Welche Immuntherapie-Kombi macht das Rennen? Der ESMO-Kongress stellte Weichen für HCC, Kolorektalkarzinom und Ösophagus-Krebs

Prof. Dr. Dirk Arnold

Interessenkonflikte

21. Oktober 2019

Welche zielgerichteten Therapien braucht es statt oder zur Chemo? Prof. Dr. Dirk Arnold berichtet aus Barcelona über die Practice Changer – zum Beispiel einen Checkpoint-Inhibitor bei Ösophagus-Krebs.

Transkript des Videos von Prof. Dr. med. Dirk Arnold, Asklepios Tumorzentrum Hamburg

Ein Hallo aus Barcelona. Mein Name ist Dirk Arnold. Ich arbeite am Asklepios Tumorzentrum in Hamburg. Ich darf Ihnen kurz einige wichtige Studien vorstellen, die hier beim ESMO-Kongress lebhafte Diskussionen ausgelöst haben.

Immuntherapie beim hepatozellulären Karzinom

Was gibt es Neues zu gastrointestinalen Tumoren, was ist Practice Changing? Ich will mit einer negativen Botschaft beginnen, die aber gar nicht so negativ ist. Es geht um das hepatozelluläre Karzinom (HCC). In der randomisierten Studie CheckMate 459 wurde der viel versprechende immuntherapeutische Ansatz in Form des Checkpoint-Inhibitors Nivolumab im Vergleich zum gegenwärtigen Standard Sorafenib bei nicht vorbehandelten Patienten mit fortgeschrittenem HCC untersucht.

 
„Die Wirksamkeit beim HCC war erstaunlich gut und die Verträglichkeit war hervorragend.“ Prof. Dr. Dirk Arnold
 

Ergebnis war, dass die Immuntherapie ein wenig besser wirkte als Sorafenib. Sie war jedoch nicht statistisch signifikant besser. Deshalb wird es derzeit keinen neuen Standard in der Erstlinientherapie geben. Aber die Wirksamkeit beim HCC war erstaunlich gut und die Verträglichkeit war hervorragend.

Auf dem ESMO wurden zum HCC auch Studien vorgestellt, die die Kombination von Immuntherapie mit anderen Substanzgruppen, z. B. mit Anti-VEGF-Medikamenten untersucht haben. Wahrscheinlich spielt hier die Musik. Die Richtung dürfte in der Zukunft vermehrt zur Kombination von Immuntherapie mit anderen molekularen Ansätzen gehen.

Immuntherapie beim Plattenepithelkarzinom des Ösophagus

Eine weitere Studie, die im Presidential Symposium präsentiert worden ist, wird auch für Deutschland eine relevante Änderung des Therapiestandards mit sich bringen.

Die Zweitlinientherapie des Plattenepithelkarzinoms des Ösophagus ist bislang unbefriedigend. Wir behandeln derzeit mit Taxanen wie Paclitaxel. Hiermit sieht man eine gewisse Wirksamkeit.

Nun wurde in der großen Phase-3-Studie ATTRACTION-3 randomisiert eine Chemotherapie mit Docetaxel oder Paclitaxel im Vergleich zu Nivolumab untersucht. Nivolumab hat das Gesamtüberleben dieser Patienten statistisch signifikant verbessert (HR 0,77, p = 0,02). Das Ergebnis ist nicht ganz überraschend, denn wir wissen, dass die Checkpoint-Inhibitoren bei den Plattenepithelkarzinomen wirken, z. B. bei Kopf-Hals-Tumoren.

Es gibt noch andere Entitäten, für die möglicherweise eine solche Therapie in Frage kommen könnte, z. B. das Analkarzinom.

In der 2. Linie beim Plattenepithelkarzinom des Ösophagus ist Nivolumab nun eine wichtige und für die Patienten auch gut verträgliche Therapieoption. Dieses Thema ist spannend und wird weiter spannend bleiben.

Neue Therpapieoption für Kolorektalkarzinom mit BRAF

Die 2. Studie, die unseren Standard verändern wird, ist schon vor wenigen Wochen beim ESMO-GI erstmals vorgestellt worden. Die BEACON CRC ist nun in Barcelona mit weiteren Daten präsentiert und parallel im New England Journal of Medicine publiziert worden.

In dieser Studie geht es um die 10 bis 12% aller Kolorektalkarzinom-Patienten, die eine BRAF-Mutation haben. Die BRAF-Mutationstestung wird in den Leitlinien empfohlen. Bislang war der Nachweis einer BRAF-Mutation Trigger für eine intensive Chemotherapie, die aber keine so richtig befriedigenden Ergebnisse erreicht.

Die große Phase-3-Studie BEACON-CRC hat über 600 Patienten mit dieser eher seltenen Mutation eingeschlossen. In der Second-Line wurden 3 Therapieansätze verglichen: Standard of Care, nämlich eine Chemotherapie plus EGF-Rezeptor-Antikörper, also Cetuximab plus Irinotecan oder Cetuximab plus FOLFIRI. Die beiden experimentellen Arme waren chemotherapie-frei.

Zweifach- oder Dreifachtherapie?

Eine Gruppe erhielt den V600E-Inhibitor Encorafenib und den EGFR-Antikörper Cetuximab als Zweifachtherapie und die andere Gruppe bekam eine Dreifachtherapie aus Cetuximab plus Encorafenib plus MEK-Inhibitor Binimetinib. Grund für die Kombination ist, dass es durch die redundanten Signaltransduktionswege sehr häufig aufgrund einer Überregulierung und eines negativen Feedback-Mechanismus zu einem frühen Escape kommen kann.

 
In der 2. Linie ist Nivolumab beim Plattenepithelkarzinom des Ösophagus nun eine wichtige und gut verträgliche Therapieoption.“ Prof. Dr. Dirk Arnold
 

Die Dreifachkombination aus Cetuximab, Encorafenib und Binimetinib verbesserte das Gesamtüberleben statistisch signifikant stärker als die Standardtherapie mit einer Hazard-Ratio von 0,52. Das bedeutet fast eine statistische Verdoppelung der Überlebenswahrscheinlichkeit.

Auch die Zweifachtherapie war noch besser als die Standardtherapie mit einer Hazard-Ratio von 0,60. Offen ist noch, ob jetzt die Dreifach- oder die Zweifachtherapie als Standard angesehen werden kann. Die beiden Arme sind in der Studie nicht gegeneinander geprüft worden. Aber der Dreifacharm ist etwas aktiver gewesen.

Frage ist, ob das mehr an Aktivität die höhere Toxizität und den höheren Preis rechtfertigt. Hier müssen wir abwarten. Aber ganz wichtig ist auf jeden Fall, dass Patienten mit metastasiertem Kolonkarzinom und BRAF-Mutation eine neue Therapieoption haben.

Damit, meine Damen und Herren, darf ich mich verabschieden – bis zum nächsten Mal.
 

Kommentar

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