Nicht-Cholera-Vibrionen fühlen sich inzwischen auch in der Ostsee wohl – Ärzte in der Region sind sensibilisiert

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

19. September 2019

Durch den Klimawandel und die damit einhergehende Ozeanerwärmung werden Infektionen mit Nicht-Cholera-Vibrionen zunehmen, prognostizieren Forscher. In ihrer Studie zeigen die Fallzahlen in den USA bereits seit 20 Jahren einen Aufwärtstrend. Als weiteren Beleg werten sie, dass auch ein befristeter Temperaturanstieg der Meere, etwa im Sommer oder durch die Strömung El Niño, die Infektionsraten hochtreibt [1].

 
Allein diese Gesundheitsgefahr reicht als Grund, die Klimakrise mit allen Mitteln zu bekämpfen. Prof. Dr. Axel Kramer
 

„An der deutschen Ostseeküste beobachten wir seit einiger Zeit ebenfalls eine Zunahme. Und diese Tendenz wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Treibhauseffekt fortsetzen“, bestätigt Prof. Dr. Axel Kra mer, Leiter des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Universität Greifswald, im Gespräch mit Medscape. Möglicherweise handle es sich um einen Vorboten weiterer Tropenkrankheiten, die hierzulande zum Problem werden könnten. „Schon allein diese Gesundheitsgefahr reicht als Grund, die Klimakrise mit allen Mitteln zu bekämpfen“, sagte Kramer.

Nicht-Cholera-Vibrionen lieben es warm und leicht salzig

Die Nicht-Cholera-Vibrionen (NCV), nahe Verwandte der Cholera-Bakterien, lieben die Wärme, ab einer Wassertemperatur von 20℃ steigt ihre Vermehrung sprunghaft an. Sie besiedeln die Meeresoberfläche um Amerika, Asien, Europa und Australien, erläutern Dr. Chloë Logar-Henderson und Dr. Rebecca Ling von der Universität Toronto und ihre Kollegen.

Kramer ergänzt: „Die Vibrionen bevorzugen außerdem einen bestimmten Salzgehalt: Zwischen 1 und 2% fühlen sie sich am wohlsten, genau jener Konzentration, wie sie an der Küste von Schleswig-Holstein bis Mecklenburg-Vorpommern herrscht.“ Richtung Polen und Litauen, wo die Werte sinken, und erst recht in der Nordsee mit ihren 3,5% gedeihen sie dagegen kaum noch.

Einem Merkblatt des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge ereigneten sich die wenigen bekannten Infektionen an der deutschen und niederländischen Nordseeküste vor allem nahe Flussmündungen, wo der Salzgehalt geringer ist.

In den USA begannen sich NCV-Infektionen bereits in den 1980-er Jahren zu häufen. 1988 richteten die US Centers for Disease Control and Prevention (CDC) daher das Beobachtungssystem COVIS ein, um laborbestätigte, von den Gesundheitsämtern gemeldete Fälle zu registrieren, zunächst nur für die Region am Golf von Mexico, 2007 dann für alle Bundesstaaten.

In Deutschland besteht keine generelle Meldepflicht

Anders ist die Lage in Deutschland: Hier ist eine NCV-Erkrankung oder ein Verdacht nur dann meldepflichtig, wenn der Arzt gravierende Gefahren für die Allgemeinheit befürchtet, etwa bei Wundinfektionen, Sepsis oder schweren Durchfällen, wie das RKI mitteilt. Für Labore gelte bei einem Nachweis das Gleiche. So bekämen die Gesundheitsämter die Chance, bei örtlichen Häufungen rechtzeitig einzuschreiten.

Doch welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Klimawandel und NCV-Infektionen? Das wollten die kanadischen Forscher mit einem Rechenmodell prüfen, indem sie ein großflächiges Phänomen als natürliches Experiment nutzten: die Meeresströmung El Niño, deren Auswirkung auf das Cholera-Risiko bereits nachgewiesen ist.

Für die USA fanden die Forscher eine jährliche Zunahme von 7 Prozent

Die erforderlichen Zahlen bezogen sie aus dem Register COVIS, das von 1999 bis 2014 insgesamt 10800 Vibriosis-Fälle auflistet, zuzüglich 62 Fälle eines Ausbruchs in Alaska im Jahr 2004.

