MEINUNG

Krebsrisiko der HRT in der Menopause bestätigt – was nun? „Sparsam, vorsichtig und weniger riskante Präparate“

PD Dr. Georgia Schilling

Interessenkonflikte

30. September 2019

„Man darf Frauen in der Menopause nicht sagen, dass man Beschwerden einfach aushalten muss“, sagt PD Dr. Georgia Schilling und erklärt wie man mit dem nun wieder bestätigten Krebsrisiko der HRT umgehen sollte.

Transkript des Videos von PD Dr. Georgia Schilling:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Georgia Schilling. Ich bin Chefärztin der Abteilung für Onkologische Rehabilitation in der Nordsee-Klinik Westerlang auf Sylt.

Ich freue mich, Ihnen Daten aus einer ganz aktuellen Metaanalyse präsentieren zu dürfen, die Ende August im Lancet erschienen ist (Medscape berichtete). Es ist ein Thema, das sehr viele Frauen angeht.

Die Metaanalyse befasst sich mit Art und Dauer einer postmenopausalen Hormonersatztherapie (HRT) und dem Brustkrebsrisiko. Sie wurde von der Collaborative Group on Hormonal Factors in Breast Cancer aus Großbritannien veröffentlicht. Diese Studie bringt sicher mehr Licht in den Datendschungel zu Hormonersatztherapie und Brustkrebsrisiko. Sie ist nicht nur für mich als Frau wichtig, sondern generell ein Thema, mit dem wir uns immer wieder beschäftigt haben.

Gute Wirksamkeit bei Wechseljahres-Beschwerden

In den westlichen Ländern ist es Usus, dass eine Hormonersatztherapie verabreicht wird bei Frauen, die sehr unter Wechseljahresbeschwerden leiden. Diese Frauen profitieren von der Therapie sehr gut und wir haben seit 1970 Erfahrungen aus über 600 Mio. Frauenjahren. Aufgrund der positiven Wirkung hat die Anwendung in den 1990er Jahren sehr rasch zugenommen, hat sich dann aber in den frühen 2000er Jahren etwa halbiert und liegt jetzt stabil bei etwa 12 Mio. Anwenderinnen.

Die Halbierung der Anwenderzahl trotz der guten Wirksamkeit lag an Metaanalysen, die bei den Frauen ein erhöhtes Brustkrebsrisiko gezeigt haben, die eine Hormonersatztherapie angewendet haben oder anwenden. Bislang hat es aber nur wenige Daten gegeben zum Einfluss der verschiedenen Präparate, zur Frage ob Mono- oder Kombinationspräparate und es gab keine Daten zu Langzeitrisiken. Diese Daten wurden jetzt im Lancet diskutiert.

Je länger HRT, desto höher das Risiko

Die Metaanalyse umfasst alle verfügbaren prospektiven Studien, die Informationen über den Typ und die Dauer der Hormontherapie enthielten. Sie wurden mit hohem Aufwand ausgewertet. So hat man nun Daten von über 10.000 (Anm. d. Red.:ein Versprecher – laut Studie: 108.647) postmenopausalen Frauen gefunden, die ein Mammakarzinom im mittleren Alter von 65 Jahren entwickelt haben. 51% von diesen hatten eine Hormonersatztherapie erhalten. Im Mittel dauerte die Hormonersatztherapie 10 Jahre bei den aktuellen Anwenderinnen und 7 Jahre bei den früheren Anwenderinnen, die die Therapie bereits beendet hatten.

Das mittlere Alter der Menopause lag bei 50 Jahren und genau da hat auch die Hormontherapie begonnen. Unabhängig davon welche Art von Hormonersatztherapie zum Einsatz kam, waren alle – außer der lokalen Anwendung von vaginalen Östrogenen – mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko gegenüber der Nichteinnahme assoziiert.

Das Risiko hat sich mit der Dauer der Hormontherapie und in Abhängigkeit vom Typ der Hormonersatztherapie erhöht. Kombinationspräparate sind zum Beispiel mit einem höheren Risiko verbunden als Östrogen-Monopräparate. Wurde erst in einem Lebensalter von 60 Jahren mit der Hormonersatztherapie begonnen, dann war das Risiko eher geringer. Allerdings ist es natürlich sehr ungewöhnlich, erst mit 60 Jahren mit einer Hormonersatztherapie anzufangen.

