„Neues Zeitalter für die Therapie des Ovarialkarzinoms“: PRIMA-Ergebnisse bestätigen ein längeres Überleben mit PARP-Inhibitoren

PD Dr. Georgia Schilling

Interessenkonflikte

8. Oktober 2019

PD Dr. Georgia Schilling erklärt die 3 wichtigsten Studien für die Therapie des Ovarialkarzinoms vom ESMO 2019. Wie PRIMA, PAOLA und VELIA den Einsatz der PARP-Inhibitoren erweitern.

 

Transkript des Videos von PD Dr. Georgia Schilling:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich grüße Sie ganz herzlich vom diesjährigen ESMO-Kongress in Barcelona. Mein Name ist Georgia Schilling. Ich bin leitende Oberärztin im Asklepios Tumorzentrum in Hamburg und auch Chefärztin der Abteilung für Onkologische Rehabilitation in der Nordsee-Klinik Westerland auf Sylt.

Es gab viele interessante Präsentationen auf diesem tollen Kongress. Am meisten haben mich jedoch Daten aus dem ersten Presidential Symposium beeindruckt. Hierbei ging es um die Rolle der PARP-Inhibitoren im Zusammenhang mit BRCA-Mutationen in der First-Line-Therapie beim neu diagnostizierten fortgeschrittenen Ovarialkarzinom. Gleich 3 Studien zu diesem Thema haben es in das Presidential Symposium geschafft. Das ist also ein wichtiger Schwerpunkt in diesem Jahr.

Das Ovarialkarzinom ist der siebthäufigste Tumor bei Frauen. Bislang gab es wenige therapeutische Fortschritte. In den letzten Jahren gab es viele negative Studien. Auch die Hinzunahme von Bevacizumab zur Chemotherapie hat nur einen marginalen Benefit erbracht.

Als Chemotherapie wird seit Jahren unverändert als Backbone Carboplatin plus Paclitaxel gegeben. Die Ergebnisse, die im Presidential Symposium I präsentiert wurden, werden unsere Therapiestrategien bei neu diagnostizierten Ovarialkarzinomen verändern und hoffentlich auch dazu führen, dass unsere Patientinnen länger leben.

Siegeszug der PARP-Inhibitoren

Der Siegeszug der PARP-Inhibitoren begann spätestens nach dem letztjährigen ESMO-Kongress, wo die Ergebnisse der SOLO-1-Studie präsentiert worden waren ( Medscape berichtete). Sie hat ergeben, dass die Erhaltungstherapie mit Olaparib das progressionsfreie Überleben (PFS) bei Frauen mit neu diagnostiziertem Ovarialkarzinom und einer BRCA-Mutation signifikant verbessert. Olaparib als Erhaltungstherapie ist bereits jetzt Standard bei BRCA-Mutationsträgerinnen.

Nun stellt sich aber die Frage, ob die PARP-Inhibitoren nur bei den BRCA-mutierten Tumoren von Vorteil sind oder ob sie auch bei den Patienten mit Defizienz in der homologen Rekombination (HRD) oder möglicherweise für alle Frauen einen Nutzen haben. Wir wissen auch nicht, welche Rolle die PARP-Inhibitoren in der Erhaltungstherapie in Kombination mit Bevacizumab spielen. Alle diese Fragen wurden tatsächlich im Presidential Symposium I mit 3 Late-Breaker-Studien beantwortet.

PRIMA-Studie mit Niraparib

Der PARP-Inhibitor Niraparib wurde bei Frauen mit neu diagnostiziertem Ovarialkarzinom in der PRIMA-Studie untersucht, die von Antonio González Martín, Madrid, beim ESMO präsentiert und parallel im NEJM publiziert wurde [1,2]. Niraparib hat sich bereits im Rezidiv nach platinhaltiger Chemotherapie unabhängig vom BRCA-Mutationsstatus bewährt.

 
„Niraparib hat also das progressionsfreie Überleben unabhängig von der BRCA-Mutation signifikant verlängert bei gleichzeitig günstigem Sicherheitsprofil.” PD Dr. Georgia Schilling
 

Die randomisierte, placebokontrollierte Phase-3-Studie PRIMA untersuchte die Effizienz von Niraparib in der Erstlinien-Erhaltungstherapie bei 733 Frauen, die mit einer platinhaltigen Erstlinientherapie eine komplette oder partielle Remission erreicht hatten. Der primäre Endpunkt – das progressionsfreie Überleben – wurde erreicht.

Das progressionsfreie Überleben in der Kohorte mit homologer Rekombinationsdefizienz war doppelt so hoch wie im Placeboarm, nämlich 21,9 Monate gegenüber 10,4 Monaten. Auch in der Gesamtpopulation konnte dieser signifikante Vorteil für den PARP-Inhibitor gezeigt werden, wo das progressionsfreie Überleben von 8,2 auf 13,8 Monate verlängert wurde.

