Men just wanna have fun – in dänischer Studie steigert Fußballspielen bei Männern mit Prostatakrebs die Lebensfreude

Nick Mulcahy

Interessenkonflikte

28. Oktober 2019

„Keine Frage – lieber sterbe ich auf dem Fußballplatz als in einem Hospiz“, erklärt der 80-jährige Lasse. Und sein Mitspieler Patrick, 73, ergänzt: „Wenn wir da draußen sind … Sie hören es vielleicht … werden wir wieder zu den Jungs von früher. Man fühlt sich noch einmal, als könne man die ganze Welt erobern!“

Männer mit Prostatakarzinom wollen offenbar einfach nur Spaß haben – und spielen lieber Fußball, am liebsten in schicken Trikots, statt krebsspezifische Übungen zu machen. Diese und andere erstaunliche Einsichten stammen aus einer dänischen Studie an 214 Männern mit Prostatakarzinom, welche die erste ihrer Art ist. Die durchschnittlich 68 Jahre alten Männer wurden zufällig einer über 6 Monate 2-mal wöchentlich spielenden Fußballgruppe oder einer Gruppe mit der üblichen Versorgung zugeteilt.

 
Keine Frage – lieber sterbe ich auf dem Fußballplatz als in einem Hospiz. Lasse
 

Beim Follow-up nach einem Jahr wies die Fußballgruppe signifikante Verbesserungen bei der psychischen Gesundheit und beim BMI auf. Zudem war sie durch seltenere Krankenhauseinweisungen gegenüber der Kontrollgruppe aufgefallen, so die Untersucher unter Leitung von Dr. Eik Dybboe Bjerre, Wissenschaftler an der Uniklinik in Kopenhagen. Auch gab es kein erhöhtes Frakturrisiko bei den Fußballspielern, was wichtig war, denn 19% der Teilnehmer wiesen zu Beginn Skelettmetastasen auf.

Studie ausgeweitet

Nachdem die Studie mit akzeptabler Sicherheit bei Fußballvereinen in 5 Städten durchgeführt und als „Studie der FC Prostata Community“ bekannt wurde, setzte der dänische Fußballverband die Untersuchung in 15 weiteren Vereinen an anderen Orten fort. Sowohl in der ersten Studie von 2015 bis 2018 als auch danach erfolgte die Rekrutierung über Poster und Flyer in urologischen Praxen.

Bei dem 2-mal wöchentlich für jeweils eine Stunde stattfindenden Fußballspiel bildeten die Männer 2 Teams und spielten 5 gegen 5. Jedes Team wurde von einem Freiwilligen als Trainer überwacht, der eine minimale Unterweisung zum Thema Prostatakrebs erhalten hatte. In manchen Gruppen kauften sich die Spieler eigene einheitliche Mannschaftstrikots. Die neuen Daten der einjährigen Studie wurden in PLOS Medicine veröffentlicht [1].

Fußballspieler sein anstatt Patient

Die Studie trotze den üblichen Gewissheiten über Krebspatienten und Sport, meint Bjerre. „Die Hauptmotivation der Männer ist es nicht, gesund zu sein“, erklärt er gegenüber Medscape, „sondern der Spaß mit Gleichaltrigen in einer strukturierten Umgebung“ stünde im Vordergrund. „Die Gesundheit oder der Krebs sind kein Thema, wenn sie hierher kommen“, stellt er fest. Ein Fußballspieler zu sein, sei gewissermaßen das Gegenteil von einem Krebspatienten: „Die Männer sagten, Fußball zu spielen bedeutet, nicht in der passiven Patientenrolle festzustecken.“

Von den Patienten, die in der klinischen Studie der Fußballgruppe zugewiesen wurden, entschieden sich 59% dazu, nach der 6-monatigen Intervention weiter zu spielen. „Das war wichtig“, sagt Bjerre. „Wir alle wissen, dass Bewegung gesund ist, aber wir wissen nicht wirklich, wie wir dieses Verhalten fördern können, besonders nicht bei Männern.“ Die Studie zeigt jedoch, dass Teamsportarten eine gute Gesundheitsförderung für Krebspatienten sein können, die auch langfristig zu binden vermögen.

 
Die Hauptmotivation der Männer ist es nicht, gesund zu sein, sondern der Spaß mit Gleichaltrigen in einer strukturierten Umgebung. Dr. Eik Dybboe Bjerre
 

Dr. Arjun Gupta, Onkologe an der Johns Hopkins University in Baltimore, Maryland, warb für die Studie auf Twitter und begrüßte die Ergebnisse: „Sport, und vor allem Mannschaftssport, macht mehr Spaß, die Patienten sind engagierter und das Ganze bietet zudem die Möglichkeit, Freundschaften und Gemeinschaften aufzubauen, die über das zweimal wöchentliche Treffen hinausgehen“, erklärt er gegenüber Medscape.

Bewegung in Form von vorgegebenen, repetitiven Aktivitäten sei für viele Patienten wenig aufregend, meint er: „Da ich selbst wegen eines Meniskusschadens seit einigen Jahren nur das Allernötigste von meinem Trainings- und Physiotherapieprogramm zuwege bringe, kann ich bestätigen, wie langweilig Routineübungen sein können.“

Männlichkeit ein Problem bei Männern mit Prostatakrebs

Ältere Männer erinnern sich bei Mannschaftssportarten gern an ihre Jugend und ihre Männlichkeit, bestätigen mehrere Experten für Medscape. Das ist für Männer, die mit einem Prostatakarzinom leben müssen, von unschätzbarem Wert, so Dr. Anna Campbell, Professorin für Sportwissenschaften an der britischen Napier University in Edinburgh, die nicht an der Studie mitgewirkt hat.

