Studie zu Kalorien-Angaben im Fastfood-Restaurant: Und dann wird trotzdem der Big Mac bestellt …

Antje Sieb

Interessenkonflikte

28. November 2019

Ganze 60 Kalorien pro Einkauf weniger: So viele Kalorien sparten Kunden einer amerikanischen Fastfood-Kette bei jeder Bestellung ein, wenn der Kaloriengehalt auf den Mahlzeiten angegeben wurde [1]. Nach einem Jahr sank der Wert auf magere 23 Kalorien.

Prof. Dr. Andreas Pfeiffer

„Die Studie macht eine relativ klare Aussage, beruht auf einem großen, umfangreichen Datensatz und bestätigt im Prinzip das, was wir wissen – der initiale Effekt solcher Kalorien-Angaben ist nicht groß, und verschwindet nach einiger Zeit wieder“, sagt dazu der Mediziner Prof. Dr. Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke.

Machen Kalorienangaben medizinisch Sinn?

In den USA sind Kalorien-Angaben in Restaurant-Ketten seit 2018 landesweit Pflicht. Zuvor gab es bereits ähnliche Regelungen in unterschiedlichen Staaten [2]. Der Harvard-Wissenschaftler Dr. Joshua Petimar hat zusammen mit Kollegen den Vorher-Nachher Effekt solcher Gesetzesänderungen untersucht.

 
Die Studie ... bestätigt im Prinzip das, was wir wissen – der initiale Effekt solcher Kalorien-Angaben ist nicht groß, und verschwindet nach einiger Zeit wieder. Prof. Dr. Andreas Pfeiffer
 

Dazu bekamen die Wissenschaftler Daten von gut 49 Millionen Transaktionen der Restaurants aus den Jahren 2015 bis 2017, sowie nach Einführung von Kalorienangaben 2017 und 2018. Die Lokale befanden sich in den US-Bundesstaaten Louisiana, Texas und Mississippi.

Damit konnten Verkaufsdaten für 2 Jahre ohne Kalorienangaben und für ein Jahr mit Kalorienangaben miteinander verglichen werden.

Im nächsten Schritt bewerteten Petimar und Kollegen den durchschnittlichen Kaloriengehalt aller Bestellungen. Dieser Wert ging nach Einführung der Regelung erstmal um 60 Kalorien bzw. 4% zurück. Allerdings konnten die Wissenschaftler beobachten, dass der Trend sich wieder nach oben bewegte Am Ende der Studie, 1 Jahr nach Einführung der Kalorienangaben, betrug der Unterschied nur noch 23 Kalorien.

Über die Weiterentwicklung können Forscher nichts sagen – ob sich die Differenz im weiteren Verlauf eingependelt, wieder völlig zurückentwickelt oder den Ausgangswert sogar überschritten hätte, bleibt unklar.

Wissen allein reicht nicht aus

Für Pfeiffer sind die Ergebnisse der Studie nicht erstaunlich, sondern bestätigen Erkenntnisse der Ernährungsforschung. „Das Wissen allein reicht nicht. Wenn Sie sich Leute ansehen, die abgenommen haben, mithilfe von Ernährungsschulungen, sehen sie ja auch, dass praktisch alle wieder zunehmen. Es gibt nur einen kleinen Prozentsatz, 10 bis 20%, die dauerhaft ihr Gewicht reduzieren.”

Dazu passten auch die Erkenntnisse der vorliegenden Studie über die Entwicklung der Kaloriendifferenz: Obwohl die nötige Information vorliegt, entwickeln sich die verkauften Kalorienmengen wieder nach oben. „Der initiale Erfolg zeigt: Man könnte auch darauf achten, in der Praxis wird das aber nicht gemacht, die Attraktion der Nahrung ist zu groß.” glaubt Pfeiffer.

Weil die Studie Verkaufsdaten verwendet, lässt sich allerdings nicht sagen, wie viele der Kalorien tatsächlich verzehrt werden, oder wie sich die Kaloriendifferenz tatsächlich verteilt. Es könnte Kundengruppen geben, die die Kalorienangaben gar nicht beachten, und andere, die sich sehr wohl danach richten.

Deshalb bewertet Pfeiffer solche Angaben trotz des kleinen Durchschnittseffektes durchaus für wichtig: „Ich halte Kalorienangaben für sinnvoll, für den Teil der Bevölkerung, der darauf achtet.” In Deutschland sind solche Angaben in Restaurantketten bisher nicht vorgeschrieben.

Die Zusammensetzung von Speisen blieb gleich

Es geht aber nicht nur um Kunden. Auch Anbieter könnten daran interessiert sein, die Kalorienzahl ihrer Mahlzeiten zu reduzieren, erklärt Pfeiffer. „Es könnte natürlich auch ein Anreiz sein, Rezepturen zu verändern. Besonders für Ketten, die Standardessen anbieten, wäre das eine sinnvolle Sache.”

Restaurants könnten also entweder ihre Rezepte bzw. ihre Mengen so anpassen, dass eine bestimmte Mahlzeit oder Beilage weniger Kalorien hat. Oder sie könnten zusätzlich zum Standardangebot mehr kalorienarme Optionen anbieten.

 
Der initiale Erfolg zeigt: Man könnte auch darauf achten, in der Praxis wird das aber nicht gemacht, die Attraktion der Nahrung ist zu groß. Prof. Dr. Andreas Pfeiffer
 

Für solche Reformulierungen fanden die Wissenschaftler in ihrer Studie allerdings wenig Hinweise. Sie betrachteten dazu die 50 meistgekauften Angebote auf der Karte. 2 Drittel davon hatten vor und nach der Einführung von Kalorienangaben den gleichen Kaloriengehalt.

Bei 10 Gerichten erhöhte sich der Brennwert sogar leicht, und nur bei 5 ging er geringfügig nach unten. Alle Änderungen bewegten sich im Bereich von 10 bis 20 Kalorien. Nur bei einem Angebot waren es 50 Kalorien weniger. Es habe aber zu jedem Zeitpunkt genug Optionen mit wenig oder mehr Kalorien auf der Karte gegeben, schreiben die Autoren, so dass eine Auswahl nach diesem Kriterium möglich gewesen wäre.

Anfangs weniger Bestellungen

Die geringe Kalorienreduktion kam nicht dadurch zustande, dass die Kunden kalorienreichere Gerichte gegen kalorienärmere austauschten. Die Daten weisen nach Ansicht der Autoren eher darauf hin, dass Kunden anfangs einfach insgesamt weniger bestellten, also beispielsweise mal auf eine Extra-Beilage oder ein Dessert verzichteten.

Im Laufe der Studie war dieser Effekt dann wieder rückläufig. Wenn die am Studienende berechnete Einsparung von 23 Kalorien pro Bestellung erhalten bliebe, würde das für den amerikanischen Durchschnitts-Fastfood-Konsumenten einen Gewichtsverlust von einem halben Kilo innerhalb von 3 Jahren bedeuten, berechnen die Wissenschaftler.

 
Ich halte Kalorienangaben für sinnvoll, für den Teil der Bevölkerung, der darauf achtet. Prof. Dr. Andreas Pfeiffer
 

Der ohnehin nicht wirklich große Effekt könne aber auch noch kleiner sein, da eine Bestellung wahrscheinlich in vielen Fällen nicht für eine, sondern für mehrere Personen gedacht gewesen sei, heißt es weiter.
 

Kommentar

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