Aktuelle Analyse zu rotem Fleisch als Gesundheitsrisiko: Kein Grund mehr, den Konsum einzuschränken?

Antje Sieb

Interessenkonflikte

2. Oktober 2019

Rotes Fleisch oder verarbeitete Fleischprodukte wie Wurst und Schinken haben auf die Sterblichkeit und das Auftreten verschiedener Erkrankungen wenn, dann höchstens einen sehr kleinen Einfluss, schreiben Experten der NutriRecs-Arbeitsgruppe um den Epidemiologen Prof. Dr. Bradley C. Johnston von der Dalhousie University im kanadischen Halifax in einer in den Annals of Internal Medicine veröffentlichten Artikelserie [1,2,3,4,5].

Zudem sei die Evidenzqualität für die Effekte von Fleischverzehr niedrig. „Die Kritik an der Datenlage zu rotem Fleisch ist völlig berechtigt“, stimmt ihnen Dr. Stefan Kabisch, Studienarzt am Potsdamer Institut für Ernährungsforschung DIfE zu. „Die Ergebnisse kommen ein bisschen überraschend, entsprechen aber weitestgehend dem, was wir bislang zu rotem Fleisch wissen.“

 
Die Kritik an der Datenlage zu rotem Fleisch ist völlig berechtigt. Dr. Stefan Kabisch
 

Er räumt ein: „Die Datenlage ist in der Ernährungswissenschaft oftmals recht dünn, weil die Evidenz zu einem großen Teil aus Beobachtungsstudien stammt.“ Solche Studien können aber nur Assoziationen, keine Kausalzusammenhänge nachweisen.

In der aktuellen Artikelserie haben sich die NutriRECs-Experten in mehreren Reviews mit den vorhandenen Daten zu rotem sowie verarbeitetem Fleisch und der Sterblichkeit oder der Häufigkeit von Krebs- und Herz-Kreislauferkrankungen befasst. Sie betrachteten dabei sowohl Beobachtungsstudien als auch randomisierte Studien, von denen allerdings nur 12 in die Analyse einflossen.

Kleine Effekte, unsichere Beweislage

Laut der Ergebnisse würden 3 Portionen weniger rotes Fleisch pro Woche, also eine sehr deutliche Reduktion, rein rechnerisch das Risiko für Krankheiten wie Diabetes oder die kardiovaskuläre Mortalität zwar möglicherweise senken, so die Autoren [3]. Der Effekt sei aber sehr klein.

Zusätzlich seien die zugrundeliegenden Studien teilweise qualitativ nicht gut oder mit großem Verzerrungsrisiko behaftet, so dass man entweder gar nicht wissen könne, ob der Effekt überhaupt existiere, oder man sich dessen zumindest nicht besonders sicher sein könne.

Auch bei der Krebssterblichkeit oder dem Auftreten verschiedener Krebsarten kommen die Wissenschaftler der Gruppe zu der Einschätzung, dass eine drastische Reduktion des Konsums von rotem Fleisch oder Fleischprodukten nur sehr kleine und zudem unsichere Effekte auf Gesamtsterblichkeit und Auftreten einzelner Krebsarten habe.

Widerspruch zu vielen Empfehlungen

Damit widersprechen sie unter anderem der Einschätzung der International Agency for Research on Cancer (IARC). Sie hat 2015 verarbeitetes rotes Fleisch, also Wurstwaren und ähnliche Produkte, in die Klasse 1 der krebserregenden Substanzen aufgenommen – Substanzen, bei denen die kanzerogene Wirkung als erwiesen gilt. Allerdings war auch bei dieser Einschätzung klar, dass die Bedeutung von verarbeitetem rotem Fleisch deutlich geringer ist als beispielsweise vom Rauchen.

Auch Ernährungsempfehlungen in zahlreichen Ländern, unter anderem in Deutschland, plädieren dafür, den Konsum von rotem Fleisch zu begrenzen. Als Konsequenz ihrer Analysen widerspricht die NutriRECs-Arbeitsgruppe diesen Empfehlungen nun. Jeder könne seinen aktuellen Verzehr an rotem Fleisch oder verarbeitetem Fleisch beibehalten, schreiben die Autoren [1].

Empfehlungen können bleiben

Ernährungsmediziner Kabisch widerspricht den Ergebnissen grundsätzlich nicht, allerdings sieht er keinen Grund dafür, die geltenden Empfehlungen umzuschreiben. Dass das rote Fleisch in vielen Empfehlungen verankert sei, liegt seiner Meinung nach an einem Wandel in der Einschätzung der Beweislage: „Früher hat man sich mehr auf Beobachtungsstudien verlassen. Inzwischen haben wir mehr randomisiert kontrollierte Studien, die eben zeigen, dass die Effektabschätzung aus den Beobachtungsstudien etwas zu kühn war.“

Zwar seien auch Metaanalysen wie die Vorliegende nie gegen Verzerrung gefeit, sagt Kabisch. „In diesem Fall hat man aber zumindest sehr genau versucht, Interessenkonflikte herauszuhalten.“ Die Expertengruppe, die die Empfehlungen erarbeitete, sei gründlich auf Interessenkonflikte durchleuchtet worden, schreiben Johnston und seine Kollegen in ihren Artikeln.

Die geltenden Empfehlungen über den Haufen zu werfen, würde die Menschen aber verunsichern, sagt Kabisch, und das sei auch nicht nötig. „Diese Reviews sagen zwar, dass die Effekte klein bis nicht vorhanden sind, aber sie sagen nicht, dass es schadet, auf rotes Fleisch zu verzichten. Die Kernaussage ist, dass wir endlich mal gute aussagekräftige Studien brauchen.“

Weitere Gründe für Fleischverzicht

Man müsse sich allerdings darüber im Klaren sein, dass das Argument, Verzicht auf rotes Fleisch sei gesund, nicht allzu gut abgesichert sei. Doch gebe es durchaus auch andere Gründe, rotes Fleisch zu reduzieren, betont Kabisch: „Selbst, wenn es für den Menschen keinen großen Nutzen haben sollte, gibt es noch andere Argumente wie das Tierwohl oder ökologische Aspekte, die es rechtfertigen, auf rotes Fleisch zu verzichten.“

 
Es gibt noch andere Argumente wie das Tierwohl oder ökologische Aspekte, die es rechtfertigen, auf rotes Fleisch zu verzichten. Dr. Stefan Kabisch
 

Solche Gründe haben die vorliegenden Empfehlungen explizit nicht berücksichtigt und sich nur auf gesundheitliche Auswirkungen auf den Einzelnen konzentriert: „Themen wie Tierwohl und mögliche Einfluss des Fleischverzehrs auf die Umwelt lagen unserer Meinung nach außerhalb der Reichweite unserer Empfehlungen“, schreiben die Autoren.

Prof. Aaron Carroll und Dr. Tiffany Doherty von der Indiana University School of Medicine folgern allerdings in einem begleitenden Editorial, ökologische oder Tierschutzgründe seien wissenschaftlich besser abgesichert und möglicherweise überzeugender [6]. „Wenn sie zu weniger Fleischverzehr führen, und einige Menschen dann als Nebenwirkung noch einen kleinen gesundheitlichen Vorteil davon haben, dann hat jeder etwas davon.“

 

Kommentar

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