Der globale Medscape-Gehaltsreport: Die finanzielle Situation von Ärzten im internationalen Vergleich – wer verdient wieviel?

Claudia Gottschling

Interessenkonflikte

24. September 2019

Ärzte in Deutschland haben im vergangenen Jahr in Deutschland im Schnitt 148.000 Euro vor Steuern verdient. Im internationalen Vergleich stehen sie damit an 2. Stelle – hinter den USA mit 282.000 Euro und vor Großbritannien (113.000 Euro) und Frankreich (97.000 Euro). Die Durchschnittseinkommen weiterer Länder wie Spanien, Brasilien und Mexiko, in denen Medscape ebenfalls regelmäßig seine große Befragung zur finanziellen Situation von Ärzten durchführt, liegen deutlich darunter.

Die Daten stammen von dem US Physician Compensation Report und den jeweiligen Gehaltsreports, die Medscape in Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Spanien, Brasilien und Mexiko durchgeführt hat. Sie wurden alle in diesem Jahr veröffentlicht, der deutsche Gehaltsreport 2019 im Juni diesen Jahres.

In diesem großen International Compensation Report 2019 wurden die wichtigsten Aussagen der verschiedenen Länderreports zusammengetragen. Die Details zu den Methoden der Erhebung finden Sie hier und unter den Links zu den nationalen Reports.

Der International Compensation Report 2019 (in Englisch und in Dollar) bietet eine Übersicht von global erhobenen Daten. Die wichtigsten Grafiken zeigen wir in diesem Text. Umrechnungsfaktoren: 1 Dollar: 0,9 Euro oder 0,82 Pfund, 3,835589 Real und 19.17365 Peso. Zahlen wurden gerundet. Für Angestellte: inklusive Boni und Gewinnbeteiligungen aber vor Steuern. Für Selbstständige: nach Abzug der Ausgaben und vor Einkommenssteuer.

Warum verdienen Ärzte in USA so viel mehr als anderswo?

Die Unterschiede bei den Vergütungen für Ärzte haben vielfältige Gründe. Zum Teil sind die Lebenshaltungskosten in den Ländern sehr unterschiedlich. Diese betragen zum Beispiel in Mexiko nur rund 75% der Kosten in den USA. Eine weitere Rolle spielen möglicherweise die Ausbildungskosten, die Ärzte im Laufe ihrer ersten Berufsjahre wieder erarbeiten müssen. So summieren sich die Gebühren für ein Studium an einer amerikanischen Universität auf 35.000 Dollar pro Jahr für Verwaltung und Lehre. An privaten Universitäten kann man sogar von 50.000 Dollar ausgehen.

In Großbritannien ist das Medizinstudium zwar etwas günstiger. Aber auch hier müssen die Studierenden mit 11.000 Dollar pro Jahr an staatlichen und bis zu 45.000 Dollar an privaten Hochschulen rechnen. In den übrigen Ländern, die in diesem Report analysiert worden sind, bieten staatliche Ausbildungseinrichtungen ein Medizinstudium an, dessen Kosten allerdings 1000 Dollar pro Jahr nicht übersteigen.

In den meisten Ländern dauert das Studium mindestens 6 Jahre. Hinzu kommen weitere 5 bis 7 Jahre bis zum Facharzt. Auch diese lange Ausbildungszeit sehen manche als Rechtfertigung für die höheren Einkommen an.

Medscape fragt in seinen großen Reports nicht nur nach der finanziellen Situation. Auch die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen, die Arbeitszeit, die Ärzte mit Patienten oder Verwaltungsaufgaben verbringen und vor allem die Zufriedenheit mit der Vergütung und im Job sind wichtige Fragen, die uns unsere Leser in einem ausführlichen Fragebogen beantworteten.

Ein ernüchternder Fakt ist, dass in allen Ländern der Medscape-Analyse Ärztinnen deutlich weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Unter Spezialisten ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen noch gravierender als unter den hausärztlich tätigen Ärzten.

Ein Facharzt verdient im Jahresdurchschnitt 156.000 Euro. Eine Fachärztin nur 106.000 Euro – beide in Vollzeit wohlgemerkt. Ein Mann geht somit als Facharzt laut dieser Umfrage mit 47% mehr Geld nach Hause als seine Kollegin. Bei Hausärzten und Generalisten (Daten nicht gezeigt) liegt der Unterschied nur bei knapp 20%.

