Keine Angst vor mehr als 38,5°C! Beim souveränen Umgang mit Fieber beim Kind helfen Studiendaten und eine Eltern-App

Petra Plaum

Interessenkonflikte

7. Oktober 2019

München – Wieso sollten Ärzte Eltern dazu ermutigen, Kinder hoch fiebern zu lassen – zumindest Kinder ohne Hirnschädigungen oder Grunderkrankungen? „Fieber ist ein physiologischer Mechanismus und es gibt keine Evidenz dafür, dass es den Verlauf einer Erkrankung verschlechtert“, sagte Prof.Dr. David Martin, Inhaber des Lehrstuhls für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin an der Universität Witten/Herdecke, in seinem Vortrag beim Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in München [1]. Im Gegenteil: „Wer Fieber bekommen kann, hat einen Überlebensvorteil.“

Prof. Dr. David Martin

Selbst bei den von Eltern gefürchteten Fieberkrämpfen im Kleinkindalter bestehe dem aktuellen Stand der Forschung zufolge meistens kein Anlass zu ernsthafter Sorge, ergänzt Martin

 
Fieber ist ein physiologischer Mechanismus und es gibt keine Evidenz dafür, dass es den Verlauf einer Erkrankung verschlechtert. Prof. Dr. David Martin
 

Er initiierte und leitet die FieberApp-Registerstudie, an der Eltern mit einem Smartphone teilnehmen können. Pädiater schalten sie dafür im Rahmen einer Pilotstudie frei. Ziel der App ist, Eltern zum souveränen Umgang mit Fieber zu ermutigen und überflüssige Medikamentengaben zu vermeiden. Auch helfen diverse per FeverApp erfasste Symptome und Patientendaten bei der Anamnese und bei Therapieentscheidungen.

38,5°C sind nicht das Maß aller Dinge

„Fieber muss einen evolutionären Vorteil haben, weil es so energie-kostspielig ist, dass es sich sonst nie durchgesetzt hätte“, erklärte Martin. Studien zeigen unter anderem, dass ältere Patienten mit Pneumonie, die nicht fiebern, einen schlechteren Outcome als Patienten haben, deren Körper hohes Fieber produziert.

Eine prospektive, randomisiert-kontrollierte Studie mit hospitalisierten Patienten zeigte 2005, dass frühzeitige fiebersenkende Therapien ab einer Körpertemperatur von 38,5°C mit einem höheren Risiko für Infektionen sowie für den Tod assoziiert waren, verglichen mit einer aktiven Fiebersenkung erst ab 40°C.

 
Fieber muss einen evolutionären Vorteil haben, weil es so energie-kostspielig ist, dass es sich sonst nie durchgesetzt hätte. Prof. Dr. David Martin
 

Die Studie wurde darum vorzeitig abgebrochen, und der damalige Studienleiter, Prof. Dr. Carl Schulman von der University of Miami Miller School of Medicine in Florida teilte Martin per E-Mail mit, seine Klinik senke inzwischen Fieber bei Patienten ohne zusätzliche Risiken erst ab 40°C.

„Das Immunsystem funktioniert besser bei höheren Temperaturen“, fasste Martin die Forschungsergebnisse zum Thema zusammen. „Viele Prozesse beschleunigen sich, und es kommt zu einem erhöhten metabolischen Grundumsatz.“ Das stelle bei den meisten organisch gesunden Kindern kein Problem dar.

 
Das Immunsystem funktioniert besser bei höheren Temperaturen. Prof. Dr. David Martin
 

Jedoch sei bei Patienten mit dem Verdacht auf Hirnschädigungen sowie bei Neugeborenen Fieber unbedingt ein Alarmsignal, so Martin weiter. „Neugeborene fiebern nur ganz selten in der ersten Lebenswoche, das ist vermutlich evolutionär, weil sie bei der Geburt eine milde oder auch nicht so milde Hypoxie durchlebt haben. Hohes Fieber wäre dann möglicherweise ein Nachteil fürs Gehirn.“

Nicht umsonst strebe man bei Patienten mit Hirnverletzung an, Fieber auf jeden Fall zu vermeiden. „Hypoxische Säuglinge bringen wir sogar, wenn sie gewisse Kriterien erfüllen, für einige Tage in die Unterkühlung, auf zirka 33 bis 35°C, da sich dadurch der Stoffwechsel verlangsamt und der Organismus sich erholen kann“, berichtet Martin. Kinder ohne Hypoxie können jedoch durch Fieber einen Schutz erfahren und sollten es daher auch durchleben dürfen.

Welche Körpertemperatur ist noch gesund?

Grundsätzlich, verdeutlichte der Experte, könne ein gesundes Kind 40 oder 41°C Körpertemperatur gut aushalten. Mit seinem Team analysierte Martin alle weltweit verfügbaren Leitlinien zum Thema. Von 48 Original-Leitlinien empfehlen ein Drittel eine Fiebersenkung oberhalb eines bestimmten Schwellenwertes, die meisten ab 38,5°C, aber manche auch erst ab 39°C oder auch 40,5°C Grad.

Im Umgang mit Fieber raten manche Leitlinien zu Paracetamol, andere zu Ibuprofen, andere zu beidem im Wechsel. Einige schlagen gar keine Fiebersenkung vor, sondern lediglich eine Schmerztherapie, wenn das Kind sichtlich unter Schmerzen leidet.

