MEINUNG

„Wir brauchen ein One-Health-Konzept“ und „weniger Arroganz gegenüber Tierärzten“ – für gesündere Menschen, Tiere und die Umwelt

Prof. Dr. Dr. Andrea Winkler

Interessenkonflikte

20. November 2019

Das Konzept „One Health“ kann Prävention und Behandlung entscheidend verbessern. Doch dafür müssen Ärzte alte Denkmuster überwinden, sagt Prof. Dr. Dr. Andrea Winkler, Co-Chair der Lancet-Kommission zu One Health.

Transkript des Videos von Prof. Dr. Dr. Andrea Winkler von der Universität Oslo und der Technischen Universität München:

Mein Name ist Andrea Winkler und ich melde mich vom Weltgesundheitsgipfel (WHS), dem World Health Summit, in Berlin. Ich bin Professorin für globale Gesundheit an der Universität Oslo und leite dort ein gleichnamiges Zentrum. Ich leite zudem das Zentrum für Globale Gesundheit an der Technischen Universität in München – zusammen mit meiner Kollegin, Frau Professor Clarissa Prazeres da Costa.

Ich bin außerdem Co-Chair der Lancet-One-Health-Comission, zusammen mit meinem Kollegen Dr. John Amuasi aus Ghana. In der Lancet-Commission beschäftigen wir uns mit dem Konzept der „einen" Gesundheit. Darunter verstehen wir die Verzahnung der menschlichen, der tierischen Gesundheit und der Umwelt-Gesundheit.

Dazu kann man sich 3 Kreise vorstellen: Menschen-Gesundheit, Tier-Gesundheit und Umwelt-Gesundheit. Dann schaut man nach sich überlappenden Strukturen an. Diese können Mehrwert für den jeweils anderen Bereich generieren.

 
Es gibt viele Erkrankungen, die Mensch, Tier und die Umwelt betreffen Prof. Dr. Dr. Andrea Winkler
 

Damit meine ich zum Beispiel Investitionen in die Tiergesundheit. Wir sollten uns die Frage beantworten, was sie für den Menschen bringen. Oder Investitionen in die Umwelt – wie wirken sie sich auf die tierische und menschliche Gesundheit?

Für welche Erkrankungen ist das One-Health-Konzept besonders relevant?

Es gibt viele Erkrankungen, die Mensch, Tier und die Umwelt betreffen. Ganz konkrete Beispiele sind Zoonosen, die speziell bei Mensch und Tier auftreten, etwa die Tollwut-Erkrankung, die ja vom Tier auf den Menschen übertragen werden kann.

Andere Beispiele aus dem Umweltbereich sind aber auch gerade ganz aktuell. Man hat jetzt wirklich gute Evidenz, dass durch starke Luftverschmutzung in Ballungsgebieten das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfälle und allgemein für kardiovaskuläre Erkrankungen steigt. Bei diesen führt Luftverschmutzung interessanterweise zu einer vermehrten chronischen Inflammation.

Ein weiteres Beispiel ist Diabetes. Da ist man sich allerdings über die Pathogenese noch nicht ganz so schlüssig.

Wie kann One Health die Versorgung verbessern?

Für die Prävention bedeutet das: Wenn man für besseres Klima und Luft in den Städten sorgt, kann man verhindern, dass die kardiovaskulären Erkrankungen zumindest nicht durch Umweltgifte ansteigen.

Das Gleiche gilt auch für Erkrankungen aus dem Tierreich. Das heißt, wenn die Tiere gut geimpft sind, lohnt es sich bei manchen Erkrankungen gar nicht, den Menschen zu impfen, weil sie bei ihm nicht so häufig sind. Das wird oft nicht durchdacht. Tollwut ist zum Beispiel eine solche Erkrankung, bei der gute Erfolge durch das Impfen der Tiere erzielt wurden.

 
Humanmediziner bleiben gern unter sich und sind auch oft arrogant gegenüber den Tiermedizinern. Prof. Dr. Dr. Andrea Winkler
 

Welche Hindernisse gibt es in Deutschland für One Health?

Für One Health muss man wirklich zusammenarbeiten können. Wir sind schon traditionell sehr in unseren Bereichen verhaftet. Das heißt, die Humanmediziner bleiben gern unter sich und sind auch oft arrogant gegenüber den Tiermedizinern.

Ich möchte betonen, dass die Tiermediziner das One-Helath-Konzept eigentlich schon sehr lange beschrieben und das Wissen dazu generiert haben. Aber sie werden oft nicht gehört. Ärzte müssen natürlich auch auf die Umweltexperten zugehen, die Klimaforscher und die Ökologen.

Wir brauchen eine multi-disziplinäre Herangehensweise. Dazu muss man einfach aus seiner eigenen Komfortzone herausgehen und sich auch auf den anderen einlassen, seine Sprache verstehen lernen. Wir sollten zusammenkommen und gemeinsam Konzepte entwickeln.

Kommentar

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