Gewichtsreduktion bei Typ-2-Diabetes: Warum „Regainer“ wenigstens unter der 25%-Marke bleiben sollten

Liam Davenport

Interessenkonflikte

4. November 2019

Gelingt es Typ-2-Diabetikern, nach intensiver Lebensstil-Änderung das reduzierte Körpergewicht zu halten, bessern sich kardiometabolischen Risikofaktoren nachhaltig. Wer allerdings wieder zunimmt, verliert nicht nur diese Vorteile. Das Stoffwechselprofil kann sich sogar noch weiter verschlechtern, sagen US-Forscher [1].

In einer neuen Datenanalyse der Look-AHEAD-Studie (Action for Health in Diabetes) haben Dr. Samantha E. Berger von der Tufts University in Boston und ihr Team fast 1.600 Personen untersucht, die ihren Lebensstil deutlich verändert hatten. Vor allem Patienten, die zunächst mindestens 10% ihres Körpergewichts abgenommen hatten – und das reduzierte Gewicht über 4 Jahre hielten – schnitten bei Cholesterin-, Blutzucker- und Blutdruckwerten signifikant besser ab als Personen, die wieder zugenommen hatten.

 
Diese Ergebnisse machen deutlich, wie wichtig nicht nur das Abnehmen ist, sondern das gesunde Körpergewicht auch zu halten. Dr. Alice H. Lichtenstein
 

So weit – so bekannt. Allerdings deutet die jetzt im Journal of the American Heart Association veröffentlichte Arbeit auch darauf hin, dass sogar Patienten, die wieder zunehmen, noch kardiometabolische Vorteile haben können, wenn sie nicht mehr als 25% ihres ursprünglichen Gewichtsverlustes wieder zulegen. Vorteilhaft sei es also, bei mindestens 75% der ursprünglich erzielten Gewichtsabnahme zu bleiben, folgern Autoren.

„Diese Ergebnisse machen deutlich, wie wichtig nicht nur das Abnehmen ist, sondern das gesunde Körpergewicht auch zu halten“, so die Seniorautorin der Arbeit Dr. Alice H. Lichtenstein, Direktorin des Cardiovascular Nutrition Laboratory am Human Nutrition Research Center on Aging an der Tufts University, in einer Pressemitteilung der AHA.  „Wenn Sie abnehmen und das niedrigere Gewicht nicht halten, verringern sich die positiven Effekte oder sie verschwinden sogar wieder ganz“, warnt sie, räumt aber auch ein, dass dies nicht einfach umzusetzen sei.

Das Ziel: Gewicht verlieren, den neuen Wert halten

Gegenüber Medscape sagt Lichtenstein, dass „Menschen im Allgemeinen verstehen, dass sie abnehmen müssen“. Aber: Sie wendeten sich „oftmals extremen Diäten zu, um erfolgreich abzunehmen. Wir vermitteln aber wohl nicht ausreichend, wie sehr es darauf ankommt, dieses Gewicht dann auch zu halten“, erklärt sie.

 
Die Menschen fühlen sich großartig, wenn sie schnell abnehmen. Jedoch stellen sich keine metabolischen Vorteile ein, wenn sich nicht auch die tägliche Art der Ernährung bzw. die Steuerung des Energiehaushaltes nachhaltig verändern. Dr. Alice H. Lichtenstein
 

„Die Menschen fühlen sich großartig, wenn sie schnell abnehmen“, ergänzt Lichtenstein. „Jedoch stellten sich keine metabolischen Vorteile ein, wenn „sich nicht auch die tägliche Art der Ernährung bzw. die Steuerung des Energiehaushaltes nachhaltig verändern“. Das heißt im Klartext: Man muss seinen Lebensstil „im Grunde lebenslang ändern“, damit sich ein neues Gleichgewicht im Stoffwechsel einstellen kann. Programme zur Gewichtsreduktion sollten „viel stärker betonen, was passiert, nachdem jemand sein Gewicht erfolgreich heruntergefahren hat und nicht nur diesen Umstand feiern“, sagt die Expertin.

Gewichtsabnahme: Vergleich unterschiedlicher Muster

Nur wenige Studien haben Personen mit nachhaltig erfolgreicher Gewichtsabnahme („Maintainer“) und Personen, die wieder an Gewicht zugelegt haben („Regainer“), direkt miteinander verglichen. Auch sei wenig darüber bekannt, wie kardiometabolische Risikofaktoren beeinflusst werden, wenn man nach erfolgreicher Gewichtsabnahme wieder zunimmt.

