Fachgesellschaften, Cochrane-Forscher, Verbraucher sind für die Lebensmittel-Ampel Nutri-Score – jetzt auch Julia Klöckner

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

2. Oktober 2019

Lange genug hat es gedauert – jetzt macht Julia Klöckner mit der Lebensmittel-Ampel offenbar Ernst: „Als erweitertes Nährwert-Kennzeichen für Deutschland will ich den Nutri-Score einführen“, sagte die Bundesministerin bei der Präsentation der Ergebnisse einer repräsentativen Verbraucher-Umfrage des Bundesernährungsministeriums (BMEL) zu den Nährwert-Kennzeichnungsmodellen. Das Ernährungsministerium hatte 1.600 Verbrauchern 4 verschiedene Lebensmittel-Label vorgelegt: 57% der Befragten stimmten für den Nutri-Score ( Medscape hat berichtet ).

 
Als erweitertes Nährwert-Kennzeichen für Deutschland will ich den Nutri-Score einführen. Julia Klöckner
 

Die Ampel wird von Fachgesellschaften einhellig goutiert. „Wir begrüßen dieses Ergebnis. Denn auch wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass der Nutri-Score wirkt. In über 35 Studien wurde bewiesen, dass er für alle Bevölkerungsschichten verständlich ist und dass er am ehesten bewirkt, dass die Menschen gesündere Lebensmittel einkaufen”, kommentiert Dr. Frank Jochum, Präsident der Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM).

„Die Umfrage des Ministeriums bestätigt eindrücklich die zahlreichen wissenschaftlichen Nachweise zur Wirksamkeit des Labels. Mit der Entscheidung für den Nutri-Score leistet Frau Klöckner direkt einen Beitrag, eine gesunde Ernährung zu fördern“, stellt Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft, klar.

 
Notwendig sind weitere Schritte, unter anderem ein Verbot von an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Produkte, wie es die WHO empfiehlt. Barbara Bitzer
 

Sie fügt hinzu: „Wie die Ministerin aber selbst betont hat, kann der Nutri-Score nur einer von mehreren Bausteinen sein. Notwendig sind weitere Schritte, unter anderem ein Verbot von an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Produkte, wie es die WHO empfiehlt.“

Nägel mit Köpfen machen: Verpflichtende Kennzeichnung in Europa

Prof. Dr. Berthold Koletzko von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DGKJ), kommentiert in einer Stellungnahme der DGKJ: „Das Ergebnis zeigt, dass die Verbraucher sich ein leicht und auf den ersten Blick verständliches Modell zur Lebensmittel-Kennzeichnung wünschen. Der von der DGKJ präferierte Nutri-Score erfüllt diese Kriterien. Wir unterstützen ausdrücklich die Nährwertkennzeichnung (NWK) in Form des Nutri-Scores, wie ihn auch Frankreich, Spanien und Belgien unterstützen. Dieser wurde nach wissenschaftlichen Kriterien entwickelt und eingehend geprüft. Alle bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Art der Lebensmittelkennzeichnung zeigen eindeutig eine Überlegenheit des Nutri-Scores.”

 
Alle bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Art der Lebensmittelkennzeichnung zeigen eindeutig eine Überlegenheit des Nutri-Scores. Prof. Dr. Berthold Koletzko
 

Koletzko verweist auf eine im August veröffentlichte forsa-Umfrage: Darin bevorzugten 69% der befragten Personen den Nutri-Score gegenüber dem von von Klöckner in Auftrag gegebenen Kennzeichnungsmodell ‚Wegweiser Ernährung´. Er fügt hinzu: „Wir sind sicher, dass Bundesministerin Klöckner nun schnellstens die notwendigen Schritte einleitet, um den Nutri-Score auch in Deutschland einzuführen.“

„Wir freuen uns sehr über das eindeutige Votum der Verbraucher, das im Einklang mit unserer eigenen Verbraucher-Umfrage positiv für den Nutri-Score ausgefallen ist“, kommentiert Prof. Dr. Martina de Zwaan, Präsidentin der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG). „Wir favorisieren den Nutri-Score, weil seine Überlegenheit gegenüber anderen Nährwert-Kennzeichnungsmodellen mehrfach bewiesen wurde”, stellt Dr. Stefanie Gerlach fest, die die DAG im Begleitgremium zur Nationalen Reduktions-und Innovationsstrategie des Ernährungsministeriums vertritt.

 
Nun müssen Lebensmittelhersteller und Handel mitziehen und das freiwillige Label auch anwenden. Nicole Mattig-Fabian
 

Von einem „echten Durchbruch” spricht auch Nicole Mattig-Fabian, Geschäftsführerin von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, in einer Stellungnahme. „Nun müssen Lebensmittelhersteller und Handel mitziehen und das freiwillige Label auch anwenden”, betont Mattig-Fabian. Und Zwaan setzt hinzu: „Wir appellieren an Frau Klöckner, nun auch Nägel mit Köpfen zu machen und sich für eine verpflichtende Nutri-Score-Kennzeichnung in Europa einzusetzen.”

Was stört eigentlich an der Ampel?

Seit Jahren schon drängen medizinische Fachgesellschaften und die WHO auf politische Maßnahmen. Im Mai 2018 hatte ein breites Bündnis aus Fachorganisationen und mehr als 2.000 Ärzten in einem Offenen Brief folgende Maßnahmen von der Bundesregierung gefordert:

  • Die Einführung einer verständlichen Lebensmittel-Kennzeichnung in Form einer Nährwertampel,

  • die Beschränkung von Werbung, die sich an Kinder richtet,

  • eine Steuer auf besonders zuckerhaltige Getränke,

  • verbindliche Standards für die Schul-und Kitaverpflegung.

Es passierte – wenig. Dass eine Kennzeichnung in Ampelfarben sinnvoll ist, ist kein Geheimnis. Erst im Juni hatte eine Cochrane-Analyse bestätigt, dass eine Kennzeichnung in Ampelfarben – flankiert von anderen Maßnahmen – den Softdrink-Konsum deutlich senken kann.

Im vergangenen Jahr hatte Ministerin Klöckner das Max Rubner-Insitut (MRI) mit einer wissenschaftlichen Bewertung der in Europa verwendeten Kennzeichnungs-Modelle beauftragt. Im Herbst 2018 kam das MRI zu dem Schluss, dass die Nutri-Score-Ampel „grundsätzlich vorteilhaft für eine 'Front of Pack'-Nährwertkennzeichnung ist".

Der Einschätzung der Experten schloss sich die Ministerin allerdings nicht an und beauftragte das MRI mit der Entwicklung eines Sternmodells, das versucht, ohne Farbcodierung auszukommen. Im Juni entschloss sich Klöckner schließlich, die Verbraucher selbst zu befragen. Und die votierten eindeutig für die Ampel, gegen die Sterne.

 

Kommentar

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