MEINUNG

„Hit hard, hit early“? Medikamente oder Lebensstil ändern – wie Diabetes-Patienten am besten eine Remission erreichen  

Prof. Dr. Stephan Martin

Interessenkonflikte

28. Oktober 2019

Sollte man neu diagnostizierte Typ-2- Diabetiker gleich mit 2 bis 3 Medikamenten behandeln? Prof. Dr. Stephan Martin diskutiert anhand aktueller Studien, wie man am ehesten eine Remission erreicht.

Transkript des Videos von Prof. Dr. Stephan Martin, Düsseldorf

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

vor einigen Jahren ist in der Rheumatologie von Professor Dr. Paul Emery, Leeds, der Begriff „hit hard, hit early“ geprägt worden. Das bedeutet, dass man bei Patienten mit rheumatoider Arthritis unmittelbar nach Diagnosestellung mit der Basistherapie, z. B. mit Methotrexat, beginnen sollte.

Warum „hit hard, hit early“?

Je früher man eine Behandlung mit den Basistherapeutika beginnt, umso effektiver können die starken Gelenksdestruktionen verhindert werden, die wir hoffentlich in einigen Jahren nur noch aus dem Lehrbuch kennen. Also: Je früher man anfängt, je früher man hart draufschlägt, desto besser kann man die Entzündung blockieren.

Dieser Begriff „hit hard, hit early“ ist nun auch von der Diabetologie in die Behandlung des Typ-2-Diabetes übernommen worden. Es gab vor einigen Jahren schon eine Studie, in der bei Diagnosestellung 3 Medikamente (Metformin, Pioglitazon, Exenatid) eingesetzt worden sind. Man konnte zeigen, dass der HbA1c-Wert nach einigen Jahren bei den Patienten besser war, die sofort alle Medikamente bekommen haben, als bei denen, die nur ein Medikament erhalten haben – mit nachfolgender sequenzieller Zugabe weiterer Medikamente [1].

Nun gibt es aktuell eine große randomisierte Studie, bei der man Metformin im Vergleich zu Metformin plus DPP-4-Inhibitor ( Medscape berichtete) gegeben hat. Auch hier zeigt sich, je früher, je härter die Therapie einsetzt, umso besser das Ergebnis.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob wir das „hit hard hit early“ bei rheumatoider Arthritis 1:1 auf den Typ-2-Diabetes übertragen können. Verhält sich der Typ-2-Diabetes als Erkrankung wie die rheumatoide Arthritis?

Vor Diabetes kann man sich schützen

Im Vergleich zur rheumatoiden Arthritis, die wirklich ein Schicksalsschlag ist, kann man sich vor einem Typ-2-Diabetes bis zu einem gewissen Maße schützen. Der Typ-2-Diabetes ist eine Erkrankung, an der man persönlich eine gewisse Mitschuld trägt. Dazu ist vor kurzem ein systematisches Review mit Metaanalyse erschienen [2]. In dieser Arbeit wurden 14 Beobachtungsstudien mit über 1 Mio. Personen analysiert. Personen, die gesund leben, also Normalgewicht haben, sich viel bewegen, nicht rauchen und – das wurde so definiert – ein bisschen Alkohol trinken, haben ein bis zu 75% reduziertes Risiko für einen Typ-2-Diabetes.

Bei Diabetes gleich zuschlagen?

Sollte man also bei Typ-2-Diabetes direkt mit „hit hard, hit early“ anfangen. Hierzu sind im letzten und im vorletzten Jahr interessante Arbeiten erschienen [3,4].

Die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Roy Taylor aus Newcastle hat die Strategie „hit hard, hit early“ angewendet. Allerdings nicht mit Medikamenten, sondern mit Lebensstiländerung[3]. Mit einer strukturieren Gewichtsmanagement-Programm wurden die Personen dazu gebracht, dass sie dramatisch an Gewicht abnahmen. Der Diabetes bestand bei allen Patienten im Mittel seit 4 Jahren.

Bei dieser multizentrischen Studie in England ist es gelungen, dass die Menschen im Mittel etwa 10 kg abgenommen haben. Etwa 50% der Teilnehmer erreichten eine klinische Remission. Von Patienten, die 15 kg abgenommen haben, gelangten ca. 70 bis 80% in eine klinische Remission. Und dieses Ergebnis wurde noch nach 4 Jahren Krankheitsdauer erreicht. Also gar nicht so „early“.

Als die 1-Jahres-Ergebnisse vorgestellt wurden, war die diese Studie natürlich kritisiert worden. Aber dann zeigte die 2-Jahres-Analyse ebenso positive Ergebnisse: Bei den Patienten, die 15 kg abgenommen oder die 10 kg-Abnahme gehalten hatten, blieb die Remissionsrate im gleichen Ausmaß wie nach einem Jahr.

Hit hard hit early – nicht mit Medikamenten

„Hit hard, hit early“ ist also auch eine mögliche Strategie im Bereich der Diabetologie. Aber nicht zwangsläufig mit Medikamenten. Es stellt sich aber die Frage, ob man wirklich hart draufschlagen muss, ob die Patienten wirklich ganz stark Gewicht abnehmen müssen und ob dies in intensiven Schulungen erfolgen muss. Sind hierzu Formula-Diäten erforderlich, wie es die Arbeitsgruppe um Taylor gemacht hat, oder gibt es auch andere Möglichkeiten?

Dazu noch die letzte Arbeit für heute, sie ist vor kurzem erschienen [4]. In England wurden Patienten in Allgemeinpraxen systematisch auf Typ-2-Diabetes gescreent. Man hat sie aber nicht mit einer Lebensstilveränderung interveniert. Nach 5 Jahren waren 30% der Teilnehmer in Remission. 

Diese Patienten hatten die Remission auf eigene Faust geschafft. Sie haben wahrscheinlich die Diagnose als eine Art Drohung empfunden, die sie veranlasst hat, ihren Lebensstil von sich aus zu ändern. Die Diagnose eines Diabetes ist eine riesige Chance. Viele werden dann das erste Mal mit Krankheit konfrontiert. Dann können wir sie als Ärzte auch in einem gewissen Maße dazu bringen, dass sie sich anders verhalten.

Also kann man „hit hard, hit early“ auf die Diabetologie übertragen? Ja, aber bitte nicht mit Medikamenten. Wir müssen alle unsere Patienten auf der Basis der Daten aus diesen beiden großen Studien informieren, wenn sie einen neu diagnostizierten Diabetes haben. Sie haben es selbst in der der Hand, diesen Diabetes wieder wegzubekommen.

Wenn schon die Prävention nicht funktioniert hat, können wir bei der Manifestation den Menschen wichtige Informationen geben. Ich hoffe, dass ist auch eine Information, die sie ab sofort in Ihrer Praxis weitergeben können.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und verbleibe mit freundlichen Grüßen

Ihr Stephan Martin
 

Kommentar

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