Erster Welttag der Patientensicherheit: Neue Konzepte gegen Behandlungsfehler in Klinik und Praxis

Bettina Micka

Interessenkonflikte

17. September 2019

Berlin – Der Stolz war den Vorstandmitgliedern des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS) durchaus anzumerken. Schließlich geht der Welttag der Patientensicherheit, der in diesem Jahr zum ersten Mal stattfindet, auf die Initiative des APS zurück. Auf der Pressekonferenz stellte der APS-Vorstand dar, was in Sachen Patientensicherheit hierzulande noch im Argen liegt und mit welchen Maßnahmen aller Beteiligten in Zukunft noch mehr Menschenleben gerettet werden könnten [1]. Dazu stellten die Experten u.a. 2 Initiativen zur Förderung von Fehlermelde- und Lernsystemen im ambulanten bzw. stationären Bereich vor.

Hardy Müller
(Foto: privat)

Das Schwerpunktthema des Tages der Patientensicherheit ist „Sicherheitskultur auf allen Ebenen“. Was bedeutet das? „Der Ausbau der Patientensicherheit ist nicht allein Aufgabe und Verpflichtung einzelner Berufsgruppen, sondern erfordert das konstruktive Engagement und Zusammenwirken aller Berufsgruppen“, so Hardy Müller, Generalsekretär des APS.

Fehler und Probleme offen ansprechen

Hedwig François-Kettner
(Foto: Natascha Zivadinovic)

Die Zahlen sind alarmierend: In Ländern mit hohem Einkommen erleidet etwa jeder 10. Patient während eines Krankenhausaufenthalts einen Schaden, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einer Mitteilung schreibt. In der ambulanten Versorgung sind es gar 4 von 10 Patienten. 80% der Schäden wären vermeidbar. In Deutschland gibt es allein 15.000 bis 20.000 vermeidbare Todesfälle jedes Jahr durch Sepsis. „Die Zahlen sind so, dass wir keine Veranlassung haben, uns zurückzulehnen“, mahnte Hedwig François-Kettner, Vorsitzende des APS.

Fehler verursachen nicht nur Leid, sondern auch Kosten. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat ermittelt, dass selbst in modernen, gut ausgestatteten Gesundheitswesen rund 15% aller Ausgaben in die Behebung von Schäden fließen. Nicht nur den Patienten wäre geholfen, wenn diese Ressourcen für die Vermeidung anstatt für die Behebung der Folgen unzureichender Patientensicherheit ausgegeben werden würden.

Dr. Ruth Hecker
(Foto: privat)

Auch Mitarbeiter im Gesundheitswesen könnten ihre Arbeit leichter und mit mehr Zufriedenheit leisten. „Mitarbeitersicherheit ist gleich Patientensicherheit“, betonte Dr. Ruth Hecker, stellvertretende Vorsitzende des APS. Konkret bedeute dies, das ausreichend Mitarbeiter in einer Einrichtung beschäftigt sind, die ausreichend Zeit für die Einarbeitung haben und ein gutes Mentoring erhalten, die sich im Team aufgehoben fühlen und den Mut haben, Fehler anzusprechen.

Gerade die offene Kommunikation ist aber noch ein großes Problem in Deutschland. „Können sich beispielsweise der AIPler oder der Assistenzarzt trauen, darauf hinzuweisen, dass die OP-Liste nicht korrekt durchgegangen wurde?“, fragte Hecker. Um die Bedeutung einer offenen Kommunikationskultur für das Lernen aus Fehlern hervorzuheben, hat die WHO für den ersten Welttag der Patientensicherheit den Slogan „Speak up for patient safety“ ausgerufen.

„Menschen machen Fehler“, so Francois-Kettner. „Entscheidend ist, dass wir eine Atmosphäre schaffen, in der auch über Behandlungsfehler offen gesprochen wird und Strukturen vorhanden sind, die es uns ermöglichen, aus den Fehlern anderer zu lernen.“ 

Entscheidend ist, dass wir eine Atmosphäre schaffen, in der auch über Behandlungsfehler offen gesprochen wird und Strukturen vorhanden sind, die es uns ermöglichen, aus den Fehlern anderer zu lernen. Hedwig François-Kettner
 

Ambulanter Bereich noch zögerlich

Niedergelassene wie Kliniken sind nach dem Sozialrecht eigentlich dazu verpflichtet, Fehlermanagementsysteme einzusetzen, um Behandlungsfehler zu dokumentieren. In der Praxis findet das aber noch viel zu selten statt. In Praxen sei die Motivation, sich mit Patientensicherheit zu befassen, noch sehr ausbaufähig, bedauerte Kettner.

