Tödlicher Sparzwang? Todesfälle beim oGTT – Kasse zahlt nun auch Fertigprodukt, aber es gibt Lieferengpässe

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

4. Oktober 2019

Nach dem Tod einer Mutter und ihres Babys aufgrund toxischer Substanzen in einem routinemäßig während der Schwangerschaft durchgeführten oralen Glukose-Toleranztest (OGTT) aus einer Kölner Apotheke hat die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) Krankenkassen jetzt zur Erstattung eines Fertigarzneimittels bewegt [1].

Ab sofort können Arztpraxen übergangsweise bis zum 31. Dezember 2019 das Fertigpräparat Accu Check® Dextro OGT-Saft (Hersteller: Roche) als Sprechstundenbedarf beziehen. Damit soll, so die KVNO in einem Statement, „der entstandenen Verunsicherung bei Patientinnen und Patienten und behandelnden Ärztinnen und Ärzten entgegengewirkt werden“.

Patienten sagen Test ab

Die Erstattung der Fertiglösung gelte jedoch nur im Einzelfall für Frauen im Versorgungsbereich Nordrhein, die vor dem Hintergrund des Kölner Vorfalls verunsichert seien, das Glukose-Wasser-Gemisch einzunehmen, betont Christian Elspas, Pressereferent bei der Techniker Krankenkasse (TK) Landesvertretung in Nordrhein-Westfalen gegenüber Medscape.

 
Durch die Erstattung wollen wir vermeiden, dass diese Frauen den Test aufgrund der Verunsicherung nicht machen. Christian Elspas
 

„Durch die Erstattung wollen wir vermeiden, dass diese Frauen den Test aufgrund der Verunsicherung nicht machen“, sagt Elspas. Es sei jedoch nicht geplant, die Erstattung auszuweiten, weder auf andere Versorgungsbereiche noch über das Quartalsende hinaus.

Da sehen andere GKVen ähnlich. Die jüngsten Ereignisse in Köln können „nicht als Präzedenzfall herangezogen werden, um die grundsätzliche Zubereitung von Arzneimitteln durch Apotheken generell anzuzweifeln und alle entsprechenden Apotheken unter Generalverdacht zu stellen“, betont eine Sprecherin der AOK Rheinland/Hamburg gegenüber Medscape.

Die AOK Rheinland/Hamburg könne jedoch die Verunsicherung der schwangeren Frauen, bei denen ein Test auf Schwangerschaftsdiabetes durchgeführt werden soll, sehr gut nachvollziehen.

„Daher haben die nordrheinischen Krankenkassen in einer gemeinsamen Vereinbarung mit der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein festgelegt, dass vorübergehend auch ein Ersatz für den vom Apotheker zubereiteten Glukose-Toleranz-Test übernommen wird. Ärztinnen und Ärzte können hierfür ein entsprechendes Fertigarzneimittel über den Sprechstundenbedarf beziehen und ausgeben.“

„Nach dem Vorfall in Köln bestand vor allem bei den Patientinnen Unsicherheit“, sagt Dr. Urs Schaden, Facharzt für Innere Medizin und Diabetologe in Düsseldorf gegenüber Medscape. „Wir werden von Ärzten angerufen, weil Patientinnen ihren Termin zum Glukose-Toleranztest abgesagt haben“, bestätigt Dr. Holger Neye, Leiter der Abteilung Pharmakotherapieberatung bei der KVNO, auf Nachfrage von Medscape.

 
Nach dem Vorfall in Köln bestand vor allem bei den Patientinnen Unsicherheit. Dr. Urs Schaden
 

Daraufhin habe die KVNO die Kassen gebeten, neben dem Glukose-Pulver auch das Fertigprodukt bis zur Klärung des Kölner Falls ohne besondere Prüfung zu erstatten.

Niedrigere Kosten – mehr Fehler bei der Anwendung

Im Jahr 2016 haben die Krankenkassen mit den KVen vereinbart, nicht mehr die 4,59 bis 5,53 Euro teure Fertiglösung (300 ml), sondern nur noch das um rund 4 Euro günstigere Pulver (1,21 Euro), das über Apotheken abgegeben wird, zu erstatten.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hatte den Entschluss der Krankenkassen damals in einem Positionspapier heftig kritisiert, vor allem aufgrund potenzieller Probleme bei der Zubereitung der Glukose-Lösung vor Ort. „Unserer Ansicht nach sollte beim oGTT nicht versucht werden, Kosten zu sparen, indem eine Selbstherstellung der Glukoselösung durch die Ärzte / Praxis erzwungen wird“, ist in dem DDG-Statement zu lesen.

