Skandal um Heidelberger Bluttest auf Brustkrebs – Untersuchungskommission zweifelt: Gab es je einen erfolgreichen Test?

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

23. Oktober 2019

Der Skandal um den Bluttest auf Brustkrebs in Heidelberg geht in die nächste Runde. Eine Pressekonferenz, auf der die Untersuchungskommissionen ihre Ergebnisse zu den Vorgängen um den HeiScreen-Test vorstellen sollten, ist kurzfristig abgesagt worden.

Der ärztliche Direktor der Heidelberger Universitäts-Frauenklinik und Leiter des Brustzentrums der Frauenklinik, Prof. Dr. Christoph Sohn, Hautbeschuldigter im Bluttest-Skandal, hatte aufgrund des arbeitsrechtlichen Verfahrens das am Uniklinikum Heidelberg gegen ihn läuft, gegen die Öffentlichmachung der Erkenntnisse geklagt – und vor dem Verwaltungsgericht Karlsruhe Recht bekommen. Aufgrund der einstwilligen Verfügung darf sich das Universitätsklinikum Heidelberg nicht zu Erkenntnissen äußern, die Sohn betreffen.

Von der „Weltsensation“ zum Staatsanwalt

Der Bluttest war, wie Medscape berichtet hat, als sensationelle Neuentwicklung angekündigt worden. Von einer „revolutionären Möglichkeit“, Brustkrebs nicht-invasiv und rasch anhand von Biomarkern im Blut zu erkennen, hatte Sohn auf einer Pressekonferenz am 21. Februar gesprochen. Bild titelte am gleichen Tag von einer „Weltsensation“. Von einem „Meilenstein“ war auch in der Pressemitteilung des Universitätsklinikums die Rede.

Inzwischen sind die Vorgänge ein Fall für die Mannheimer Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität, die wegen Verdacht auf Kursmanipulation und Insiderhandel mit Aktien ermittelt.

2 Untersuchungskommissionen, 2 Berichte

Gleich 2 Untersuchungskommissionen – die „Kommission für gute wissenschaftliche Praxis“ (Senatskommission), die seit Mai unter der Leitung von Prorektor Prof. Dr. Stephen Hashmi die Vorgänge rund um den Bluttest HeiScreen untersucht hatte, und die Unabhängige Kommission unter dem Vorsitz von Dr. Christine Hohmann-Dennhardt und Prof. Dr. Matthias Kleiner, die vom Aufsichtsrat des Klinikums im April eingesetzt worden war, sollten gestern ihre Abschlussberichte präsentieren. 

Die Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) ist im Besitz beider Abschlussberichte, wie Sebastian Riemer, Leiter der Stadtredaktion Heidelberg der RNZ, auf Nachfrage von Medscape bestätigt. Der Bericht der Unabhängigen Kommission umfasse 400 Seiten, der Bericht der Senatskommission sei weniger umfangreich.

Ob die einstweilige Verfügung, die Sohn erwirkt hatte, Bestand habe, lasse sich nicht abschätzen, so Riemer. „Es kann durchaus sein, dass die Verfügung Bestand hat, bis das arbeitsrechtliche Verfahren gegen Prof. Sohn abgeschlossen ist.

Zum Stand des arbeitsrechtlichen Verfahrens äußere sich die Universitätsklinik – auch auf mehrere Nachfragen der RNZ – allerdings bislang nicht, berichtet er. Wie es in der Sache nun weitergeht? „Schwer zu sagen, wir erwarten schon, dass wir eine Meldung bekommen, wie der Stand des Arbeitsrechtsverfahrens gegen Prof. Sohn ist“, sagt Riemer.

Die einstwillige Verfügung gelte allerdings nur der Bericht der Unabhängigen Kommission, die Senatskommission hätte ihre Ergebnisse gestern bekanntgeben dürfen, erläutert der Journalist.

Seit Monaten recherchiert die RNZ den Skandal um HeiScreen am Uniklinikum, kann immer neue Details aufdecken: Demnach war etwa die PR-Kampagne zum Bluttest  „minutiös geplant“.

Senatskommission: Hat es einen erfolgreichen Bluttest je gegeben?

Die beiden Kommissionsberichte gelangen häufig zu ähnlichen Einschätzungen, unterscheiden sich aber auch in manchen Punkten. Laut RNZ lege der Bericht der Senatskommission nahe, dass es einen erfolgreichen Bluttest zur Brustkrebsfrüherkennung womöglich nie gegeben hat.

Denn der Bericht kommt zu dem Schluss, dass schon die junge chinesische Forscherin Rongxi Yang, auf deren Arbeiten die Entwicklung zurückgeht, in den Jahren 2014 bis 2016 bereits „fundamentale handwerkliche Fehler“ gemacht habe. So habe Yang für die Kontrollanalyse ihrer Daten dieselben Datensätze noch einmal verwendet. Bei identischen Daten wundere eine Trefferquote von 98% und 100% nicht wirklich, heißt es.

