Demenz-Risiko Fußballspielen: Ex-Profis leiden gehäuft unter neurodegenerativen Erkrankungen

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

7. November 2019

Profifußballer, die im Laufe ihrer Karriere Tausende von Bällen köpfen und ab und an mit Mit- und Gegenspielern am Kopf zusammenstoßen, sind möglicherweise einem erhöhten Demenz-Risiko ausgesetzt. Eine retrospektive, im New England of Medicine publizierte Studie unter ehemaligen schottischen Fußballprofis hat ein überproportional hohes Risiko ergeben, an neurodegenerativen Erkrankungen zu sterben [1].

Zwar war die allgemeine sowie die kardiovaskuläre Mortalität der ehemaligen Profi-Kicker niedriger als die der Kontrollteilnehmer aus der schottischen Allgemeinbevölkerung, doch der Anteil der Sterbefälle mit neurodegenerativen Erkrankungen als Haupt-Todesursache war unter den Ex-Profifußballern signifikant höher, berichten die Autoren unter der Leitung von Dr. Daniel F. Mackay, Institut für Gesundheit und Wohlbefinden an der Universität von Glasgow, Schottland.

Gefahr durch Kopftraumata in Kontaktsportarten 

Dass lebenslanger Sport vor chronischen Erkrankungen schützt und den kognitiven Verfall bremsen kann, haben zahllose Studien gezeigt. Jedoch ist unklar, ob Leistungssportler in Sportarten, bei denen Mitspieler und Gegner in Körperkontakt treten, mit negativen gesundheitlichen Langzeitfolgen rechnen müssen. In vorherigen Studienberichten wurde bei Profisportlern, die Kontaktsportarten wie American Football ausübten, eine Häufung neurogenerativer Erkrankungen wie Alzheimer, amyotrophe Lateralsklerose (ALS) oder chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE) festgestellt. Bei Letzterer, auch Boxer-Syndrom genannt, handelt es sich um eine durch häufige Schläge auf den Kopf verursachte neurale Dysfunktion.

 
Es scheint so, dass nicht nur die ‚großen Schläge‘ symptomatische Schädel-Hirn-Verletzungen verursachen, die das Risiko für eine spätere neurologische Störung erhöhen. Dr. Robert A. Stern
 

Aufgrund dieser Erkenntnisse wird diskutiert, ob nicht nur Kampfsportarten, insbesondere Boxen, sondern auch andere Sportarten, bei denen Kopftraumata auftreten können, das Risiko für neurogenerative Erkrankungen erhöhen. „Es scheint so, dass nicht nur die ‚großen Schläge‘ symptomatische Schädel-Hirn-Verletzungen verursachen, die das Risiko für eine spätere neurologische Störung erhöhen“, schreibt Dr. Robert A. Stern vom CTE-Zentrum an der Boston University School of Medicine, Boston, USA, in einem begleitenden Editorial [2].

Vielmehr habe man festgestellt, dass wiederholte Kopfstöße über einen längeren Zeitraum mit späterer Neuropathologie, Markern für Neurodegeneration und kognitiven sowie neuropsychiatrischen Symptomen einhergehen. 

Ob solche Langzeit-Problematiken auch bei ehemaligen Profifußballern, die den Ball im Laufe ihrer Profi-Karriere über Jahre hinweg bei Spielen und im Training immer wieder mit dem Kopf treffen, und bisweilen mit Mitspielern und Gegnern am Kopf zusammenstoßen, gehäuft auftreten, war bislang unklar. Im Durchschnitt köpfen Fußballspieler den Ball 6 bis 12 Mal pro Spiel, schreibt Stern. So kämen sie in ihrer Laufbahn inklusive Kopfballtraining auf Tausende Kopfbälle.

In einer retrospektiven Kohortenstudie haben Mackay und Kollegen nun Todesfälle aufgrund neurogenerativer Erkrankungen unter 7.676 ehemaligen schottischen Profifußballern und 23.028 Kontrollpersonen aus der Allgemeinbevölkerung gegenübergestellt. „Erkenntnisse bei ehemaligen Spielern zu den gesundheitlichen Folgen könnten für das Risikomanagement in dem jeweiligen Sport nützlich sein“ schreiben sie.

