Verletzungen des Sprunggelenks: So schützen Sie Ihre Patienten vor Folgeschäden

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

1. November 2019

Berlin – Ein „Umknicken“ mit dem Fuß mag oft banal erscheinen – doch auch wenn lediglich Weichteile verletzt sind, drohen bei nicht adäquater ärztlicher Abklärung und Therapie ernste Folgeschäden.

Prof. Dr. Benita Kuni

Worauf es für deren bestmögliche Vermeidung ankommt, wie die optimale Therapie aussieht und wie sich Risikofaktoren für eine erhöhte Verletzungsanfälligkeit des Sprunggelenks minimieren lassen, erläuterte Prof. Dr. Benita Kuni vom Ortho-Zentrum in Karlsruhe auf einer Pressekonferenz anlässlich des diesjährigen Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) in Berlin [1].

Häufig bei Sportlern, häufig im Alltag

Sprunggelenkverletzungen sind nicht nur Spitzenreiter unter den Sportverletzungen (insbesondere bei Ball-, Kontakt- und Tanz-Sportarten), sondern auch im Alltag sehr häufig ­– etwa bei der Arbeit oder auf dem Weg dorthin.

So erfasste die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) 2017 bei Stolper-, Rutsch- und Sturzunfällen 38% Verletzungen im Bereich des Knöchels und Fußes. Davon waren 39% Zerrungen/Verstauchungen und 15% Brüche, wie Kuni berichtete. Verletzungen des Fußes und Sprunggelenks machten 2017 insgesamt 18% aller Verletzungen bei Arbeits- und Wegeunfällen aus, davon entfielen 59% auf das obere Sprunggelenk.

„Sicher gibt es bei diesen Traumata noch eine hohe Dunkelziffer, da viele Menschen nach einer weichteiligen Sprunggelenkverletzung häufig gar nicht zum Arzt gehen“, so die Karlsruher Orthopädin.

Langzeitschäden drohen

Das Tückische: „Verletzungen des Sprunggelenks treten sehr oft zu einem späteren Zeitpunkt erneut auf“, warnte Kuni. Im Schnitt sei dieses Wiederholungsrisiko im ersten Jahr nach dem Trauma verdoppelt.

 
Verletzungen des Sprunggelenks treten sehr oft zu einem späteren Zeitpunkt erneut auf. Prof. Dr. Benita Kuni
 

Zu den möglichen Langzeitschäden der Verletzung zählen insbesondere eine dauerhafte Instabilität des Gelenks mit häufigem Umknicken sowie eine posttraumatische Arthrose, zu der es selbst bereits bei jüngeren Menschen innerhalb weniger Jahre kommen kann.

Leitliniengerechte Versorgung

„Das Verletzungsausmaß sollte daher bereits im Rahmen der Erstversorgung genau untersucht, und es sollte nach Vorverletzungen gefragt werden, um umgehend weitere Behandlungsschritte einzuleiten“, betonte Kuni. Dabei helfen die Empfehlungen des International Ankle Consortium.

Im Fall eines Knochenbruchs geht es primär um die operative Versorgung oder Ruhigstellung (AWMF-Leitlinie Sprunggelenkfraktur). Die weitaus zahlreicheren weichteiligen Verletzungen betreffen besonders häufig den Kapsel-/Bandapparat des oberen Sprunggelenks (Überdehnung oder Ruptur des Lig. talofibulare anterius, seltener auch von 2 oder allen 3 dort lokalisierten Bändern oder sogar von subtalaren Strukturen und calcaneocuboidalen Bändern), wie Kuni im Gespräch mit Medscape erläuterte.

Therapiert werden die Weichteilverletzungen überwiegend konservativ – durch Anlage einer ausreichend stabilisierenden, idealerweise geschnürten bzw. adaptierenden semirigiden Sprunggelenk-Orthese für einen Zeitraum von mindestens 5 Wochen (AWMF-Leitlinie Akute Außenbandruptur am oberen Sprunggelenk).

Für Balletttänzerinnen und andere, die anschließend (zur Sekundärprävention) keine starren Orthesen tragen können, gibt es spezielle Tape-Verbände in Form von Schlingen, die zusätzlich den besonders bei Drehbewegungen gefährdeten Mittelfußbereich schützen. Die Überprüfung des Therapieverlaufs und der Akzeptanz einer Hilfsmittelversorgung sollte engmaschig sein, damit Folgeschäden verhindert werden.

Vernetzung zwischen Haus- und Fachärzten empfohlen

Um sowohl eine umfassende Erstversorgung als auch eine adäquate Anschlussbehandlung sicherzustellen, plädiert Kuni für eine enge Vernetzung zwischen Hausärzten, Notfallambulanzen und den niedergelassenen Orthopäden und Unfallchirurgen: „Jeder Patient mit einer Sprunggelenkverletzung sollte möglichst auch von einem Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie gesehen werden.“

Bei der Erstversorgung sei zu berücksichtigen, dass die Erkennung subtiler (aber unter Umständen langfristig ebenfalls folgenträchtiger) Verletzungen bei der Erstversorgung durch lokale Schwellungen, Hämatome und Schmerzen erschwert sein kann.

Sekundärprävention: Koordinationstraining und Abbau von Übergewicht

„Eine bedeutende Rolle“, so die Karlsruher Expertin, „spielen Maßnahmen zur Verhinderung erneuter Verletzungen.“ Adäquate Behandlung allein schützt nämlich nur bedingt vor dem erneuten Umknicken mit Distorsion oder gar Fraktur.

Umso wichtiger ist deshalb auch die vom Patienten aktiv unterstützte Sekundärprävention: Die Patienten sollten zur Anwendung von Hilfsmitteln in risikoreichen Alltagssituationen und bei beruflichen wie sportlichen Aktivitäten beraten werden. „Insbesondere kann neben dem Tragen der Orthese ein regelmäßiges, täglich durchgeführtes koordinatives Training erneuten Verletzungen vorbeugen, bei Übergewicht ist eine Gewichtsreduktion anzustreben“, so Kuni.

 
Insbesondere kann neben dem Tragen der Orthese ein regelmäßiges, täglich durchgeführtes koordinatives Training erneuten Verletzungen vorbeugen … Prof. Dr. Benita Kuni
 

Das Koordinationstraining lasse sich relativ einfach in Eigenregie zu Hause absolvieren, bei Bedarf nach initialer physiotherapeutischer Anleitung. Trainieren sollten Patienten auf instabilen Untergründen wie einem dafür im Sanitätshandel erhältlichen Balancekissen, z.B. aus Schaumstoff.

Gewichtsreduktion und Koordinationstraining (Empfehlungen dazu finden sich im Internet) können natürlich auch zur Primärprävention von Sprunggelenkverletzungen genutzt werden.

 

Kommentar

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