Die ersten Daten zum Gesamtüberleben in der 24-Monats-Interimsanalyse ergaben ebenfalls einen Benefit für den PARP-Inhibitor mit 84% im Niraparib-Arm und 77% im Placeboarm. Die Toxizität war unauffällig mit Blutbildveränderungen und einer leichten reversiblen Myelosuppression.

Niraparib hat also das progressionsfreie Überleben unabhängig von der BRCA-Mutation signifikant verlängert bei gleichzeitig günstigem Sicherheitsprofil. Natürlich ist das nach Ansicht der Autoren jetzt der neue Therapiestandard in der Erhaltungstherapie. Die Frage ist, ob Niraparib das tatsächlich ist.

PAOLA-1-Studie: Olaparib plus Bevacizumab als Erhaltungstherapie

Die PAOLA-1-Studie wurde von Isabelle L. Ray-Coquard, Lyon (Frankreich) präsentiert [3]. Sie untersuchte die Effizienz der Erhaltungstherapie Bevacizumab plus Olaparib oder plus Placebo nach Ansprechen auf die Chemotherapie.

Auch hier handelt es sich um eine randomisierte doppelblinde Phase-3-Studie mit gleichem Therapiesetting und gleichem primären Endpunkt – progressionsfreies Überleben – wie bei der PRIMA-Studie. Eingeschlossen waren insgesamt 806 Patientinnen, wovon 537 zusätzlich zu Bevacizumab mit Olaparib behandelt worden sind.

Das progressionsfreie Überleben war in der Gesamtpopulation mit der Kombination Olaparib plus Bevacizumab mit 22,1 Monaten signifikant verbessert im Vergleich zu Placebo plus Bevacizumab mit 16,6 Monaten. Den größten Benefit hatten die Patientinnen mit BRCA-Mutation oder mit einer homologen Rekombinationsdefizienz. Auch in dieser Studie war das Sicherheitsprofil von Olaparib sehr gut.

VELIA-Studie: Veliparib plus Chemotherapie

Die 3. Studie, die VELIA-Studie ist von Robert L. Coleman, Houston, Texas, präsentiert und ebenfalls parallel im NEJM publiziert worden [4,5]. Es handelte sich um eine dreiarmige, placebokontrollierte Phase-3-Studie. Ein Arm erhielt Veliparib zusätzlich zur Chemotherapie und in der Erhaltungstherapie, im zweiten Arm erhielten die Patientinnen Veliparib nur in der Erhaltungstherapie, und es gab einen Placeboarm.

Eingeschlossen waren Frauen mit Ovarialkarzinom FIGO III bis IV. Primärer Endpunkt war auch hier das progressionsfreie Überleben. Es handelte sich um eine sehr große Studie mit über 1.000 Patientinnen.

Die Hinzunahme von Veliparib zur primären Chemotherapie und in der Erhaltungstherapie hat in der Gesamtgruppe das progressionsfreie Überleben signifikant verbessert, unabhängig vom BRCA- und HRD-Status, und zwar auf 34,7 Monate. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Veliparib zeigte ebenfalls ein gutes Sicherheitsprofil.

Folgerungen für den klinischen Alltag

Wir haben jetzt 3 PARP-Inhibitoren in der First-Line-Therapie in der Erhaltungsphase beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom zur Verfügung. Natürlich bleibt eine Reihe von Fragen offen oder sie werden erst jetzt durch die 3 Studien aufgeworfen, nämlich:

  • Sollen die Substanzen mit einer Chemotherapie kombiniert werden wie in der VELIA-Studie?

  • Welcher Stellenwert kommt Bevacizumab noch zu?

  • Welches ist der beste PARP-Inhibitor?

  • Wie sollen wir die Patientinnen selektieren?

  • Ganz wichtig: Lässt sich dieser Vorteil im progressionsfreien Überleben auch in ein verlängertes Gesamtüberleben übersetzen?

Trotz dieser offenen Fragen ist m. E. ein neues Zeitalter in der Therapie des Ovarialkarzinoms eingetreten, nämlich das Zeitalter der PARP-Inhibitoren. Ich bin gespannt, was sich auf diesem Gebiet in den nächsten Jahren noch tun wird.

 
„Trotz dieser offenen Fragen ist m. E. ein neues Zeitalter in der Therapie des Ovarialkarzinoms eingetreten, nämlich das Zeitalter der PARP-Inhibitoren.” PD Dr. Georgia Schilling
 

Damit herzliche Grüße aus Barcelona und danke fürs Zuhören.
 

Kommentar

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