Hierzulande verdienen Männer 47% mehr als Frauen, in den USA  33%, UK 38%, Frankreich 43%, Spanien 19%, Brasilien 32% und Mexiko 24%.

Weltweit großer Frust über Einkommen

Trotz der hohen Einkommen in den 3 führenden Ländern dieses Vergleichs – USA, Großbritannien und Deutschland – sind viele Ärzte dort unzufrieden mit ihrer Bezahlung. Am ehesten zufrieden sind noch die Ärzte in den USA, die deutlich mehr verdienen als der Rest. In Deutschland, auf Platz 2 der Bestverdiener, fühlen sich nur 45% der Hausärzte und 44% der Fachärzte fair bezahlt. Noch frustrierter sind Ärzte in Großbritannien.

Kaum verwunderlich, dass sich in einer globalisierten Gesellschaft, in der sich Ärzte zunehmend auch international vergleichen, der Trend zur Unzufriedenheit in Ländern wie Frankreich oder Spanien stärker erkennbar ist. Vor allem weil dort die Lebenshaltungskosten kaum geringer sind als in anderen EU-Staaten.

Zufrieden mit ihrem Einkommen sind am ehesten noch die Amerikaner. Mehr als jeder 2. fühlt sich fair bezahlt.

Was müssen und können Ärzte für ihr Geld leisten?

In dieser Hinsicht sind die Unterschiede in diesem Vergleich nicht so groß. In den meisten Ländern verbringen Hausärzte zwischen 30 und 40 Stunden ihrer Arbeitswoche in direktem Kontakt mit Patienten. Wie andere Daten der Erhebungen zeigen, schafft dieser Teil der Arbeit oft auch die größte Befriedigung. Doch meist ist die Last der Überstunden viel zu groß. Ärzte in Frankreich führen mit deutlich über 40 Wochenstunden das Feld an. Als Grund wurden starke Kürzungen beim Personal und Bettenkontingenten in Kliniken genannt. Ähnlich wie in Deutschland protestieren die Ärzte gegen die stetig zunehmende Arbeitsbelastung. In Deutschland kommen Männer auf 35 Wochenstunden im Sprechzimmer oder am Krankenbett und Frauen auf 32. Die Geschlechterunterschiede sind in diesem Punkt nicht sehr groß.

Die meisten Stunden mit Patienten verbringen Ärzte in Frankreich. Deutschland liegt mit 32 (Ärztinnen) und 35 (Ärzte) Stunden ungefähr gleichauf mit den meisten anderen Ländern.

Die Arbeit am Patienten ist für die meisten Ärzte nur ein Teil des Jobs. Verwaltung und Dokumentation sind ungeliebte Aufgaben, die immer mehr werden. Fast jeder 2. Arzt verbringt zwischen 10 und 24 Stunden mit Büroarbeit. In Deutschland gibt sogar jeder 4. Arzt in der Umfrage an, dass diese ihm mehr als 25 Wochenstunden wegfrisst. So viel am Schreibtisch sitzen sonst nur noch Ärzte in Mexiko und Brasilien.

 Jeder 4. Arzt hierzulande investiert für die Büroarbeit noch einmal mehr als 25 Stunden extra.

Die gute Nachricht ist, dass 93% der Ärzte in Deutschland mit ihrer eigenen Leistung im Job durchaus zufrieden sind. Die Selbsteinschätzung liegt in den anderen Ländern ähnlich hoch (USA 91%, UK 84%, Frankreich 71% und Spanien 73%). Trotz der Unzufriedenheit mit der Bezahlung, trotz der Überstundenlast, der Mann-Frau-Unterschiede und der verhassten Verwaltungsarbeit. Alles Umstände, mit denen sich auch international viele ihrer Kollegen herumschlagen müssen.

Aber über die Grenzen hinweg scheint der Arztberuf doch die meisten glücklich zu machen. Immerhin: 61% (UK) bis 77% (USA und Deutschland) der Mediziner würden es wieder machen – den Beruf als Arzt ergreifen.

 

Kommentar

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