Zwar habe es Yang an wissenschaftlicher Sorgfalt fehlen lassen, ein wissenschaftliches Fehlverhalten sehen Hashmi und seine Kollegen aber nicht. Das setzt ihrer Einschätzung nach erst ein, nachdem Yang im Frühjahr 2017 aus dem Projekt gedrängt worden war und der verantwortliche Projektleiter, Sohn, die negativen Forschungsergebnisse des neuen Teams um Prof. Dr. Sarah Schott nicht zum Anlass für Konsequenzen genommen habe.

Sohn wird im Bericht der Senatskommission an 9 Stellen wissenschaftliches Fehlverhalten vorgeworfen, teilweise in gravierendem Ausmaß. So wird ihm unter anderem unterstellt, Yang aus ökonomischen Gründen aus dem Mammascreen-Projekt gedrängt zu haben.

Beide Kommissionen sehen Sohn als Hauptschuldigen

Die Senatskommission geht damit deutlich weiter als die Unabhängige Kommission. Diese schreibt von einer „klaren Überreaktion“ Sohns im Frühjahr 2017. Den Impuls für die Trennung von Yang sieht sie eher in der Tochterfirma der Uniklinik TTH.

Beide Kommissionen kommen in ihren Berichten aber zu dem Schluss, dass Sohn der Hauptschuldige in dem Skandal und letztlich auch treibende Kraft bei der Trennung von Yang gewesen sei. „Auch hat er den vorbestraften Investor Jürgen Harder mehr oder minder durchgedrückt“, so die RNZ. Harder gehört zum persönlichen Bekanntenkreis von Sohn.

Zudem unterstelle der Bericht der Unabhängigen Kommission an mehreren Stellen, es sei Sohn gewesen, der auf die frühzeitige Veröffentlichung und das Bild-Interview samt Video am 20. und 21. Februar 2019 gedrängt habe. Die RNZ hatte mit ihrer anschließenden kritischen Berichterstattung den Skandal um den unfertigen Bluttest ausgelöst.

Ferner geht die Unabhängige Kommission davon aus, dass die Klinikumsvorstände Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich, Irmtraut Gürkan und Prof. Dr. Andreas Draguhn jeweils in unterschiedlichem Ausmaß stets und umfassend über die schlechten Testergebnisse und auch die PR-Kampagne informiert waren.

Das Nicht-Eingreifen wird besonders im Fall Draguhn und im Fall Grüters-Kieslich als Fehler gewertet. Positiv bewertet wird hingegen die Rolle von Schott, die mehrmals auf die unvollständige Datenbasis hingewiesen habe und sich auch bemüht habe, die Pressekonferenz im Februar zu verhindern.

Auch Investor Harder, der erst die Mammascreen GmbH und dann den Bluttest-Vermarkter Heiscreen gründete, kommt im Bericht der Unabhängigen Kommission gut weg: Zu keiner Zeit habe er auf eine frühzeitige, also voreilige, Veröffentlichung des Testergebnisse gedrängt. Das treffe auch auf seine Berater, den früheren Bild-Chef Kai Diekmann und den österreichischen Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser zu.

Welche Rolle spielte Dekan Draguhn?

Geteilter Meinung sind beide Kommissionen in Bezug auf die Rolle des mittlerweile zurückgetretenen Dekans der Medizinischen Fakultät, Draguhn. Die Senatskommission wirft ihm vor, dass er die PR-Kampagne nur mit mangelnder Sorgfalt begleitet habe und unkritisch gegenüber dem vermeintlichen Bluttest-Erfinder Sohn gewesen sei. Beides ein „minderer Verstoß gegen gute wissenschaftliche Praxis“.

 
Wir setzen alles daran, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt die Kommissionsergebnisse vorstellen können. Dr. Simone Schwanitz
 

Im Bericht der Unabhängigen Kommission finden sich ergänzend zahlreiche entlastende Erklärungen Draguhns. Grüters-Kieslich bescheinigt die Unabhängige Kommission, als Einzige Korrekturen an dem Bild-Interview vorgenommen zu haben und sich dagegen ausgesprochen zu haben, die (später) nachweislich falsche Presseerklärung auf die Uni-Homepage zu setzen.

„Wir setzen alles daran, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt die Kommissionsergebnisse vorstellen können", erklärt die Aufsichtsratsvorsitzende des Uniklinikums, Dr. Simone Schwanitz, in einer Pressemitteilung des Universitätsklinikums.

Der Aufsichtsrat habe die externe Kommission damit beauftragt, den Sachverhalt in der Causa Bluttest/HeiScreen möglichst lückenlos aufzuklären, so Schwanitz. „Wir haben großes Interesse, dass diese Aufklärung in der größtmöglichen Transparenz geschieht.“

 
Wir haben großes Interesse, dass diese Aufklärung in der größtmöglichen Transparenz geschieht. Dr. Simone Schwanitz
 

Laut SWR  will das Uniklinikum jetzt prüfen, welche rechtlichen Mittel gegen die einstweilige Verfügung eingelegt werden können. Einen neuen Termin für die Pressekonferenz gibt es noch nicht, wahrscheinlich werde sie in den kommenden Tagen stattfinden, hieß es aus der Uni-Klinik.

 

Kommentar

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