Echter Nutzen für Patienten oder nur teuer? Berlin streitet um den Schlaganfall-Rettungswagen – neue Daten in Sicht

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

7. Oktober 2019

Die Aufregung war groß – und hat am Ende tatsächlich etwas bewirkt: Berlin wollte 3 Spezial-Rettungswagen für Schlaganfall-Patienten abschaffen und das Geld lieber in normale Rettungswagen (RTWs) investieren. Nach breitem Protest und einem Machtwort von Bürgermeister Michael Müller (SPD) dürfen Stroke Emergency Mobiles (STEMOs) nun erstmal bis 2021 auf der Straße bleiben. Bis dahin soll eine begleitende Datenerhebung zeigen, ob sie wirklich eine Verbesserung für Patienten bringen.

Mit STEMO deutlich mehr Patienten rechtzeitig behandeln

Bei einem Schlaganfall sollte der Patient bekanntlich möglichst innerhalb von 60 Minuten nach Auftreten der ersten Symptome behandelt werden, um schwere Folgeschäden durch den Sauerstoffmangel im Gehirn zu vermeiden („Onset-to-treatment time“ OTT). Doch viele erreichen die Klinik nicht schnell genug, damit sie im Zeitfenster bleiben.

Ein STEMO könnte hier helfen, denn diese Spezial-Rettungswagen haben einen Computertomographen (CT) und ein kleines Labor an Bord. Damit kann schon vor Ort die Diagnose gestellt und die Lysetherapie eines Blutgerinnsels begonnen werden. Hirnblutungen gelten als Kontraindikation. Allerdings sind STEMO relativ teuer, und es muss immer ein Neurologe mitfahren.

Berlin testet seit 2011 den Einsatz von 3 Fahrzeugen. Der Betrieb kostet die Stadt pro Jahr 1 Million Euro. Jeder STEMO versorgt im Durchschnitt 7 Personen pro Tag, wovon aber nur die Hälfte tatsächlich Schlaganfallpatienten sind. Eine Pilotstudie der Charité mit einem STEMO hatte 2014 festgestellt, dass sich die Zeit bis zum Beginn der Thrombolyse um 25 Minuten verkürzte und 50% mehr Patienten diese Behandlung erhielten (Medscape berichtete). Ob sich das medizinische Outcome verbesserte, war unklar.

In einer weiteren Studie aus 2017 mit 625 Teilnehmern war der Unterschied noch deutlicher: Von den STEMO-Patienten schafften 43% das 60-Minuten-Fenster, von den anderen im RTW nur 6%. Erhobene Outcomes waren die Überlebensrate ohne jede Behinderung, ohne schwere Behinderung und die Sterblichkeit nach 3 Monaten.

Während sich beim ersten Punkt keine Unterschiede zeigten, war die Sterblichkeit bei einem frühen Behandlungsbeginn deutlich geringer, ebenso die Rate an schweren Behinderungen. Ein STEMO wäre demnach keine Wunderwaffe, aber ein Mittel, die Folgen eines Schlaganfalls in Grenzen zu halten.

An der falschen Stelle gespart?

Dennoch beschloss der Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses, das Projekt nicht weiter zu verlängern. Zur Begründung sagte Dr. Wolfgang Albers, Chirurg und gesundheitspolitischer Sprecher der Linksfraktion: „Die aktuelle Auswertung des Projekts durch die Charité zeigt, dass der therapeutisch wichtige Zeitgewinn für die Patient*innen im Vergleich zum herkömmlichen Transport mit dem RTW maximal bei 16 Minuten liegt. Ein möglicher medizinischer Vorteil konnte bisher durch die Begleitstudien nicht abgeleitet werden.“

 
Ein möglicher medizinischer Vorteil konnte bisher durch die Begleitstudien nicht abgeleitet werden. Dr. Wolfgang Albers
 

Statt weiterhin Geld für STEMOs auszugeben, wollte der Innenausschuss lieber in neue normale Rettungswagen und in mehr Personal bei der Feuerwehr investieren. Denn Berlin kann sein Ziel, jeden Notfall innerhalb von 10 Minuten in eine Klinik zu bringen, oft nicht einhalten, weil die RTWs zu lange Anfahrtszeiten haben. Deshalb war auch die Berliner Feuerwehr für die Abschaffung der STEMOs. Teilweise wurden diese auch als normale Rettungswagen eingesetzt, falls kein anderes Fahrzeug in der Nähe war.

 
Es geht um Leben und Tod. Burkard Dregger
 

Doch nach Bekanntwerden des Beschlusses hagelte es Proteste. „Es geht um Leben und Tod“, sagte der Vorsitzender der Berliner CDU-Fraktion Burkard Dregger. Sein Kollege Mario Czaja sah einen „schwarzen Tag für die Wissenschaftsstadt Berlin“ und startete eine Online-Petition für den Erhalt der STEMO. Auch die Charité als Entwickler und Betreiber von STEMOs reagierte verschnupft und verwies darauf, dass die Evaluation noch nicht abgeschlossen sei. Schließlich schaltete sich der Bürgermeister ein und sagte einen Weiterbetrieb zu.

Charité: Alltagsbetrieb musste sich erst etablieren

Aus Sicht der Charité kommt die Debatte schlicht zu früh: „Wir mussten erstmal in der Fläche einen reibungslosen Einsatz der STEMOs und eine valide Datenerhebung implementieren“, gab Prof. Dr. Heinrich Audebert vom Centrum für Schlaganfallforschung zu bedenken. „Und dann müssen die Daten noch gründlich ausgewertet werden.“

 
Wir mussten erstmal in der Fläche einen reibungslosen Einsatz der STEMOs und eine valide Datenerhebung implementieren. Prof. Dr. Heinrich Audebert
 

Die bisherigen Ergebnisse wiesen aber in die Richtung, dass die STEMOs sehr wohl einen Unterschied für Patienten machen.

Nicht zu vernachlässigen sei auch die Bedeutung für die Forschung: „Berlin hat hier mit 3 STEMOs weltweit fast ein Alleinstellungsmerkmal“, so Audebert.  Derzeit forscht die Charité in einem Konsortium unter anderem an Möglichkeiten, einen Schlaganfall auch ohne CT zu diagnostizieren. „Die zusätzlichen Geräte wären dann so klein, dass sie in einen normalen Rettungswagen passen“, sagt der Experte. Diese Lösung könnte die Schlaganfallversorgung weltweit verbessern: „Aber um so etwas zu entwickeln und zu validieren, brauchen wir die STEMOs.“  

Der größte Gewinn ist übrigens nach Audeberts Erfahrung gar nicht die Einsparung der reinen Transportzeit, sondern dass die Übergabe an das Krankenhaus erstmal entfällt und der Patient aus einer Hand behandelt wird: „Das CT auf dem STEMO ist eben immer frei, und die Kollegen haben innerhalb von Minuten alle nötigen Werte.“ Das kann am Ende für den Patienten den Unterschied bedeuten zwischen einem Leben mit leichten Einschränkungen – oder als Pflegefall.

 

Kommentar

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