Unter den Studienteilnehmern waren 40% einer Hormontherapie ausgesetzt, die darauf abzielt, die Androgen-Spiegel auf das Niveau von kastrierten Männern abzusenken, wie sie feststellte. „Viele dieser Männer sind auf Androgen-Entzugstherapie, was bedeutet, dass ihr Testosteronspiegel niedriger ist. Sie entwickeln Brüste, nehmen zu, werden emotionaler“, sagt sie zu Medscape. „Wenn sie wieder Fußball spielen, tun sie etwas Männliches.“

Fußball spielten viele schon in der Jugend

Als international anerkannte Expertin ist Campbell mit den Ergebnissen der dänischen Studien sowie mit qualitativen Untersuchungen zur Motivation der Männer in der Studie bestens vertraut. Diese Forschung führte unter anderem zu den eingangs erwähnten Zitaten von Teilnehmern, die eine tiefe Leidenschaft für das Fußballspiel zeigten.

Campbell sagt, dass sich 50% der Krebspatienten in Großbritannien für konventionelle krebsspezifische Trainingsprogramme entscheiden, während die anderen 50% eher ganz persönliche Aktivitäten wie die Teilnahme an einer lokalen Wandergruppe oder etwa Badminton bevorzugten. Die Männer in der dänischen Studie sieht sie eher in der letztgenannten Gruppe.

„In Europa ist Fußball die wichtigste Sportart“, sagt Bjerre. In der „FC Prostate Community Trial“ hatten 60% der Teilnehmer in ihrer Jugend selbst Fußball gespielt, allerdings nur 4% auch noch in den letzten Jahren, sodass der Prozess viele Männer wieder zu ihrem einstigen Hobby zurückführte. „Führte man die Studie in den USA durch, würde man wohl eine andere Sportart auswählen“, meint Bjerre.

Es gab mehrere Studien über Fußball als Therapie bei Erwachsenen, auch mit Krebserkrankungen, aber immer unter großer Kontrolle an universitären Einrichtungen, sagte Bjerre. Die vorliegende neue Studie sei die erste, die sich Krebspatienten in lokalen Gemeinschaften oder in der „realen Welt“ widme.

„Wir können die in unseren Gemeinden vorhandenen lokalen Strukturen nutzen, um körperliche Aktivität kostengünstig und niederschwellig zu ermöglichen“, sagt er. Die Studie wurde in den lokalen dänischen Clubs Lyseng IF, Fremad Valby, Østerbro IF, EfB und KFUM Odense statt, die zu den 1.600 Fußballvereinen des kleinen Dänemarks gehören.

 
Die Männer sagten, Fußball zu spielen bedeutet, nicht in der passiven Patientenrolle festzustecken. Dr. Eik Dybboe Bjerre
 

In 98 Gemeinden Dänemarks wird die Krebsrehabilitation im Rahmen des nationalen Gesundheitsprogramms angeboten. Somit ist diese Intervention jetzt mit 20 Vereinen, die Fußball für Männer mit Prostatakrebs anbieten, in etwa 20% der dänischen Gemeinden verfügbar. Laut Bjerre ist es wohl die einzige derartige nationale Initiative in Europa.

Verletzungen als Auszeichnung

In den letzten Lebensdekaden Fußball zu spielen, ist nicht ohne Risiko. In der Fußballgruppe gab es „ziemlich viele kleine Sportverletzungen“– vor allem Muskelzerrungen, sagte Bjerre. Aber Campbell wies auf eine unerwartete Reaktion der Männer auf dieses Risiko hin. So erwies es sich als weitere klinische Überraschung, dass sich derartige kleinere Verletzungen auch segensreich auf die psychische Gesundheit der Betroffenen auswirken können. „Wenn sie sich verletzt hatten, sprachen sie – und das ist kein Scherz – davon mit einem gewissen Stolz: „Ja, Sportverletzung … hab‘ ich mir beim Fußball geholt!“

Die Ehefrauen der Männer stellten auch fest, dass ihre Männer plötzlich „einen federnden Schritt hatten“, wenn sie zum Training gingen, sagt er.

Was kann Sport für Krebs-Patienten leisten?

Für Dr. Daniel Santa Mina, Professor am Institut Exercise and Cancer der University of Toronto in Kanada ist der Einsatz verschiedener Sportarten zur Aktivierung von Männern mit Krebs nicht neu. „Wir haben gerade eine Pilotstudie an Männern mit Hodenkarzinom abgeschlossen, die am Training der Uni-Mannschaften im Basketball mit Spiel-, Kraft- und Konditionstrainern teilgenommen haben“, teilt er Medscape mit. Das Interesse an der Nutzung von Sport als Mittel zur Gesundheits- und Fitness-Förderung sei „definitiv ansteigend“.

Aber in der Krebsbehandlung stößt der Sport auch an seine Grenzen. In der aktuellen Studie war der primäre Endpunkt die Veränderung der Mittelwertdifferenz für die Prostatakrebs-spezifische Lebensqualität nach 12 Wochen. In der Fußballgruppe und in der Gruppe mit der Standardversorgung ähnelten die Ergebnisse denen vom Anfang der Intervention.

„Ihre Harnkontinenz können wir ihnen leider nicht zurückgeben“, fasst Bjerre diesen Umstand zusammen. Allerdings könne körperliche Aktivität das Gesamtüberleben von Männern und Frauen, die mit einer Krebserkrankung leben, nach epidemiologischen Daten und nach Beobachtungsdaten verlängern, sagt Campbell.

Ein solcher Nutzen sei in einer randomisierten kontrollierten Studie noch nie nachgewiesen worden, fügt sie hinzu. Das könne sich jedoch in den kommenden Jahren ändern, da große Studien zu diesem Thema an Patienten mit Prostata-, Darm- und Brustkrebs auf dem Weg seien.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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