23 Stunden bis zur Diagnose. „Time is brain“ gilt auch für den Schlaganfall bei Kindern! Kennen Sie die Warnzeichen?

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

17. Oktober 2019

Berlin – Besonders häufig ist er zwar bei Erwachsenen jenseits des 60. Lebensjahres. Doch kann ein Schlaganfall – wenn auch vergleichsweise selten – bereits Neugeborene, Säuglinge, Klein- und Schulkinder oder Jugendliche treffen. „Selbstverständlich besteht hier die gleiche Notfallsituation wie bei Erwachsenen, und ‚Time is brain‘“, betonte Dr. Lucia Gerstl vom Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München auf einer Pressekonferenz der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) in Berlin [1].

Dr. Lucia Gerstl

Meist wird die Diagnose viel zu spät gestellt

Das Problem: „Während die Behandlung erwachsener Schlaganfall-Patienten in Deutschland einem ausgefeilten Protokoll folgt und auf eine schnellstmögliche Versorgung ausgerichtet ist, dauert es bei Kindern noch immer durchschnittlich 23 Stunden, bis überhaupt die Diagnose gestellt wird“, erklärte die Münchner Kinderneurologin und Leiterin des Deutschen Netzwerks Pediatric Stroke.

 
Bei Kindern dauert es noch immer durchschnittlich 23 Stunden, bis überhaupt die Diagnose gestellt wird. Dr. Lucia Gerstl
 

Dies hat gravierende Folgen: So erhole sich nur jedes dritte Kind nach einem Schlaganfall vollständig, der Großteil leide langfristig unter neurologischen Beeinträchtigungen wie einer Halbseitenlähmung oder Epilepsie. Nicht zu unterschätzen seien zudem die Auswirkungen auf Verhalten und Kognition, was insgesamt meist eine langfristige interdisziplinäre medizinische und psycho-soziale Betreuung erfordere.

Mehr Awareness notwendig

Ein wichtiger Grund für die Defizite in der Schlaganfall-Versorgung von Kindern und Jugendlichen ist Gerstl zufolge die mangelnde Awareness – bei Eltern, Rettungs- und Pflegepersonal, aber auch bei Ärzten – dafür, dass Schlaganfälle überhaupt in diesem jungen Alter auftreten können.

Das liegt nicht zuletzt an deren relativ geringer Zahl: 300 bis 500 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland, wobei von einer nicht geringen Dunkelziffer aufgrund nicht korrekt gestellter Diagnosen auszugehen ist.

Hinzu kommt, dass unspezifische Schlaganfall-Symptome bei Kindern – etwa Kopfschmerzen, Übelkeit oder Schwindel – oft mit im Kindesalter weitaus häufigeren Krankheitsbildern wie etwa einer komplizierten Migräne in Zusammenhang gebracht werden. Auch gibt es bei Kindern mehr Differenzialdiagnosen für Schlaganfall-Symptome als bei Erwachsenen.

Test auf Schlaganfall-Symptome

In einer prospektiven epidemiologischen Studie, für die Gerstl und Münchner Kollegen insgesamt 164 kindliche und jugendliche Schlaganfall-Patienten untersuchten, zeigte sich, dass die überwiegende Mehrzahl (91%) der Kinder als erste Anzeichen fokale Ausfallerscheinungen wie eine Halbseitenlähmung, Gesichtslähmungen oder plötzlich auftretende Sprachstörungen entwickelten.

Zur Erkennung von Schlaganfall-Symptomen hat sich bei Erwachsenen der FAST-Test (Face-Arm-Speech-Time Test) etabliert. „FAST-Symptome wie eine einseitige Gesichtslähmung, eine Hemiparese oder eine Sprachstörung“, so die Expertin, „sollten ebenso bei Kindern und Jugendlichen immer an einen Schlaganfall denken lassen und Anlass für eine sofortige bildgebende Untersuchung (MRT (Goldstandard), CT) sein – auch dann, wenn gleichzeitig eher unspezifische Beschwerden wie Übelkeit oder Kopfschmerzen oder aber auch Krampfanfälle auftreten.“

 
FAST-Symptome … sollten ebenso bei Kindern und Jugendlichen immer an einen Schlaganfall denken lassen und Anlass für eine sofortige bildgebende Untersuchung sein. Dr. Lucia Gerstl
 

Darüber hinaus sollten anamnestisch auch akute bzw. neu von den Bezugspersonen beobachtete Veränderungen etwa der Motorik der Kinder stutzig machen, um die Möglichkeit eines Schlaganfalls einzubeziehen.

