Nicht nur bei altersbedingter Makuladegeneration: Ranibizumab wirkt auch bei Frühgeborenen-Retinopathie

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

26. September 2019

Der VEGF-Inhibitor Ranibizumab (Lucentis®) ist bekannt für die Behandlung der feuchten altersbezogenen Makuladegeneration sowie bei beeinträchtigter Sehschärfe im Zusammenhang mit einem diabetischen Makulaödem. Aber er eignet sich auch, um eine Frühgeborenen-Retinopathie zu behandeln – dies lässt die RAINBOW-Studie schließen, die jetzt im Lancet erschienen ist [1].

Nach wie vor gehört die Retinopathie bei Frühgeborenen zu den häufigsten Erblindungsursachen bei Kindern weltweit. Die RAINBOW-Studie hat Ranibizumab mit der retinalen Laserkoagulation verglichen. Dabei erwies sich der VEGF-Hemmer (Dosis entweder 0,1 mg oder 0,2 mg) als effektiv und sicher.

Prof. Dr. Andreas Stahl von der Universitäts-Augenklinik Greifswald ist Erstautor der Veröffentlichung und war am Design und an der Durchführung der Studie maßgeblich beteiligt. „Es ist nicht selbstverständlich, dass in einer so schwierigen Indikation wie der Frühgeborenen-Retinopathie eine so komplexe Studie umgesetzt wird. Die vorliegenden Ergebnisse verdanken wir einem hoch motivierten Team aus Ophthalmologen und Neonatologen weltweit, die an ihren jeweiligen Zentren Patienten im Rahmen der Studie identifiziert, behandelt und engmaschig nachverfolgt haben“, würdigt Stahl die Studie in einer Pressemitteilung.

 
Es ist nicht selbstverständlich, dass in einer so schwierigen Indikation wie der Frühgeborenen-Retinopathie eine so komplexe Studie umgesetzt wird. Prof. Dr. Andreas Stahl
 

Der logistische Aufwand sei immens gewesen und für die relativ seltene Indikation der Frühgeborenen-Retinopathie in einem solchen Ausmaß bisher einmalig.

Randomisierte Studie in 26 Ländern

In 26 Ländern und an insgesamt 87 Zentren ist in der Studie untersucht worden, ob die Injektion von Ranibizumab in das Auge der erkrankten Kinder bessere Therapie-Ergebnisse als die herkömmliche Lasertherapie bietet. Aufgenommen wurden 225 Probanden (Einschlusskriterium war ein Geburtsgewicht von unter 1.500 g). Ranibizumab in der Dosierung 0,2 mg erhielten 74 Patienten, Ranibizumab in der Dosierung 0,1 mg weitere 77 Patienten, und mit Lasertherapie wurden 74 Patienten behandelt.

Die Effektivität der Therapie konnte unter unterschiedlichsten Bedingungen belegt werden – sowohl bei Frühgeborenen in hochindustrialisierten Ländern mit meist ausgezeichneter neonatologischer Betreuung als auch in Ländern in Asien oder Afrika, in denen der Verlauf der Frühgeborenen-Retinopathie sich deutlich von demjenigen in industrialisierten Ländern unterscheiden kann.

Nachweis der Überlegenheit von Ranibizumab knapp verfehlt

Zwar wurde der statistisch signifikante Nachweis der Überlegenheit von Ranibizumab gegenüber der Lasertherapie mit einem p-Wert von 0,051 knapp verfehlt, dennoch war der Anteil der Kinder mit erfolgreicher Therapie in der Ranibizumab-Gruppe mit 80% deutlich höher als in der Lasergruppe (66%).

Die bisherige Standardtherapie der retinalen Laserkoagulation kann Nachteile mit sich bringen – wie beispielsweise Narbenbildung, Gesichtsfeldeinschränkungen und hohe Kurzsichtigkeit bei den behandelten Kindern. Bei der Rate der unerwünschten strukturellen Veränderungen an den Augen der behandelten Kinder ist Ranibizumab dem Laser offenbar überlegen: In der Lasergruppe traten diese Veränderungen (im Vergleich zu Ranibizumab 0,2 mg) deutlich häufiger auf: Die OR lag bei 2,19.

Beide Dosierungen waren ähnlich effektiv. Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse weisen erstmals die Wirksamkeit von Ranibizumab in 2 Dosierungen im direkten Vergleich mit der Laserkoagulation nach. Die in der Studie behandelten Kinder werden aktuell in einer Folgestudie nachkontrolliert bis zu einem Alter von 5 Jahren, um auch Langzeitsicherheit und funktionelle Ergebnisse untersuchen zu können.

Retinopathie bei Frühgeborenen: Netzhautablösung droht

Eine Retinopathie droht vor allem Kindern, die vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen oder bei der Geburt weniger als 1.500 Gramm wiegen. Denn das unreife Gefäßsystem der Frühgeborenen reagiert empfindlich auf Änderungen des Sauerstoffpartialdruckes. Bei der Geburt ist dieser höher als im Uterus. Bei Beatmung ist der Unterschied noch größer.

 
Diese Entscheidung wird Auswirkungen auf Leitlinien und Stellungnahmen in zahlreichen Ländern haben und unser Therapiearsenal bei der Frühgeborenen-Retinopathie deutlich erweitern. Prof. Dr. Andreas Stahl
 

Das unreife Gefäßsystem reagiert zunächst mit einer Vasokonstriktion auf die erhöhte Sauerstoffkonzentration. Dadurch werden vermehrt verschiedene Wachstumsfaktoren ausgeschüttet, die bewirken, dass sich unkontrolliert neue krankhafte Gefäße bilden. Tritt aus den Gefäßen Flüssigkeit aus, droht die Ablösung der Netzhaut.

Stahl zeigte sich erfreut, dass die Europäische Arzneimittelagentur (EMA), basierend auf den Daten der RAINBOW Studie, die Frühgeborenen-Retinopathie als Indikation für Ranibizumab empfohlen hat. „Diese Entscheidung wird Auswirkungen auf Leitlinien und Stellungnahmen in zahlreichen Ländern haben und unser Therapiearsenal bei der Frühgeborenen-Retinopathie deutlich erweitern.“

 

Kommentar

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