Die Zubereitung des Gemischs sei in der Tat extrem aufwändig und mit einem hohen Fehlerrisiko behaftet, sagt Schaden, in dessen Praxis pro Quartal rund 160 oGTT durchgeführt werden. Die Glukose sei schlecht löslich und man müsse lange rühren bis zur vollständigen Lösung des Pulvers. „Das Problem: Erst das vollständige Lösen garantiert eine exakte Messung.“

Zudem blieben häufig Reste des Gemischs an der Verpackungsfolie hängen. „Die Folge: Messwerte können verfälscht werden“, so seine Erfahrung. „Nicht ganz unwichtig ist auch, dass das Pulver deutlich schlechter vertragen wird als die Fertiglösung.“

Aufgrund all dieser Risiken bei der Anwendung der Pulverlösung befürwortet Schaden eine dauerhafte Zulassung des Fertigprodukts. „Definitiv ist das Fertigprodukt sicherer, weil es nach einheitlichen Standards qualitätsgesichert hergestellt wird, verabreichungsfertig und ungeöffnet in der Praxis bereitsteht.“

 
Unserer Ansicht nach sollte beim oGTT nicht versucht werden, Kosten zu sparen, indem eine Selbstherstellung der Glukoselösung durch die Ärzte / Praxis erzwungen wird. Deutsche Diabetes Gesellschaft
 

Die übergangsweise Erstattung der Lösung gelte jedoch nur bis zur Klärung des Kölner Falls, sagt Elspas von der TK.

Tod durch multiples Organversagen – Ermittlungen laufen 

Am 19. September hatte ein Kölner Arzt der Polizei gemeldet, dass eine 28-jährige Frau und ihr per Notkaiserschnitt geborenes Kind an den Folgen der Einnahme eines Glukosegemisches gestorben seien, das aus der Apotheke in Köln-Longerich stamme. Inzwischen haben die Obduktionen bei beiden Toten einen Tod infolge multiplen Organversagens ergeben.

Bei einer weiteren Patientin, die sich auf Rezept ihres Arztes den gleichen oGTT aus derselben Apotheke aushändigen ließ, seien während der Einnahme bereits Komplikationen aufgetreten, so der Arzt. Sie hatte die Einnahme, als ihr unwohl wurde, abgebrochen.

Unklar ist bis jetzt, ob das Glukosegemisch vorsätzlich oder aufgrund einer Fahrlässigkeit verunreinigt wurde. Am 26. September veranlasste NRW- Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann die vorläufige Schließung der betroffenen Heilig Geist Apotheke im Kölner Stadtteil Longerich sowie zweier Kölner Filialen. Eine Mordkommission befragt derzeit Zeugen und analysiert Beweismaterial.

Untersucht wird auch, warum in der Kölner Apotheke überhaupt, wie Medien berichtet hatten, eine dort angerührte Lösung an die Frau abgegeben wurde. „Das kann ich mir nicht erklären“, sagt Neye von der KVNO. Üblicherweise werde das Glukose-Pulver von Arztpraxen in Einzelportionen über den Sprechstundenbedarf bei den Apotheken bestellt, erklärt der Apotheker. In der Apotheke werde die Einzelportion abgewogen und aus einem größeren Gefäß in ein Tütchen abgefüllt und in die Arztpraxis geliefert, wo das Glukose-Wasser-Gemisch hergestellt werde.

Dass die vielen Verarbeitungsschritte zur Herstellung einer Lösung aus Pulver Gefahren bergen, sei auch im Vorfeld klar gewesen, sagt Schaden. „Dass dabei mögliche Sicherheitslücken zu tragischen Todesfällen führen würden, konnte ich mir nicht vorstellen.“

 
Dass ... mögliche Sicherheitslücken zu tragischen Todesfällen führen würden, konnte ich mir nicht vorstellen. Dr. Urs Schaden
 

Lieferengpass bei der Fertiglösung

Allerdings gebe es aktuell Probleme bei der Belieferung von Arztpraxen mit dem vorübergehend erstattbaren Fertigprodukt, so Neye. Das habe der Hersteller auf seine Anfrage hin bestätigt. Erst Mitte Oktober sei Accu Check® Dextro OGT-Saft laut Informationen von Roche Pharma wieder lieferbar.

Im Arzneimittel-Großhandel, in Online-Versapotheken sowie in einzelnen Apotheken im Versorgungsbereich sei die Lösung aber noch vorrätig. „Die Ärzte müssen also momentan bei der Suche etwas erfinderisch sein.“

 

Kommentar

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