Zudem traten bei einem Teil der Kinder die Symptome nicht schlagartig auf, sondern zeigten einen „stotternden“ oder progredienten Verlauf. Auch das dürfe keinesfalls dazu verleiten, die Diagnose Schlaganfall auszuschließen, so Gerstl.

Um die Sensitivität des FAST-Testes zu erhöhen, plädieren die Münchner Forscher für den erweiterten beFAST-Test (mit Einschluss der Faktoren Gleichgewicht/Balance und Sehstörungen/Eyes).

Andere Risikofaktoren

Die Risikofaktoren für einen Schlaganfall bei Kindern sind vielfältig, spielen nicht selten zusammen, aber unterscheiden sich auch deutlich von denen bei Erwachsenen: „Es zählen dazu beispielsweise angeborene Herzfehler mit Rechts-Links-Shunt oder Kardiomyopathien, Vaskulopathien wie entzündungsbedingte Veränderungen der hirnversorgenden Gefäße oder Dissektionen, Auffälligkeiten in der Blutgerinnung, Infektionen, aber auch Stoffwechselerkrankungen oder genetische Ursachen“, wie Gerstl im Gespräch mit Medscape erläutert.

In welchem Alter es am ehesten zu einem Schlaganfall bei Kindern und Jugendlichen kommt, dazu wurden in der vorgenannten Studie 3 Häufigkeitsgipfel festgestellt: Sie lagen bei Säuglingen, Kindern unter 2 Jahren und postpubertär ab dem 12. Lebensjahr.

S3-Leitlinie in Vorbereitung

Bislang nicht zufriedenstellend ist Gerstl zufolge ebenfalls die Therapie der diagnostizierten Schlaganfälle: „Die bei Erwachsenen etablierten Methoden Thrombolyse und mechanische Thrombektomie sind bei Kindern bisher noch nicht evidenzbasiert und damit Off-Label-Therapien, denn es fehlt an wissenschaftlichen Studien dazu.“

Mit dem Ziel, die Versorgung von kindlichen und jugendlichen Schlaganfallpatienten zu verbessen, wurde 2015 das interdisziplinäre Deutsche Netzwerk Pediatric Stroke gegründet, dem sich Gerstl zufolge mittlerweile bereits mehr als 20 Akut-, aber auch Reha-Kliniken angeschlossen haben.

 
Oberstes Ziel muss es sein, die Zeit bis zu Diagnose und Therapiebeginn zu verringern, damit auch der Einsatz von Lysetherapie und mechanischer Thrombektomie grundsätzlich möglich ist. Dr. Lucia Gerstl
 

Nach Herausgabe des ersten deutschsprachigen Handbuchs zum kindlichen Schlaganfall im vergangenen Jahr erarbeiten Mitglieder des Netzwerks und weitere Experten aus Neurologie und Bildgebung unter Leitung von Gerstl und Prof. Dr. Maja Steinlin aus Bern derzeit eine S3-Leitlinie zu Diagnostik und Therapie des kindlichen Schlaganfalls, außerdem wird ein bundesweites Kinderschlaganfall-Register aufgebaut.

Das Netzwerk setzt sich dafür ein, die Kinderneurologie als Notfalldisziplin zu etablieren sowie interdisziplinäre Strukturen zur Akut- und Langzeitversorgung zu schaffen, auch unter Einsatz von Telemedizin. „Oberstes Ziel“, so Gerstl, „muss es sein, die Zeit bis zu Diagnose und Therapiebeginn zu verringern, damit auch der Einsatz von Lysetherapie und mechanischer Thrombektomie grundsätzlich möglich ist und damit auch Langzeitfolgen des Schlaganfalls weiter reduziert werden können.“

 

Kommentar

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