In der randomisierten kontrollierten Look-AHEAD-Studie wurden Menschen mit Typ-2-Diabetes und einem BMI (Body-Mass-Index) über 25 kg/m2 (oder über 27 kg/m2 bei bestehender Insulinpflicht) in 2 Gruppen geteilt:

  • mit intensiver Intervention zur Gewichtsreduktion

  • oder mit Standardbehandlung.

Die Intervention dauerte 1 Jahr und umfasste Treffen in Selbsthilfegruppen, Kalorien- und Fettrestriktionen sowie Empfehlungen zu Ernährungsumstellung und körperlicher Aktivität, mit dem Ziel, etwa 7% des Körpergewichts zu verlieren. Die Teilnehmer, die an 16 Orten in den USA rekrutiert worden waren, wurden anschließend 3 Jahre nachbeobachtet.

Für die aktuelle Analyse konzentrierten sich die Untersucher auf 1.561 Personen aus der Studie, die der Interventionsgruppe zugeordnet waren, anfänglich mindestens 3% ihres Körpergewichts verloren hatten und bis zum Ende des 4. Jahres Follow-up-Daten geliefert hatten. Hier wurden Gruppen gebildet, je nachdem, wie viel Gewicht die Teilnehmer nach der anfänglichen Gewichtsabnahme wieder zugenommen hatten.

Wer gar nicht zugenommen hatte (0%), wurde als „Maintainer“ klassifiziert, alle anderen als „Regainer“. Die „Regainer“ wurden wiederum in 4 Gruppen eingeteilt: mit 25%, 50%, 75% und 100% Zunahme des ursprünglichen Gewichtsverlustes. Nach Adjustierung an demografische und medikamentöse Faktoren sowie am Ausmaß der BMI-Veränderungen im ersten Jahr, wurden die Änderungen bei den kardiometabolischen Risikofaktoren bei Maintainern und Regainern verglichen. Das Ergebnis wurde zudem für Teilnehmer mit weniger und mit mehr als 10% anfänglicher Gewichtsabnahme separat bewertet.

Erwartungsgemäß besserten sich die kardiometabolischen Risikofaktoren bei denjenigen, die zunächst mehr abgenommen hatten, mit signifikant höherer Wahrscheinlichkeit. Sie benötigten signifikant weniger häufig eine neue antidiabetische oder antihypertensive Medikation – und wenn sie eine solche Therapie bereits hatten, konnte diese häufiger abgesetzt werden.

Bei über 10% Reduktion des Gewichts sollten 75% davon gehalten werden

Die „Maintainer“, die mehr als 10% des Ausgangsgewichts verloren hatten, verzeichneten auch den stärksten Rückgang an Risikofaktoren. Gelang ihnen eine Gewichtsstabilisierung bei mindestens 75% der initialen Gewichtsabnahme, blieben die kardiometabolischen Risikofaktoren immer noch signifikant und nachhaltig besser. Im Gegensatz dazu verschlechterten sich bei den „Regainern“ – auch wenn sie anfangs mindestens 10% abgenommen hatten – die kardiometabolischen Risikofaktoren während des Follow-ups wieder signifikant.

Und: „Wer bereits initial weniger als 10% seines Ausgangsgewichts abnehmen konnte, tut zwar auch gut daran, dies möglichst zu halten“, schreiben die Autoren. „Doch scheint eine Gewichtsreduktion in dieser Größenordnung nur wenig Einfluss auf die kardiometabolischen Risikofaktoren zu haben.“

Die Ergebnisse ihrer Analyse zeigen, wie wichtig Interventionsprogramme sind, die sich nicht nur auf die Gewichtsabnahme konzentrierten, sondern auch die Stabilisierung des Erreichten im Blick haben – „angesichts der negativen Auswirkungen einer neuerlichen Gewichtszunahme“. „Man muss wirklich darum bemühen, die einmal erreichte Gewichtsreduktion auch zu halten“, sagt Lichtenstein. Und auch weitere Studien dazu seien notwendig, wie sich eine teilweise Wieder-Zunahme nach einer erfolgreichen Gewichtsreduktion langfristig gesundheitlich auswirke.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

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