Um die Inzidenz von Demenzerkrankungen näher zu beziffern, haben sie auch Informationen zur Einnahme von Medikamenten zur Behandlung einer Demenz in die Analyse mit einbezogen.

Sterberate unter Ex-Fußballern insgesamt niedriger

Über einen Zeitraum von 18 Jahren war die Mortalitätsrate unter den Profifußballern mit 15,4% etwas niedriger als unter den Kontrollpersonen (16,5%). Während die Sterberate aufgrund ischämischer Herzerkrankungen bei den ehemaligen Fußballern um 20% niedriger ausfiel als bei den Kontrollpersonen, starben relativ mehr Fußballer als Kontrollpersonen an Demenzerkrankungen.

Unter den Ex-Fußballprofis betrug die Sterberate mit neurodegenerativen Erkrankungen als Haupt-Todesursache 1,7%; unter den Kontrollteilnehmern nur 0,5%. Unter Einbezug der Todesfälle mit neurodegenerativen Erkrankungen als eine Todesursache war der Unterscheid noch deutlicher (2,9% vs 1,0%).

Besonders gehäuft traten bei Fußballspielern Todesfälle aufgrund der Alzheimer-Krankheit auf. Infolge von Morbus Alzheimer starben 5 Mal mehr Fußballer als Kontrollpersonen. Da CTE weder in der ICD-9, noch in der ICD-10 kodiert wurden, konnten Todesfälle aufgrund dieser Erkrankung nicht separat analysiert werden.

Ex-Fußballer nehmen mehr Demenz-Medikamente

Dass Profi-Fußballer einem erhöhten Demenz-Risiko ausgesetzt sein könnten, wurde durch die Erkenntnisse zur Medikamenten-Einnahme bestätigt. Ex-Fußballern wurden fast 5 Mal häufiger Präparate zur Behandlung einer Demenzerkrankung verschrieben als Kontroll-Teilnehmern.

Obwohl sich hinsichtlich der Mortalitätsrate aufgrund von neurogenerativen Erkrankungen kein Unterschied zwischen Feldspielern und Torhütern zeigte, nahmen Feldspieler häufiger Medikamente zur Behandlung einer Demenzerkrank ein als Torhüter.

„Die Erkenntnisse dieser Analyse, die zeigen, dass Medikamente für die Behandlung von Demenzerkrankungen häufiger ehemaligen Fußballern als den Kontrollteilnehmern verschrieben wurden, unterstützen die Beobachtungen, die wir durch den Vergleich der Totenscheine gemacht haben“, berichten die Autoren.

Nicht auf den Amateurfußball übertragbar?

Es sei fraglich, ob die Erkenntnisse aus der retrospektiven Untersuchung von Profi-Fußballern auch auf Amateursportler übertragbar seien, bemerken Mackay und Kollegen. Die Studie, so Editorialist Stern, sollte daher nicht zu „unangemessener Angst und Panik“ unter Spielern, Eltern oder Trainern führen. „Eltern, deren Kinder den Ball in Jugend- oder Schulmannschaften geköpft haben, sollten nicht denken, dass ihre Kinder später automatisch unter kognitivem Verfall leiden oder eine Demenz entwickeln“; schreibt Stern.

 
Eltern, deren Kinder den Ball in Jugend- oder Schulmannschaften geköpft haben, sollten nicht denken, dass ihre Kinder später automatisch unter kognitivem Verfall leiden oder eine Demenz entwickeln. Dr. Robert A. Stern
 

Jedoch sollten die Erkenntnisse von Mackay und Kollegen zu weiteren Untersuchungen führen und die Kurz- sowie mögliche Langzeitfolgen von Kopfstößen im Sport mehr ins Bewusstsein rücken. „Wir brauchen mehr Studien zu den neurologischen Konsequenzen von Kopfbällen im Fußball“, fordert Stern.

Das schließe auch Untersuchungen bei ehemaligen weiblichen Profis und Amateurspielern ein. „Vielleicht reicht die Evidenz aber schon aus, um festzustellen, dass wiederholte Schläge aufs Gehirn durch Kopfbälle im Fußball ein Berufsrisiko sind, was zur Sprache gebracht werden muss“, schreibt er.
 

Kommentar

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