Cannabinoide schaden dem Fötus im Tierexperiment, Alkohol verstärkt den Effekt – Gefahren für Schwangere möglich

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

20. November 2019

Schon die einmalige Exposition mit Cannabinoiden während des 1. Trimenons führt bei Tieren zu Missbildungen. Bei Mäusen und Zebrafischen traten häufiger Wachstumsstörungen und Fehlbildungen des Gehirns sowie des Gesichts auf. Die gleichzeitige Gabe von Alkohol verdoppelte das Risiko, wie Dr. Eric W. Fish von der University of North Carolina, Chapel Hill, USA, zusammen mit Kollegen berichtet. Die Veröffentlichung ist in Scientific Reports erschienen [1].

„Auch wenn die Übertragung solcher tierexperimentellen Befunde auf die embryonale Entwicklung beim Menschen nur mit Einschränkungen möglich ist, sollten Schwangeren insbesondere vor dem gemeinsamen Genuss von Alkohol und Cannabinoiden gewarnt werden, zumal der Umgang mit Cannabis in den letzten Jahren in vielen Ländern deutlich großzügiger gehandhabt wurde“, erklärt Dr. Wolfgang E. Paulus gegenüber Medscape. Er arbeitet an der Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie, Universitätsfrauenklinik Ulm.

Cannabis-Konsum speziell bei Frauen ohne Kontrazeption riskant

Paulus ergänzt: „Die Häufigkeit des Cannabiskonsums zeigt nach den aktuellen Auswertungen des Epidemiologischen Suchtsurveys (ESA) in der Allgemeinbevölkerung Deutschlands bei beiden Geschlechtern einen zunehmenden Trend.“ Demnach konsumierten 16% aller 25- bis 29-Jährigen im Jahr 2018 Cannabis. Tendenziell steigt der Anteil bei Frauen stärker als bei Männern. „Darunter ist sicherlich auch ein erheblicher Anteil Schwangerer anzunehmen, zumal fast die Hälfte aller Schwangerschaften nicht geplant eintritt“, sagt Paulus.

Genau diese Zeitfenster ist von Bedeutung: „In den Experimenten registrierte man vor allem Entwicklungsstörungen in Phasen der embryonalen Entwicklung, die beim Menschen etwa 3 bis 4 Wochen nach Zeugung entsprechen“, so der Experte. „Es handelt sich also um einen Zeitraum, in dem Frauen ihre Schwangerschaft oft noch gar nicht realisiert haben.“ Dabei hätten die die Dosen der überprüften Cannabinoide durchaus Mengen, die bei Rauchen von Marihuana üblich seien, entsprochen.

 
Es handelt sich also um einen Zeitraum, in dem Frauen ihre Schwangerschaft oft noch gar nicht realisiert haben. Dr. Wolfgang E. Paulus
 

Entwicklungsdefizite des Gehirns und Gesichts

Zum Hintergrund: In der Studie wurden Mäusen Cannabinoide allein und zusammen mit Alkohol in unterschiedlichen Mengen am 8. Tag der Schwangerschaft verabreicht, was mit der 3. und 4. Schwangerschaftswoche beim Menschen vergleichbar ist. Dabei konzentrierten sich Forscher auf Effekte einer einmaligen Applikation von Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Die berauschende Wirkung von Marihuana ist bekanntlich vor allem auf den psychoaktiven Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) zurückzuführen. Demgegenüber handelt es sich bei Cannabidiol (CBD) um ein nicht psychoaktives Cannabinoid aus Hanf, das auch als Arzneimittel eingesetzt wird.

In dieser Studie beobachteten Forscher auch ohne Ethanol-Exposition Entwicklungsdefizite des Gehirns und Gesichts, sehr ähnlich wie beim fetalen Alkoholsyndrom (FAS). Fish und seine Kollegen fanden auch heraus, dass sich die Wahrscheinlichkeit dieser Geburtsfehler mehr als verdoppelt hat, wenn Cannabinoide und Alkohol zusammen verwendet wurden.

Sie zeigten weiter, dass diese Substanzen Defekte verursachen können, indem die Signalübertragung zwischen Molekülen und Zellen, die Wachstum und Entwicklung steuern, unterbrochen wird.

Im nächsten Schritt planen die Wissenschaftler, Mehrfachexpositionen an Tieren zu untersuchen. Wie sie schreiben, entspreche dies eher Anwendungsszenarien beim Menschen.

Studie bestätigt frühere Ergebnisse

Die jetzt publizierte Studie überrascht Paulus nicht. Mitte Oktober veröffentlichten Wissenschaftler um Dr. Roberto Frau von der University of Cagliari, Italien, Ergebnisse aus Experimenten mit Ratten. Dazu verabreichten sie schwangeren Ratten 2 Wochen lang täglich 1 Dosis THC, entsprechend dem Gehalt einer milden Cannabis-Zigarette.

Sie fanden bei den männlichen Nachkommen exponierter Muttertiere neuronale Veränderungen, die auf eine Beeinflussung der dopaminergen Signalübertragung im Gehirn hindeuten. Außerdem zeigte diese Gruppe Verhaltensauffälligkeiten und sensomotorische Defizite.

„Die in der Studie durchgeführten Tierexperimente erhärten den Verdacht einer Beeinflussung der Entwicklung des Nervensystems beim Ungeborenen“, erklärte Paulus damals gegenüber dem Science Media Center Deutschland.

Doch die Arbeit überraschte noch in anderer Hinsicht. Pregnenolon, ein Vorläufermolekül des Sexualhormons Progesteron, blockierte bei Mäusen und Ratten den Cannabinoid-Rezeptor Typ 1, der unter anderem durch THC aktiviert wird. „Damit wirkt es zwar dem THC-Effekt auf der Ebene der Rezeptoren entgegen“, so Paulus. „Ob damit aber die Einflüsse eines Dauerkonsums von Cannabis in der Schwangerschaft beseitigt werden können, müsste erst durch Untersuchungen beim Menschen bestätigt werden.“

Konsequenzen für Frauen im gebärfähigen Alter

Sein Fazit für die Praxis: „Frauen, die keine konsequente Kontrazeption betreiben, sollten insbesondere vor einem kombinierten Konsum von Alkohol und Cannabinoiden gewarnt werden.“

Es geht aber nicht nur um Joints. Auch die zunehmende Verwendung von Cannabis in Lebensmitteln ist problematisch. „Auf Basis der vorliegenden Daten kam das Bundesinstitut für Risikobewertung im November 2018 zu dem Schluss, dass der Verzehr hanfhaltiger Lebensmittel zu einer Überschreitung der von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit vorgeschlagenen Akuten Referenzdosis von 0,001 mg/kg Körpergewicht führen kann“, erklärt Paulus.

Die Akute Referenzdosis beschreibt die THC-Menge, die kurzfristig aufgenommen werden kann, ohne dass psychomotorische und psychogene Effekte zu erwarten sind. „Daher sollten Schwangere auch auf einen dauerhaften Konsum dieser Produkte möglichst verzichten“, resümiert Paulus. 

 
Frauen, die keine konsequente Kontrazeption betreiben, sollten insbesondere vor einem kombinierten Konsum von Alkohol und Cannabinoiden gewarnt werden. Dr. Wolfgang E. Paulus
 

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....