Adipositas schützt

Adipöse Frauen, die Östrogen-Monopräparate eingenommen haben, hatten gegenüber adipösen Frauen ohne Hormonersatztherapie ein relativ gering erhöhtes Risiko im Vergleich zu all den anderen Gruppen. Das liegt u.a. daran, dass adipöse Frauen noch Hormone aus dem Fettgewebe freisetzen und daher die Unterschiede offensichtlich nicht so groß waren. Adipositas selbst, das wissen wir, ist ein Risikofaktor für Brustkrebs.

Risiko hält an

Nach Beendigung der Hormonersatztherapie persistierte das erhöhte Risiko für Brustkrebs noch mehr als 10 Jahre nach der Einnahme abhängig von der Einnahmedauer mit einer kleinen Risikoverminderung, wenn die Einnahme weniger als 1 Jahr dauerte. Das Risiko nimmt also mit der Dauer der Einnahme zu.

 
„Nach Beendigung der Hormonersatztherapie persistierte das erhöhte Risiko für Brustkrebs noch mehr als 10 Jahre.“ PD Dr. Georgia Schilling
 

Was ziehen wir für ein Fazit?

Für Frauen mit einem durchschnittlichen Körpergewicht, also nicht adipöse Frauen in westlichen Industrieländern, die mit 50 Jahren ein kombinierte Hormonersatztherapie über 5 Jahre einnehmen, erhöht sich die Mammakarzinom-Inzidenz im Alter zwischen 50 und 69 Jahren – man überblickt also 20 Jahre – auf zusätzlich eine Frau pro 50 Anwenderinnen.

Wenn es ein Kombinationspräparat war, wo nur intermittierend Progesteron angewendet wurde, dann lag die Inzidenz bei einer von 70 Anwenderinnen.

Nahmen die Frauen ein Östrogen-Monopräparat, dann erkrankte eine von 200 Frauen.

Es zeigt sich also ein deutlicher Unterschied vor allem zwischen Kombination und Monopräparat. Außerdem konnte man aus den Daten sehen, dass eine 10jährige Einnahme das Brustkrebs-Risiko verdoppelt hat.

Was hat das für Konsequenzen für uns?

Wir als Mediziner müssen unbedingt auf die Ergebnisse dieser Studie achten. Wir müssen einen vernünftigen und rationalen Umgang mit Hormonersatztherapien bei Wechseljahresbeschwerden lernen.

Es gilt bei jeder Frau neu vorsichtig und individuell zwischen Risiken und Benefit abzuwägen, damit man einerseits diesem erhöhten Brustkrebsrisiko, aber andererseits auch der Symptomatik der Frau Rechnung trägt. Man darf nicht einfach sagen, dass sie das jetzt aushalten muss.

In die Überlegungen sollte man den Schweregrad der Wechseljahresbeschwerden oder auch andere Kontraindikationen für eine Hormonersatztherapie wie stattgefundener Apoplex, kardiovaskuläre Erkrankungen oder Brustkrebs in der Anamnese einbeziehen. Natürlich sollte man auch auf den BMI achten.

 
„Hat man Kandidatinnen identifiziert, die von einer Hormonersatztherapie sicher profitieren würden, dann sollte man möglichst mit Östrogen-Monopräparaten einsteigen.“ PD Dr. Georgia Schilling
 

Hat man Kandidatinnen identifiziert, die von einer Hormonersatztherapie sicher profitieren würden, dann sollte man möglichst mit Östrogen-Monopräparaten einsteigen, zum Zeitpunkt der natürlichen Menopause beginnen und idealerweise sollte man diese nicht länger als 5 Jahre geben.

Die Studie differenziert unser Wissen zur Hormonersatztherapie weiter. Die Hormonersatztherapie sollte in meinen Augen sehr sparsam und vorsichtig angewendet werden. Trotzdem gibt es Frauen, die davon auf jeden Fall profitieren können – und auch weniger gefahrvoll profitieren können

Damit ganz herzlichen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.
 

Kommentar

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