Alzheimer-Wirkstoff Aducanumab: Hersteller plant nun doch Zulassungsantrag – trotz spektakulärem Studienabbruch im März

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

28. Oktober 2019

Kehrtwende beim Alzheimer-Wirkstoff Aducanumab? Offenbar plant der Biotech-Konzern Biogen nun doch im nächsten Jahr bei der U. S. Food and Drug Administration (FDA) die Zulassung für Aducanumab zu beantragen. Noch im März hatte das Unternehmen die beiden Phase-3-Studien EMERGE  und  ENGAGE mit dem Antikörper gestoppt, weil es keine Hinweise auf eine klinische Wirksamkeit gegeben hatte.

Die Entwicklung des Wirkstoffs galt damit als gescheitert. Jetzt teilte der Konzern mit, dass der Wirkstoff in einer höheren Dosierung doch den Verlust von Gedächtnisleistung, Orientierung und Sprachvermögen von Alzheimer-Patienten verlangsamt habe. Weitere, umfangreichere Analysen hätten das ergeben.

 
Der offensichtlich verfrühte Studienabbruch hat die Fachwelt im Frühjahr erschüttert und nicht nur den Wirkstoff, sondern gleich das gesamte Therapieprinzip in Frage gestellt. Prof. Dr. Richard Dodel
 

„Bis zum Frühjahr hat es sich um ein vielversprechendes Medikament gehandelt, die Studienergebnisse waren bis dahin durchweg positiv. Der offensichtlich verfrühte Studienabbruch hat die Fachwelt im Frühjahr erschüttert und nicht nur den Wirkstoff, sondern gleich das gesamte Therapieprinzip in Frage gestellt. Die jetzt zur Verfügung gestellte spärliche Datenauswertung lassen aber noch viele Fragen offen“, erklärt DGN-Experte Prof. Dr. Richard Dodel, Neurologe an der Universität Duisburg-Essen in einer Stellungnahme.

„Wir hoffen aber auf die Aufnahme des Zulassungsverfahrens, damit die Therapie schnell im klinischen Alltag eingesetzt werden kann.“

Neue Analyse ändert das Bild

Die Entscheidung, nun doch einen Antrag auf Zulassung zu stellen, basiert auf einer neuen Analyse, untersucht wurde ein größerer Datensatz.

In EMERGE (n = 1.638 Patienten) und ENGAGE (n = 1.647 Patienten) waren die Wirksamkeit und Sicherheit von 2 Dosierungsschemata von Aducanumab gegen Placebo untersucht worden. Nach den Ergebnissen einer Futility-Analyse wurden die Studien am 21. März 2019 abgebrochen. Die Futility-Analyse basierte auf den Daten von 1.748 Patienten (EMERGE: n = 803; ENGAGE: n = 945). Prognostiziert wurde, dass beide Studien ihren primären Endpunkt nach Abschluss wahrscheinlich nicht erreichen würden.

 
Wir hoffen auf die Aufnahme des Zulassungsverfahrens, damit die Therapie schnell im klinischen Alltag eingesetzt werden kann. Prof. Dr. Richard Dodel
 

Die neue Auswertung bezog nun eine größere Datenmenge (EMERGE: n = 982; ENGAGE: n = 1.084) als die Zwischenauswertung ein. In der neuen Analyse erreichte die EMERGE-Studie nun den primären Endpunkt: Unter der Therapie mit Aducanumab verlangsamte sich der klinische Verlauf signifikant.

Wie der Konzern mitteilte, deutete auch ein Subset der Daten der ENGAGE-Studie darauf hin, dass zumindest die Patienten, die hohe Dosen erhielten, von der Therapie profitierten. Kognition und Gedächtnisfunktion waren verbessert, auch die Orientierung und das Sprachvermögen und die Patienten konnten ihren Lebensalltag besser bewältigen.

Erste ursächliche Therapie gegen Alzheimer

„Die neuen Daten geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Eine zuverlässige Beurteilung der Angaben von Biogen kann aber erst erfolgen, wenn die Daten aus den klinischen Versuchen mit Aducanumab vollständig vorliegen,“ sagt Prof. Dr. Sascha Weggen von der Universität Düsseldorf und ehemaliges Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der gemeinnützigen Alzheimer Forschung Initiative, in einer Pressemitteilung der Alzheimer Forschung Initiative e.V.

 
Die neuen Daten geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Prof. Dr. Sascha Weggen
 

„Angesichts einer so verheerenden Krankheit, von der weltweit mehrere 10 Millionen Menschen betroffen sind, ist die heutige Ankündigung im Kampf gegen Alzheimer wirklich ermutigend“, meint auch Michel Vounatsos, Vorstandsvorsitzender von Biogen, in der Pressemitteilung des Unternehmens. Er fügt hinzu: „Wir sind zuversichtlich, Patienten die erste Therapie anbieten zu können, mit der die klinische Verschlechterung der Alzheimer-Krankheit verzögert werden kann, und hoffnungsvoll, dass sich diese Ergebnisse auf ähnliche Therapieansätze, die auf Amyloid-Beta gerichtet sind, auswirken werden.“

Würde Aducanumab zugelassen, wäre dies der erste Wirkstoff, der an einer der möglichen Ursachen der Alzheimer-Krankheit ansetzt. Der Antikörper Aducanumab richtet sich gegen aggregiertes Beta-Amyloid, das für die Alzheimer-Krankheit charakteristisch ist. Allerdings sind die genauen Ursachen von Alzheimer bislang noch ungeklärt.

Bislang gibt es keine Medikamente, die auf die grundlegenden Mechanismen der Erkrankung einwirken. Bisherige Medikamente können die Hirnleistung stimulieren und den Verlauf der Krankheit vorübergehend verlangsamen. Darüber hinaus können Begleiterscheinungen der Erkrankung, zum Beispiel eine Depression, behandelt werden. Seit 18 Jahren ist kein neues Alzheimer-Medikament auf den Markt gekommen.

 

Kommentar

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