Müller nannte Zahlen: In Deutschland gibt es demnach rund eine Milliarde Arzt-Patienten-Kontakte pro Jahr. Innerhalb von 10 Jahren gab es aber nur rund 800 Fehler-Meldungen aus dem ambulanten Bereich. In Großbritannien sind es dagegen rund 8.000 Meldungen pro Jahr. „Wir müssen auch aus den Fehlern Anderer lernen, denn wir leben nicht lange genug, um sie alle selbst zu machen“, zitierte Müller ein brasilianisches Stichwort.

Projekt zur Fehlermeldung durch Praxen

Mit dem vom Innovationsfond des gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) geförderten Projekt CIRSforte (Critical Incident Reporting Systems) will das APS deshalb die Einführung und Fortentwicklung von Berichts- und Lernsystemen im ambulanten Bereich voranbringen. An CIRSforte beteiligen sich 184 Arztpraxen. Bisher liegen rund 250 Ereignisberichte vor. Diese noch vorläufigen Ergebnisse dokumentieren, wo es noch Qualitätsmängel zu beheben gilt. Bisher kristallisierten sich 3 Schwerpunkte heraus:

  • Fehler bei der Medikation (z.B. falsche Dosierung, falsches Medikament, falscher Zeitraum);

  • Testergebnisse und Labor (z.B. Tests sind geplant, werden aber nicht durchgeführt, Dokumentationsfehler, verspätete Nachverfolgung von auffälligen Werten);

  • Patienten-Identifikation (Verwechslung von Patienten).

Die Ereignisberichte werden analysiert, Präventionsmaßnahmen abgeleitet und an die teilnehmenden Praxen kommuniziert. Zudem wird untersucht, wie Nutzungsbarrieren überwunden und Praxis-Teams für die aktive Teilnahme an Berichts- und Lernsystemen gewonnen werden können.

Am 30. Oktober dieses Jahres werden die Zwischenergebnisse von CIRSforte im Rahmen eines Symposiums in Berlin vorgestellt. Der Abschlussbericht ist für März 2020 geplant.

Sollte sich das Projekt bewährt haben, könnten ab April 2020 alle Niedergelassenen daran teilnehmen. Je mehr dabei sind, desto besser lassen sich strukturelle Probleme von individuellen Fehlern unterscheiden. Um die Nutzung möglichst niederschwellig anzubieten, gibt es Webinare, in denen sich die Nutzer von zuhause über den Umgang mit dem System schulen lassen.

Aus Gesprächen mit Ärzten wisse er, dass viele Niedergelassene bereits intern eine Fehlerliste führten, berichtete Müller gegenüber Medscape. Er wünschte sich von den Ärzten aber, offener zu sein für den Austausch mit Kollegen zu solchen Problemen. Eine weitere Möglichkeit dazu seien etwa ärztliche Qualitätszirkel. Diese könnten um den Aspekt der Patientensicherheit erweitert werden.

Wie Kliniken voneinander lernen können

Auch im stationären Bereich können Einrichtungen voneinander lernen, um die Sicherheit für ihre Patienten zu erhöhen. Hierzu hat das APS das Projekt „Lernen aus einrichtungsübergreifenden Fehlermeldesystemen“ initiiert.

Nach einer Befragung aller Krankenhäuser im Jahr 2015 verfügen 91% aller stationären Eirichtungen über interne Meldesysteme. Das APS möchte mit seinem Projekt, das es u.a. mit der Techniker Krankenkasse durchführt, den Austausch zwischen den Krankenhäusern fördern. 52% der Krankenhäuser wollen sich an einem solchen übergreifenden System beteiligen. Eine entsprechende Förderung zum Betrieb dieser Systeme erhalten sie, wenn sie die dafür geltenden Richtlinien des G-BA einhalten.

Das Projekt wird in den nächsten 3 Jahren die inhaltliche und strukturelle Weiterentwicklung der einrichtungsübergreifenden Fehlermelde- und Lernsysteme unterstützen. Dazu werden Nutzer und Anbieter zu ihren Erfahrungen befragt. Ergebnisse werden auf einem Symposium im März 2020 präsentiert. 

Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem. Hedwig François-Kettner
 

APS-Vorsitzende François-Kettner brachte abschließend auf den Punkt, wo die Herausforderung liegt: „Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem.“

 

Kommentar

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