Die Analyse ergab, dass sich die Inzidenz während dieses Zeitraums verdreifacht hatte, und zwar von 0,11 auf 0,36, jeweils bezogen auf 100.000 Einwohner – eine jährliche Zunahme um 7%.

Die regionalen Auswertungen zeigten die größte Gefahr für die Pazifikküste: Hier war das Ansteckungsrisiko für die Anwohner gut 13-fach höher als im Binnenland, am Golf von Mexiko fast 8-fach und sogar an der Atlantikküste noch 4-fach. Unabhängig davon verhalf El Niño den Erregern zu günstigen Lebensbedingungen: In den darauffolgenden 12 Monaten war das Infektionsrisiko insgesamt verdoppelt.

 
2015 und 2016 kam jeweils ein Patient, 2017 waren es 2, 2018 dann 4 und 2019 schon 9. Prof. Dr. Axel Kramer
 

Für deutsche Küsten gebe es wegen der lückenhaften Meldepflicht keine verlässlichen Daten, informiert das RKI, doch habe die Behörde seit 2002 von jährlich bis zu 20 Fällen erfahren, mit Häufung in den wärmeren Sommern 2003, 2006, 2010 und 2018.

Kramer nennt die Zahlen der Patienten aus Mecklenburg-Vorpommern, die an der Uniklinik Greifswald mit schweren NCV-Infektionen behandelt wurden: „2015 und 2016 kam jeweils ein Patient, 2017 waren es 2, 2018 dann 4 und 2019 schon 9.“ In Schleswig-Holstein ereigneten sich weniger Infektionen, nämlich 4 im Jahr 2018.

Derzeit sammelt der Experte gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität Hamburg die medizinischen Details über die Fälle entlang der Ostseeküste, um sie in einer Fachzeitschrift zu publizieren.

Extremfall Sepsis – daher sind NCV als „Killerbakterien“ verrufen

Wie er erläutert, ist ein Weg der Ansteckung die Aufnahme über den Magen-Darm-Trakt, etwa Verzehr von rohen oder ungenügend gegarten Meeresfrüchten – Krabben, Shrimps, Austern, Fisch – oder Verschlucken von kontaminiertem Meerwasser.

Die Folgen: Bauchschmerzen und eher milde Durchfälle. Bei Kindern kommt es gelegentlich zu einer Ohrenentzündung. Dramatischer verläuft der Befall von Haut und Bindegewebe. Frühe Symptome sind ein lokaler, unverhältnismäßig starker Schmerz, eventuell Fieber und Schüttelfrost.

Weiterhin können die bakteriellen Toxine tiefgreifende Nekrosen und Hautulzerationen verursachen, die chirurgisch entfernt werden müssen. Andernfalls droht eine Amputation von Gliedmaßen bis hin zum septischen Schock – das hat den Vibrionen die Verteufelung als „Killerbakterien“ eingetragen.

Kramer relativiert: „Bisher ist es meines Wissens noch nie passiert, dass sich ein gesunder Mensch infiziert hat.“ Für den tödlichen Verlauf müssten 2 Umstände zusammenkommen: eine chronische Grunderkrankung und eine offene Wunde oder ein Ekzem als Eintrittspforte, durch die Erreger in den Körper gelangen.

Tatsächlich seien zwar in diesem Jahr 2 Patienten gestorben, aber beide seien stark vorgeschädigt gewesen. Der eine war schwer alkoholkrank, der andere immunsupprimiert, unter anderem durch Entfernung der Milz.

Sie gehörten damit zu jener Gruppe, die das RKI auf seiner Homepage wegen ihres erhöhten Risikos für eine Infektion und einen schweren Verlauf davor warnt, ins Wasser zu gehen oder auch nur mit nackten Füßen einen Strandspaziergang zu machen: Menschen in höherem Alter, mit Immunschwäche, Diabetes, Krebs in der Vorgeschichte – etwa nach einer Chemotherapie - oder mit Herz- und Lebererkrankungen wie Zirrhose oder Hepatitis (Stand 27.08.2019).