Nur drei Leitlinien gingen auf komplementäre und alternative Therapien ein. Es bestehe also ganz offensichtlich ein Bedarf nach weiterer Forschung und Vereinheitlichung der Leitlinien weltweit, sagt der Referent.

Eine hohe Flüssigkeitszufuhr sei nicht immer angezeigt; bei Säuglingen auf dem Weg zu einer Pneumonie könne dadurch eine lebensbedrohliche Hyponatriämie ausgelöst werden. „Das Trinken sollte auf keinen Fall forciert werden“, betonte Martin daher. Vor allem in der Phase des Fieberanstiegs werde ein Kind höchstens an etwas warmer Flüssigkeit interessiert sein.

Fieberkrämpfe: Forscher untersuchen, ob Wärme hilft

Zu den im Kleinkindalter gefürchteten Fieberkrämpfen und dem optimalen Umgang damit sei die Studienlage laut Martin uneinheitlich. Nach dem ersten Krampf sollten Eltern ihr Kind auf jeden Fall umfassend untersuchen lassen.

Meistens wird etwa zwei Wochen nach dem ersten oder zweiten Fieberkrampf ein EEG durchgeführt, um sicherzustellen, dass sich die Gehirnstromwellen wieder normalisiert haben. In Absprache mit dem Kinderarzt ist bei von Grund auf gesunden Kindern ab dem zweiten Fieberkrampf das Zuwarten im Elternhaus ungefährlich.

„Fieberkrämpfe sind drei randomisierten Studien zufolge nicht durch fiebersenkende Mittel vermeidbar“, merkte Martin an. Ob die regelmäßige Paracetamol-Gabe am Tag nach dem ersten Fieberkrampf das Risiko für einen erneuten Krampf in der gleichen Fieberphasen verhindern kann, ist derzeit unklar.

 
Fieberkrämpfe sind drei randomisierten Studien zufolge nicht durch fiebersenkende Mittel vermeidbar. Prof. Dr. David Martin
 

„Ärzte, die Paracetamol nach dem 1. Fieberkrampf empfehlen, handeln vielleicht gegen die meisten gegenwärtigen Leitlinien, aber ob sie gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse handeln, ist noch offen“, stellte Martin klar.

Martin erwähnte, dass er selbst die Hypothese überprüfe, dass Wärme bei einem Fieberanstieg Krämpfen möglicherweise vorbeuge. „In unserer Klinik wurde das empfohlen, wir haben bei den relativ wenigen Fällen, die wir hatten, auch keine weiteren Krämpfe gesehen, doch es gibt noch keine Studie dazu“, betonte der Arzt.

Das wäre plausibel, weil Wärme den Infekt-bedingten Anstieg von TNF-alpha- und Interleukin-6-Spiegeln dämpfen kann, und da beide die Krampfschwelle herabsetzen, könnte Wärme von außen möglicherweise die Krampfneigung mindern. Ansonsten beobachtete Martin: „Wärmezugabe beim Fieberanstieg kann Unwohlsein und Schüttelfrost vermindern“

Pilotstudie: Ärzte können die App Familien empfehlen

Martin setzt sich dafür ein, dass Krankenhäuser und Kinderarztpraxen fieberfreundlich werden – das kann sowohl Komplikationen durch Erkrankungen selbst als auch Nebenwirkungen von Schmerzmitteln und Antibiotika vorbeugen. In Kooperation mit Kollegen hat er ein Video produziert, das Eltern in Zeichnungen erklärt, wie sie ihr fieberndes Kind souverän auf dem Weg zur Genesung begleiten.

Auch die Red Flags, die zum Arztbesuch führen sollten – zum Beispiel eine auffällige Atmung, Trinkverweigerung, schrilles Schreien beim Baby, Ausschlag oder eine Krankheitsdauer über 3 Tage – stellt das Video vor.

Das Video ist Teil der FeverApp, welche Pädiater an Patientenfamilien weitergeben können. Die Entwicklung der App und deren Einsatz im Rahmen der von Martin geleiteten FieberApp-Registerstudie werden gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der Software AG – Stiftung und entwickelt an der Universität Witten/Herdecke in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und -ärztinnen (BVKJ). Auch Psychologen, Pädagogen, Eltern und Pflegefachkräfte hatten an der Entwicklung teil.

„Die FeverApp läuft jetzt im Rahmen einer randomisierten Pilotstudie auf Deutsch, geplant sind Übersetzungen in sieben Sprachen“, informierte Martin. Mithilfe der App sollen Eltern sowohl die Vorteile des Fiebers entdecken als auch die Möglichkeit bekommen, die Temperaturentwicklung und Symptome ihres Kindes im Tagesverlauf zu protokollieren.

Das erleichtert den Überblick darüber, wann das Befinden sich verbessert oder verschlechtert und erleichtert gegebenenfalls die Kommunikation mit Ärzten.

Den Zugangscode für die FeverApp erhalten Eltern über ihre Kinderarztpraxis. Alle Kinder- und Jugendärzte sowie Allgemeinärzte in Deutschland sind eingeladen, sich bei Martin (Kontakt: info@feverapp.de) zu melden, um Zugangscodes für ihre Patienten anzufordern. Auch steht Interessierten das FieberApp-Symposium am 18. Januar 2020 an der Universität Witten/Herdecke offen.
 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....