„Ganz neue Therapiemöglichkeit bei Herzinsuffizienz" – wie die Ergebnisse der VICTORIA-Studie Risikopatienten helfen

Prof. Dr. Johann Bauersachs 

Interessenkonflikte

23. April 2020

Redaktionelle Kooperation

Medscape &

Auf dem Jahreskongress des ACC sorgte das neue Medikament Vericiguat für HFrEF-Patienten mit hohem Risiko für Aufsehen. Prof. Dr. Johann Bauersachs diskutiert, was es wirklich bringt.

Transkript des Videos von Prof. Dr. Johann Bauersachs, Hannover:

Ich begrüße Sie ganz herzlich zu diesem Videokommentar zur VICTORIA-Studie. Ich bin Professor Johann Bauersachs, Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie an der Medizinischen Hochschule Hannover und Sprecher der Klinischen Forschungsgruppe 311 „Präterminales Herz- und Lungenversagen“.

Wie bei allen Kolleginnen und Kollegen ist mein Alltag seit Anfang März ganz anders als zuvor. COVID-19 hält uns in Atem, auch wenn es in Deutschland vermutlich nicht ganz so fatal wird wie befürchtet.

Der erste große internationale Herzkongress, der nur virtuell abgehalten werden konnte, war der Kongress des American College of Cardiology (ACC). Er hätte Ende März in Chicago stattfinden sollen. Stattdessen wurde dort im Kongresszentrum für mehrere tausend Patienten eine Notklinik gebaut.

Die internationale VICTORIA-Studie

Ich berichte Ihnen über eine interessante Studie zur Behandlung der Herzinsuffizienz, die in der Hotline-Session auf dem ACC-Kongress vorgestellt und zeitgleich im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde [1, 2] (siehe auch Bericht unter Medscape Deutschland).   

Es handelt sich um die VICTORIA-Studie. Sie wurde erfolgreich beendet, also mit einem signifikant positiven Ergebnis. Die Studie wurde von der internationalen VICTORIA Study Group durchgeführt. Die Leitung hatte Prof. Dr. Paul Wayne Armstrong aus Alberta (Kanada). Unterstützt wurde die Studie von den Firmen Bayer und MSD.

Patienten mit HFrEF nach Dekompensation

Eingeschlossen wurden Patienten mit systolischer Herzinsuffizienz, also der so genannten Heart Failure with reduced Ejection Fraction (HFrEF) mit einer systolischen Ejektionsfraktion unter 45%. Die Patienten litten unter einer sich verschlechternden chronischen Herzinsuffizienz und sie waren vor kurzem dekompensiert gewesen.

Untersucht wurde zusätzlich zu einer hervorragenden Standardbehandlung der Herzinsuffizienz der Effekt einer Therapie mit Vericiguat, einem neuen oralen Stimulator der sog. löslichen Guanylatzyklase (sGC). Vericiguat erhöht die Bildung von zyklischem Guanosinmonophosphat (cGMP) und hat dadurch zahlreiche positive Effekte auf Herz und Gefäße.

Primärer Endpunkt erreicht

Die wichtigsten Ergebnisse der VICTORIA-Studie sind:

  • Der primäre Endpunkt kardiovaskuläre Letalität oder erste Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz war in der mit Vericiguat behandelten Gruppe signifikant vermindert.

  • Dies war vor allem auf eine signifikante Reduktion der Hospitalisierungsrate zurückzuführen, während die Verminderung der kardiovaskulären Sterblichkeit die Signifikanz nicht ganz erreichte.

  • Außerdem war der Endpunkt Gesamtsterblichkeit oder Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz signifikant reduziert.

Die Ergebnisse sind von hoher Bedeutung für die Behandlung der systolischen Herzinsuffizienz. Wir wissen, dass gerade Patienten, welche vor kurzem wegen Herzinsuffizienz hospitalisiert werden mussten, ein besonders hohes Risiko für erneute Hospitalisierung oder Tod haben.

Erhebliche Risikosenkung bei guter Verträglichkeit

Hervorheben möchte ich außerdem, dass die Patienten in der VICTORIA-Studie mit den Standardmedikamenten der Herzinsuffizienz ganz hervorragend vorbehandelt waren, wie ACE-Hemmer, Betablocker oder Mineralokortikoid-Rezeptorantagonisten.

Auf den ersten Blick erscheint in der Kaplan-Meier-Kurve die Verminderung des primären Endpunkts nicht so drastisch. Es ist aber zu bemerken, dass in absoluten Zahlen gesehen die Verminderung erheblich ist und dass hieraus ein Number needed to treat (NNT) von nur 24 Patienten pro Jahr resultiert. Das ist ein exzellenter Wert.

Außerdem möchte ich hervorheben, dass die Rate an Nebenwirkungen in der Placebo-Gruppe und in der mit Vericiguat behandelten Gruppe nicht signifikant unterschiedlich war. Insbesondere war eine erwartete Nebenwirkung, die Hypotension, nicht signifikant häufiger unter Vericiguat.

Ein weiterer Pfeil im Köcher zur Behandlung der Herzinsuffizienz

Wir haben jetzt also mit dem Stimulator der löslichen Guanylatzyklase Vericiguat eine ganz neue Therapiemöglichkeit bei der Herzinsuffizienz mit erwiesener zusätzlicher Wirksamkeit. Das ist ein wichtiger Schritt in der Behandlung der Herzinsuffizienz, weil wir trotz der Kombination aus mehreren Medikamenten immer noch eine erhebliche Sterblichkeit und Hospitalisierungsrate haben. Insbesondere gilt das für Patienten, die bereits kürzlich wegen Herzinsuffizienz einen Krankenhausaufenthalt hatten.

Von daher sind wir als Herzinsuffizienz-Spezialisten froh, dass wir nun einen weiteren Pfeil im Köcher haben, um unsere Patienten optimal zu behandeln. Außerdem ist hervorzuheben, dass in der Gruppe der Patienten, die mit einem sog. ARNI, also Sacubitril/Valsartan anstelle ACE-Hemmer vorbehandelt worden waren, der positive Effekt von Vericiguat genauso stark ausgeprägt war wie in der Gesamtgruppe.

Interessant wird sein, wo Vericiguat in der Therapie der systolischen Herzinsuffizienz eingeordnet wird. Neben dem gerade schon erwähnten ARNI, also Sacubitril/Valsartan, ist außerdem dieses Jahr noch eine Zulassung für die sog. SGLT2-Hemmer zu erwarten. Diese haben auch positive Effekte bei systolischer Herzinsuffizienz gezeigt.

Für meine Vorstellung hat Vericiguat eine ganz besondere Rolle – gerade bei den Patienten, die aufgrund einer sich verschlechternden Herzinsuffizienz ein besonders hohes Risiko aufweisen.

Ich danke Ihnen fürs Zuhören und Zusehen.

Ich bin Johann Bauersachs aus der Medizinischen Hochschule Hannover. Ich bin auch Mitglied im Executive Committee der Heart Failure Association (HFA) der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC).

Ich wünsche Ihnen allen während dieser schwierigen Zeit starke Nerven und vor allem gute Gesundheit.

Herzlichen Dank!

 

Kommentar

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