MEINUNG

Automatisches Pankreas gewinnt in Vergleichsstudie: „Kassen, bitte erlaubt das Closed-Loop-System für Typ-1-Diabetiker“ 

Prof. Dr. Stephan Martin

Interessenkonflikte

20. Januar 2020

In seinem Aufruf an alle Verantwortlichen bei den Krankenkassen fordert Prof. Dr. Stephan Martin, dass Kindern und jugendlichen Typ-1-Diabetikern das Closed-Loop-System bezahlt wird.  

Transkript des Videos von Prof. Dr. Stephan Martin, Düsseldorf

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es ist jetzt schon fast 100 Jahre her, dass Insulin im Jahr 1921 entdeckt und relativ schnell auf den Markt gebracht wurde. Insulin – das war eine der großen Revolutionen im Bereich der Medizin. Menschen, die zuvor dem Tod geweiht waren – ohne Insulin kann man nicht existieren – hatten plötzlich eine Chance, weiterzuleben. Junge Menschen, Kinder, Jugendliche konnten dank der Insulintherapie überleben.

Zu Beginn hatten wir in der Diabetologie tierische Insuline. Sie waren nicht besonders gut aufgereinigt. Es gab viele Probleme. Für eine Wirkung der Insuline mussten sich die Menschen streng an Ernährungsregeln halten. So mussten sie etwa Haupt- und Nebenmahlzeiten zu sich nehmen.

Die Revolution ging weiter. Heute hat man gentechnisch veränderte Insuline, die schnell, nicht so schnell oder sehr langsam wirken. Dies ist eine dramatische, positive Entwicklung.

Hierzu trägt auch die seit wenigen Jahren verfügbare kontinuierliche Blutzuckermessung bei, die es ermöglicht den Blutzucker mit entsprechenden Geräten kontinuierlich zu verfolgen. Man muss also nicht mehr mehrmals am Tag den Blutzucker blutig messen.

Zur weiteren Entwicklung haben Insulinpumpen beigetragen. Seit ganz kurzer Zeit ist in Deutschland ein so genanntes Closed-Loop-System zugelassen und eingeführt.

Was sind Closed-Loop-Systeme?

Closed-Loop-Systeme bestehen aus einer Insulinpumpe und einem Sensor zur kontinuierlichen Blutzuckermessung im Unterhautfettgewebe, die miteinander verbunden sind. Diese beiden Geräte kommunizieren miteinander. Wenn das System eingestellt und adaptiert ist, regelt ein Algorithmus automatisch die basale Insulinabgabe. Der Betroffene muss „nur noch“ zu den Mahlzeiten genau eingeben wie viele Kohlenhydrate er isst.

In der Nacht, wenn die Blutzuckerwerte abfallen, wird die Insulintherapie gestoppt. Und sie wird wieder hochgefahren, wenn die Blutzuckerwerte ansteigen. Mit dem System, das in Deutschland jetzt auf dem Markt ist, werden wir jetzt Erfahrungen sammeln.

Mehr Time-in-Range mit Closed-Loop-System

In der Mitte Oktober 2019 im New England Journal of Medicine erschienenen iDCL-Studie (International Diabetes Closed Loop trial) wurde das Closed-Loop-System eines weiteren Herstellers mit einer sensorunterstützten Insulinpumpentherapie verglichen.

112 Personen mit Typ-1-Diabetes waren in der Interventionsgruppe mit dem Closed-Loop-System, 56 in der Kontrollgruppe mit einer sensorunterstützten Insulinpumpentherapie. Die Kontrollgruppe wurde also auch schon sehr gut behandelt. Diese Gruppen wurden über ein halbes Jahr verglichen.

Zielparameter Time-in-Range

Primärer Endpunkt war der Time-in-Range-Bereich. Das ist ein neuer Parameter in der Diabetologie. Am Anfang der Studien hatte man sich immer auf den Nüchtern-Blutzuckerwert konzentriert, dann wurden die postprandialen Werte und der HbA1c-Wert untersucht. Nun verwenden wir die Time-in-Range als Endpunkt. Durch die kontinuierliche Messung kann man statistisch auswerten, wieviel Prozent der Zeit sich die Blutzuckerwerte innerhalb des Zielkorridors von 70 und 180 mg/dl bewegen.

Zu Beginn der Studie lag der Time-in-Range-Wert in beiden Gruppen bei etwa 60%, was nicht so schlecht ist. Der primäre Endpunkt wurde nach einem halben Jahr analysiert: Die Kontrollgruppe blieb bei 60%, die Interventionsgruppe verbesserte sich signifikant auf 70%.

Das ist meines Erachtens wichtig. Mit dieser Studie konnte gezeigt werden, dass die Geräte und der Algorithmus die Therapie deutlich verbessern.

Andere Parameter wie Zeiten der Unterzuckerung, Zeiten von Werten über 180 mg/dl, aber auch der HbA1c-Wert waren in der Closed-Loop-Gruppe signifikant gesunken. Auch hier wurden also unter den normalen Bedingungen einer Universitätsambulanz in dieser multizentrischen US-amerikanischen Studie hervorragende Ergebnisse erzielt

Was bedeuten diese Ergebnisse für uns?

Wir haben jetzt das, was wir immer wollten, nämlich ein „fast automatisches“ Pankreas. Was jetzt noch für die Nutzung bei Personen mit Typ-1-Diabetes fehlt, ist das Wohlwollen der Krankenkassen.

Ich möchte hiermit einen Aufruf starten: Alle Personen, die bei den Krankenkassen über den Einsatz eines solchen Systems entscheiden können, sollten überlegen wie sie entscheiden würden, wenn ihr eigenes Kind betroffen wäre. Würden Sie Ihrem Kind sagen, das kostet zwar ein bisschen mehr, das können wir aber nicht finanzieren? Bedenken Sie auch, welche Kosten am Ende des Lebens bei Krebstherapien entstehen, wo manchmal für nur ein halbes Jahr 10.000 oder 15.000 Euro ausgegeben werden. Da ist die Gesellschaft auch bereit dazu, diese Kosten mitzutragen.

Kinder und Jugendliche, junge Erwachsenen haben mit einem Closed-Loop-System eine deutliche Erleichterung, sie brauchen sich um den Diabetes nur noch bei den Mahlzeiten zu kümmern. Aktuell müssen sie sich 24 h am Tag permanent um ihre Erkrankung kümmern.

Wir haben hier also wirklich medizinische Erfolge für die Patienten und ich möchte allen Betroffenen raten, kämpfen Sie bei Ihren Krankenkassen. Den Entscheidern bei den Krankenkassen rufe ich zu, bitte erlauben Sie ein Closed-Loop-System, genehmigen Sie es unkompliziert. Das ist ein ganz wichtiger Schritt.

Ich hoffe, es war für Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, interessant und ich wünsche Ihnen alles Gute.

Ihr Stephan Martin
 

Kommentar

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