu kommen Krankheiten, die durch verunreinigtes Wasser oder durch Vektoren übertragen werden, etwa Cholera, das Denguefieber oder Malaria.

Etwa 60% der Länder mit bekannten, durch das Klima hervorgerufenen Risiken geben jedoch an, dass wissenschaftliche Ergebnisse dieser Art wenig oder gar keinen Einfluss auf die Zuweisung personeller und finanzieller Ressourcen haben, um Maßnahmen tatsächlich umzusetzen.

Die Umfrage hat aber auch ergeben, dass Länder Schwierigkeiten haben, Zugang zu internationalen Programmen zu erhalten, um die Gesundheit ihrer Bevölkerung vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. Über 75% gaben an, es mangele an Informationen über Möglichkeiten der Förderung. Mehr als 69% beklagen fehlende internationale Kontakte ihrer Akteure im Gesundheitsbereich, und über 50% vermissen Vorschläge, wie man weltweit verfügbare Fördergelder abrufen könnte.

Zum Misserfolg tragen nicht nur fehlende Budgets bei. Die Veröffentlichung zeigt auch, dass es in weniger als 25% der befragten Länder eine klar strukturierte Zusammenarbeit zwischen dem Gesundheitswesen und Schlüsselsektoren für Klimawandel und Luftverschmutzung, sprich Verkehr, Stromerzeugung und Energie für Haushalte, gibt. 

Maßnahmen zum Klimaschutz lohnen sich auch volkswirtschaftlich

Dass sich Ausgaben zur Vermeidung von Emissionen auch wirtschaftlich amortisieren, steht außer Frage: Ältere Arbeiten haben gezeigt, dass der ökonomische Benefit aufgrund gesundheitlicher Vorteile durch weniger Kohlendioxid-Ausstoß etwa doppelt so hoch ist wie die Kosten zur Umsetzung geeigneter Maßnahmen auf globaler Ebene. Würden alle Nationen die Ziele des Pariser Abkommens erreichen, könnte man weltweit bis 2050 jährlich etwa eine Million Menschenleben retten, allein durch weniger Luftverschmutzung. 

Die Belastung durch gasförmige Schadstoffe verursacht jedes Jahr weltweit 7 Millionen Todesfälle und führt volkswirtschaftlich zu Ausfällen in Höhe von etwa 5,11 Billionen US-Dollar. In den 15 Ländern, die die meisten Treibhausgas-Emissionen verursachen, werden die gesundheitlichen Auswirkungen der Luftverschmutzung auf mehr als 4% ihres Bruttoinlandsprodukts geschätzt. Maßnahmen zur Erreichung der Pariser Ziele würden dagegen nur rund 1% des globalen Bruttoinlandsprodukts kosten. 

„Die wahren Kosten des Klimawandels sind in unseren Krankenhäusern und in unserer Lunge zu spüren. Die gesundheitliche Belastung durch schmutzige Energiequellen ist mittlerweile so hoch, dass sich die Entscheidung für sauberere und nachhaltigere Energieversorgungs-, Transport- und Lebensmittelsysteme effektiv auszahlt“, so Dr. Maria Neira. Sie ist Direktorin des WHO Department of Environment, Climate Change and Health. 

 
Die gesundheitliche Belastung durch schmutzige Energiequellen ist mittlerweile so hoch, dass sich die Entscheidung für sauberere und nachhaltigere Energieversorgungs-, Transport- und Lebensmittelsysteme effektiv auszahlt. Dr. Maria Neira
 

Klimawandel: Die nächsten Schritte unternehmen

„Damit das Pariser Abkommen zum Schutz der Gesundheit der Menschen auch etwas bringt, müssen alle Regierungen dem Aufbau eines soliden Gesundheitssystems, das den Klimawandel berücksichtgt, Priorität einräumen, und eine wachsende Zahl nationaler Regierungen hat Programme schon darauf ausgerichtet“, so Neira. 

Und Ghebreyesus ergänzt: „Das Pariser Abkommen ist möglicherweise das stärkste Gesundheitsabkommen dieses Jahrhunderts. Die Belege sind eindeutig, dass der Klimawandel bereits gravierende Auswirkungen auf das Leben und die Gesundheit von Menschen hat.“ 

Jetzt ist es an der Zeit, die Lücken zu schließen. Eine davon ist, dass vielen Ländern der Zugang zu den benötigten Finanzmitteln fehlt. Hinzu kommt, die Gesundheit stärker in politische Entscheidungsprozesse beim Thema Klimawandel einzubeziehen, heißt es im Report.

 

Kommentar

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