Rasch mit Antibiotika behandeln

Zur Behandlung bei Verletzungen mit Salzwasser-Exposition empfiehlt eine aktuelle Leitlinie die Kombination von Doxycyclin und Ceftriaxon. „Mit Cephalosporinen und Tetrazyklinen liegt man immer richtig, denn als Breitband-Antibiotika eignen sie sich für viele Arten von Infektionen“, stellt Kramer fest.

 
Wir haben an der Uniklinik Greifswald alle Ärzte in der Notaufnahme, in der Unfall- und allgemeinen Chirurgie sensibilisiert, beim geringsten Indiz an diese Erkrankung zu denken. Prof. Dr. Axel Kramer
 

In Übereinstimmung mit dem RKI rät der Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, zuerst einen Wundabstrich zu machen, allerdings den Laborbefund nicht abzuwarten, sondern die Therapie sofort zu beginnen: „Das A und O ist, rasch zu handeln, denn die Infektion entwickelt sich rasant, und zwar binnen 24 Stunden.“

Um die Bevölkerung auf die Gefahr aufmerksam zu machen, haben die Gesundheitsämter in den Touristenzentren, etwa Hotels und Kurorten, Flyer verteilt.

Außerdem wurden Hausarztpraxen, Reha-Kliniken und Rettungsleitstellen informiert, wann sie hellhörig werden sollten. „Ebenso haben wir an der Uniklinik Greifswald alle Ärzte in der Notaufnahme, in der Unfall- und allgemeinen Chirurgie sensibilisiert, beim geringsten Indiz an diese Erkrankung zu denken“, berichtet Kramer.

Auf Deutschland könnten Tropenkrankheiten wie Malaria zukommen

Wie notwendig solche Informationen sind, geht aus dem Fazit hervor, das die kanadischen Autoren ziehen: „Unsere Studie legt nahe, dass NCV-Infektionen, begünstigt durch die Ozeanerwärmung, auf dem Vormarsch sind.“ Und weiter:  „Sie könnten als wichtiger Indikator für die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels dienen. Und das verwendete Rechenmodell könnte sich eignen, die zukünftige Entwicklung abzuschätzen und auf dieser Basis Vorsorgemaßnahmen zu treffen.“

 
Unsere Studie legt nahe, dass NCV-Infektionen, begünstigt durch die Ozeanerwärmung, auf dem Vormarsch sind. Dr. Chloë Logar-Henderson und Dr. Rebecca Ling
 

Auch Kramer ist überzeugt: „Da wird einiges auf uns zukommen. Zum Beispiel halte ich für möglich, dass selbst in Deutschland Malaria ausbricht, so wie das schon einmal geschehen ist, 1945 im Peenetal.“ Darauf sei er zufällig bei einer Recherche gestoßen. „Anopheles-Mücken leben ja hier, es brauchen bloß noch die Plasmodien eingeschleppt zu werden.“

El Niño und die Auswirkungen

El Niño ist eine Strömungsänderung des äquatorialen Pazifiks, im Fachausdruck El Niño-Southern Oscillation, ENSO. Der spanische Name stammt von peruanischen Fischern, deren Fangerträge durch das Klimaphänomen drastisch zurückgingen, und bedeutet der Junge, das Kind, speziell das Christuskind. Denn El Niño erscheint meist zur Weihnachtszeit, allerdings in unregelmäßigen Abständen von 2 bis 7 Jahren, im Durchschnitt alle 4 Jahre, mal stärker, mal schwächer ausgeprägt.

Die Strömung entsteht durch Abschwächung der Passatwinde und somit des kalten Humboldtstroms. Das Oberflächenwasser vor der Küste Perus erwärmt sich und wird nicht mehr mit dem nährstoffreichen Tiefenwasser durchmischt. Infolgedessen stirbt das Plankton ab, ganze Nahrungsketten brechen zusammen, Tiere und Pflanzen sterben in Massen, Fischschwärme bleiben aus.

Auf 3 Vierteln der Erde werden die Wettermuster beeinflusst, es kommt je nach Region zu starken Regenfällen, Dürre oder Wirbelstürmen, mit weitreichenden teils positiven, teils negativen Folgen für die Menschen, etwa in Bezug auf Landwirtschaft, Umwelt, Energie-, Transport- und Finanzwesen sowie Gesundheit.

 

Kommentar

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