Erst tiefkühlen, dann operieren – US-Mediziner sorgt mit neuem Konzept der „Notfallkonservierung“ für Furore

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

3. Dezember 2019

Bei schweren Traumata, Schuss- oder Stichverletzungen mit großem Blutverlust bleiben Ärzten im Operationssaal nur wenige Minuten. Eine neue Technik, Notfallkonservierung und Reanimation (emergency preservation and resuscitation, EPR) genannt, könnte das Zeitfenster auf 1 bis 2 Stunden ausdehnen.

Vor dem Eingriff werden Patienten auf 10 bis 15°C gekühlt; postoperativ werden sie aufgewärmt und reanimiert. Dr. Samuel Tisherman von der University of Maryland School of Medicine, Baltimore, berichtet im New Scientist von der Methode [1]. Angaben zum Erfolg macht er noch nicht.

„Ich halte das Konzept bei Menschen für machbar und für erfolgversprechend“, sagt Prof. Dr. Bernd W. Böttiger zu Medscape. Er ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rates für Wiederbelebung (German Resuscitation Council; GRC) und Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln. Vor 2 Wochen hat er Tisherman in den USA während eines Reanimationskongresses getroffen und bestätigt dessen Einschätzung: „Bei den Temperaturen bleibt wahrscheinlich mindestens 1 Stunde für die Operation.“

 
Ich halte das Konzept bei Menschen für machbar und für erfolgversprechend. Prof. Dr. Bernd W. Böttiger
 

Böttiger: „Hypothermie ist die stärkste neuroprotektive Methode, dir wir kennen. Das zeigen nicht nur Tierexperimente.“ Er berichtet etwa von einem 6-jährigen Jungen, der in einen eiskalten See gestürzt ist. Seine Körpertemperatur betrug beim Eintreffen in die Klinik nur noch 22 bis 23°C. Der Patient wurde für 3 Tage an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen; seine Körpertemperatur erhöhten Ärzte langsam. Danach wachte der Patient wieder auf – ohne bleibende Schäden. Böttiger: „Sein Gehirn muss also bei der niedrigen Temperatur mindestens eine halbe Stunde sehr gut überlebt haben.“

Eiswasser von außen sei in Notfallsituationen aufgrund der guten Isolation des Gehirns weniger effektiv; deshalb kanüliere Tisherman die Patienten und verabreiche eiskalte Kochsalzlösung intravasal.

„Auch in der Kinderherzchirurgie oder bei sehr komplexen Eingriffen am Aortenbogen muss man in seltenen Fällen im Kreislaufstillstand arbeiten“, erzählt Böttiger. „Dazu kühlt man mit einem Wärmetauscher an der Herz-Lungen-Maschine Patienten auf 16 bis 18°C, stellt das Gerät ab und kann 45 Minuten ohne Kreislauf operieren.“ Dies sei bereits lange bekannt und auch etabliert. „Als Frage für Tishermans Studie bleibt, ob sich dieses Prinzip auch bei Schwerverletzten umsetzen lässt“, gibt Böttiger zu bedenken.

Laufende Studie mit 20 Patienten

Zum Hintergrund: Tishermans Interesse an der Traumaforschung wurde durch einen Vorfall in seiner frühen Karriere geweckt, bei dem einem jungen Mann nach einer Auseinandersetzung um Bowlingschuhe ins Herz gestochen wurde. „Wir hätten ihn retten können, wenn wir genug Zeit gehabt hätten“, sagt der Arzt. Dies veranlasste ihn, zu untersuchen, wie die Kühlung den Chirurgen mehr Zeit für ihre Arbeit geben könnte.

Für die EPR kommen nur Notfallpatienten mit sehr starkem Blutverlust und Herzstillstand infrage. Im Normalfall haben Ärzte dann nur wenige Minuten Zeit, um zu intervenieren. Erfahrungsgemäß überlebten hier nur 5%. Deshalb hat die US Food and Drug Administration (FDA) auch grünes Licht für eine Studie ohne Zustimmung der betroffenen Patienten erteilt. Ihre Verletzungen verlaufen mit großer Wahrscheinlichkeit tödlich, und alternative Methoden gibt es nicht.

 
Hypothermie ist die stärkste neuroprotektive Methode, dir wir kennen. Prof. Dr. Bernd W. Böttiger
 

Nach US-amerikanischem Recht müssen potenzielle Teilnehmer, das heißt alle Anwohner im Einzugsgebiet der Klinik, informiert werden. Dies geschah über Zeitungen und über eine Website. Ihnen muss auch die Möglichkeit gegeben werden, die Studie abzulehnen. Dies geschieht bei der EPR-Untersuchung online.

EPR und konventionelle Intervention im Vergleich

Das Studiendesign hat Tisherman bereits Ende 2017 veröffentlicht. EPR (10 Patienten) soll mit der konventionellen Herangehensweise (10 Patienten) verglichen werden. Hier kommen nur Patienten mit Traumata, Schuss- oder Stichverletzung, starkem Blutverlust und Herzstillstand infrage.

Als primären Endpunkt nennen Forscher das Überleben bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus ohne signifikante neurologische Defizite. Zu den sekundären Endpunkten gehören das langfristige Überleben und das funktionelle Ergebnis.

Doch wie läuft die EPR praktisch ab? Beim Eintreffen im Klinikum wird der Körper eines Patienten schnell auf etwa 10 bis 15°C abgekühlt, indem man das gesamte Blut durch kalte Kochsalzlösung ersetzt. 

Dann geht es weiter in den OP, um Verletzungen chirurgisch zu behandeln. Dafür haben Ärzte rund 1 bis 2 Stunden Zeit, und nicht nur wenige Minuten, wie zuvor. Bekanntlich verlangsamen sich Stoffwechselprozesse in der Kälte deutlich. Die Gehirnaktivität kommt nahezu gänzlich zum Erliegen. Danach erhält der Patient warme Bluttransfusionen und wird reanimiert.

Zahlreiche Erfolge im Tierexperiment

In seiner Beschreibung des Studiendesigns nennt Tisherman etliche Erfahrungen zur EPR aus Tierexperimenten. Beispielsweise zeigte Dr. Hasan B. Alam von den Departments of Surgery, Uniformed Services University of the Health Sciences, Bethesda, an Schweinen, dass sich komplexe traumatische Verletzungen in Hypothermie mit gutem Erfolg behandeln lassen – ohne neurologische Folgen.

 
Sobald wir beweisen können, dass das Verfahren funktioniert, können wir weiteren Patienten helfen, die sonst nicht überleben würden. Dr. Samuel Tisherman
 

Dr. Peter Rhee, er forscht an der gleichen Einrichtung, berichtete kurz zuvor über ähnliche Erfolge an Schweinen nach induzierten schweren Verletzungen der Aorta. Auch bei ihnen wurde die Körpertemperatur vor dem Eingriff abgesenkt.

Vergleiche zwischen EPR und normaler Wiederbelebung führte Dr. Xianren Wu von der University of Pittsburgh an Hunden durch. Auch hier verbesserte Kälte das Gesamtüberleben und das neurologische Outcome.

„Wir dachten, es sei an der Zeit, EPR zu unseren Patienten zu bringen“, sagt Tisherman zum New Scientist. „Im Zuge unserer Studie lernen wir viel. Und sobald wir beweisen können, dass das Verfahren funktioniert, können wir weiteren Patienten helfen, die sonst nicht überleben würden.“ Der Studienleiter erwartet, bis Ende 2020 die Ergebnisse seiner laufenden Untersuchung zu veröffentlichen.
 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....