Sind die modernen Krebstherapien ihr Geld wert? Eine neue Studie kommt zu einem ernüchternden Ergebnis

Prof. Dr. Kerstin N. Vokinger

Interessenkonflikte

8. Oktober 2019

Die hohen Kosten der neuen Krebsmedikamente für solide Tumore sind nicht mit dem ASCO- und ESMO-Score für klinischen Benefit assoziiert, sagt Prof. Dr. Kerstin N. Vokinger – und erklärt ihre provokante Studie.

Transkript des Videos von Prof. Dr. iur. et Dr. med. Kerstin Noëlle Vokinger

Mein Name ist Kerstin Noëlle Vokinger, ich bin Assistenzprofessorin an der Universität Zürich und affiliertes Fakultätsmitglied an der Harvard Medical School, Boston.

Wir haben unsere Studie hier beim ESMO-Kongress in Barcelona präsentiert. Wie andere Studien schon gezeigt haben, haben auch wir gesehen, dass die Anzahl der Onkologika und auch ihre Preise in den letzten Jahren stark zugenommen haben. Uns hat interessiert, ob es zwischen den Preisen und dem klinischen Nutzen für die Patienten eine Assoziation gibt.

Wir haben die Preise für Onkologika in den USA und in Europa in Deutschland, Frankreich, England und der Schweiz erfasst. Dann haben wir analysiert, ob es eine Korrelation zwischen den Preisen und dem Nutzen der Arzneimittel gibt. Den Nutzen haben wir basierend auf 2 Value Frameworks, dem ASCO VF (American Society of Clinical Oncology Value Framework v2) und dem ESMO-MCBS (European Society for Medical Oncology Magnitude of Clinical Benefit Scale v1.1) bewertet. Die Frameworks basieren auf mehreren Aspekten, so werden klinische Endpunkte ausgewertet, aber auch andere Aspekte, wie etwa Toxizität oder Lebensqualität, berücksichtigt. Zusammen ergeben diese verschiedenen Faktoren einen Wert, je höher er ist, desto höher ist der klinische Nutzen.

Keine klare Assoziation zwischen Kosten und klinischem Nutzen

Unsere Studie zeigte, dass die Preise von Onkologika in den USA viel höher sind als in Europa  – im Median sind sie 52% höher.

Unsere Studienergebnisse haben weiter gezeigt, dass es keine klare Assoziation zwischen den monatlichen Kosten der Onkologika und dem klinischen Nutzen gibt. Das gilt sowohl für die USA mit den höheren Preisen als auch für Europa mit den niedrigeren Preisen. In Europa ist die Assoziation aber ein bisschen besser ist als in den USA. Das trifft insbesondere für Deutschland zu.

Wir haben auch die Korrelation über die Zeit untersucht. So haben wir analysiert, ob Onkologika, die z.B. vor 10 Jahren zugelassen worden sind, eine bessere oder schlechtere Korrelation zwischen Preis und klinischem Nutzen haben im Vergleich zu Onkologika, die erst vor kurzem zugelassen worden sind. Die Korrelation wurde hier tendenziell eher schlechter. Wir brauchen aber noch weitere Daten – auch über eine längere Zeitperiode –, um diese ersten Ergebnisse besser einschätzen zu können.

Kosten und Nutzen müssen besser assoziiert sein

Die Implikationen unserer Studie sind, dass Preise von Onkologika und Nutzen besser miteinander assoziiert sein müssen. Wir haben nur limitierte Ressourcen. Diese sollten für Arzneimittel mit einem möglichst hohen Benefit für die Patienten genutzt werden.

Unseres Erachtens bilden die Frameworks der ASCO und der ESMO eine gute Grundlage, um einen „Equal Access“ zu den Onkologika zu gewähren. Immer mehr Studien setzen sich mit der Frage auseinander, was klinischer Nutzen ist und implementieren und analysieren die ASCO- und ESMO-Frameworks. Vor dem Hintergrund der steigenden Kosten von Onkologika ist dies unserer Meinung nach eine gute Entwicklung. Darüber hinaus sollte man solche Tools auch in die Regulatorien (Zulassungsabläufe) implementieren.
 

Kommentar

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