Eine Frage der Geschwindigkeit: Gehtest prognostiziert, ob Schlaganfall-Patienten wieder fit für den Job sind

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

18. Oktober 2019

Ein simpler Gehtest kann zeigen, ob jüngere Schlaganfallpatienten wieder fit sind für den Wiedereinstieg in den Job. Das suggeriert eine kleine Studie mit 46 Schlaganfall-Patienten, die in der Fachzeitschrift Stroke veröffentlicht worden ist [1].

Von den 23% der Patienten zwischen 18 und 65 Jahren, die nach einem Schlaganfall ihre Berufstätigkeit wieder aufgenommen hatten, legten 90% bei einem Gehtest mehr als 0,93 Meter pro Sekunde zurück. 

„Ein Schlaganfall beeinträchtigt die motorische Kontrolle und Funktion. Um an den Arbeitsplatz zurückzukehren, muss man zum Auto, zu Bus, ins Büro oder zu Konferenzräumen gehen können“, sagt Studienleiterin Dr. Hannah Jarvis von der Manchester Metropolitan University, Manchester, UK. „Wer schlecht gehen kann oder schnell müde wird, ist in der Ausübung seines Berufs daher ernsthaft beeinträchtigt.“

 
Die Studie ist zwar sehr klein, untersucht aber mit der Laufgeschwindigkeit einen wichtigen Aspekt, der für die Regeneration und Alltagsfunktion von großer Bedeutung ist. Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Schäbitz
 

„Die Studie ist zwar sehr klein, untersucht aber mit der Laufgeschwindigkeit einen wichtigen Aspekt, der für die Regeneration und Alltagsfunktion von großer Bedeutung ist“, kommentiert Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Schäbitz, Pressesprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) und Leiter der Klinik für Neurologie am Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld.

Laufstrecke innerhalb von 3 Minuten ermittelt

Jeder vierte Schlaganfallpatient ist heutzutage unter 65 Jahre alt. Meist führt die Erkrankung zu längerer Arbeitsunfähigkeit. Bis zu 44% der Schlaganfallpatienten können ihre Berufstätigkeit nicht wieder aufnehmen – häufig, weil Gehfähigkeit und -geschwindigkeit beeinträchtigt sind. In Deutschland, schätzt Schäbitz, entfallen rund 50.000 der insgesamt rund 260.000 Schlaganfälle pro Jahr auf 50- bis 65-Jährige. Speziell zur Rehabilitation dieser „juvenilen“ Schlaganfall-Patienten gebe es bislang wenige standardisierte Untersuchungen. 

Die Wissenschaftler um Jarvis haben untersucht, inwiefern Gehgeschwindigkeit, zurückgelegte Gehstrecke und Energieaufwand für die Gehleistung mit einer Rückkehr in die vor dem Schlaganfall ausgeübte berufliche Tätigkeit zusammenhängt. Hierzu haben sie die Mobilität und den Energieaufwand für das Zurücklegen einer bestimmten Strecke von 46 Schlaganfall-Patienten aus Wales im Alter von 18 bis 65 Jahren mit der von 15 gleichaltrigen gesunden Probanden verglichen. Bis auf 4 Teilnehmer übten alle vor dem Schlaganfall eine Berufstätigkeit aus.

Die Teilnehmer wurden in 3 Altersgruppen unterteilt: 18 bis 40, 41 bis 54 und 55 bis 65 Jahre. Die Forscher ermittelten, wie schnell und wie weit die Teilnehmer in 3 Minuten gehen konnten. Die Gehgeschwindigkeit konnte jeder Teilnehmer selbst festlegen. Zudem wurden Gehmuster und Energieverbrauch während des Gehtests untersucht.

Schwellenwert bei knapp einem Meter pro Sekunde

Insgesamt gingen die Schlaganfall-Patienten langsamer als die gesunden Probanden. Die 41- bis 54-Jährigen beispielsweise schafften im Schnitt 0,80 bzw. 1,45 m/s. Im Schnitt gingen die Berufsrückkehrer mit 1,18 m/s deutlich schneller als diejenigen, die ihren Beruf nicht wieder ausüben konnten (0,74 m/s). Bei der Analyse der Gehgeschwindigkeiten zeigte sich, dass eine erfolgreiche Berufsrückkehr wahrscheinlich war bei denjenigen, die pro Sekunde mehr als 0,93 Meter Gehstrecke schafften.

Dieser kritische Wert „kann in der klinischen Praxis genau wie in künftigen Studien als Indikator für die Berufsrückkehr nach dem Schlaganfall genutzt werden“, schlussfolgern Jarvis und Kollegen.

Die Erkenntnis zu dieser Schlüsselmarke von knapp einem Meter pro Sekunde sei neu und rechtfertige die Publikation dieser kleinen Untersuchung, „die ansonsten eher als Pilotstudie gilt“, in einer derart renommierten Zeitschrift, bemerkt Schäbitz gegenüber Medscape.

Keine eindeutigen Erkenntnisse ergaben sich hinsichtlich der anderen untersuchten Parameter. Die Schlaganfall-Patienten in der jüngsten Altersgruppe brauchten zum Zurücklegen der Gehstrecke mehr Energie als gesunde Teilnehmer gleichen Alters. In den beiden anderen Altersgruppen bestand aber beim Kalorienverbrauch kein Unterschied. Kein Unterschied bestand auch bei der Schrittlänge zwischen Job-Rückkehrern und denen, die ihren Job nicht mehr ausüben konnten.

 
Die Gehgeschwindigkeit ist ein wirklich nützliches Tool für Ärzte, um den Wiedereinstieg in den Beruf zu prognostizieren. Dr. Hannah Jarvis Und Kollegen
 

„Bei den einzelnen Schlaganfall-Patienten waren die Ergebnisse sehr unterschiedlich“, bilanziert Jarvis. „Das unterstreicht die Tatsache, dass sich manche Menschen schneller erholen und rasch wieder ins Berufsleben zurückkehren, während andere derart große Beeinträchtigungen haben, dass sie nicht wieder arbeiten können.“

Gehtraining in der Reha intensivieren

„Die Gehgeschwindigkeit ist ein wirklich nützliches Tool für Ärzte, um den Wiedereinstieg in den Beruf zu prognostizieren. Der Test ist einfach, kostengünstig und effektiv“, resümieren die Autoren. Ebenfalls könnte Erkenntnisse aus dem Gehtest für die Ausrichtung der Reha-Maßnahmen genutzt werden, ergänzen sie.

 
Schlussfolgern aus dieser Studie kann man, dass ein noch größerer Schwerpunkt auf das Gehtraining gelegt und diese Fähigkeit noch spezifischer trainiert werden soll. Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Schäbitz
 

„In der Reha könnte auf diese Weise ein Fokus auf die Verbesserung der Gehgeschwindigkeit und die Beibehaltung der Gangqualität gelegt werden, um die Wahrscheinlichkeit der Rückkehr in den Beruf zu vergrößern“, sagt Jarvis.

Gehen sei eine der Funktionen, die in der Reha von Schlaganfall-Patienten regelmäßig trainiert werde, sagt Schäbitz. „Schlussfolgern aus dieser Studie kann man, dass ein noch größerer Schwerpunkt auf das Gehtraining gelegt und diese Fähigkeit noch spezifischer trainiert werden soll.“

 

Kommentar

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