Armut „frisst“ Lebenszeit: WHO-Report dokumentiert gesundheitliche Ungleichheit in Europa – auch in Deutschland

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

11. September 2019

Europa gelingt es nicht, die Unterschiede zwischen Arm und Reich bei Gesundheit und in der Lebenserwartung zu verringern – weil die meisten Länder aber auch zu wenig unternehmen. Das ist eine der Kernaussagen des neuen Health Equity Status Report (Bericht zu gesundheitlicher Chancengleichheit) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Region Europa [1].

Auch Deutschland schneidet in vielen Dimensionen nicht gut ab. Dabei gibt es wirksame Maßnahmen, um die Gesundheit ärmerer Menschen zu fördern. Doch dafür muss die Politik in vielen Bereichen aktiv werden – vor allem in solchen, die nicht klassisch in das Ressort Gesundheit fallen.

Arme Männer sterben bis zu 15 Jahre früher als reiche

Die Autoren machen die gesundheitliche Ungleichheit an 3 Dimensionen fest: Der Lebenserwartung, dem persönlichen Wohlbefinden und dem Auftreten von Krankheiten. Bei der Lebenswartung zeigen sich in vielen Ländern nach wie vor deutliche Unterschiede zwischen ärmeren und reicheren Bevölkerungsschichten. Am größten ist der Unterschied für Männer in osteuropäischen Ländern wie der Slowakei (Arme leben dort über 15 Jahre kürzer), Tschechien, Ungarn und Polen. Besonders klein ist er für Frauen in der Türkei.

Im Durchschnitt sterben ärmere Männer in Europa 7,6 und Frauen 3,9 Jahre früher als reichere. Die Werte für Deutschland werden im WHO-Report nicht angegeben. Laut neuesten Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) beträgt der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen der Gruppe mit dem niedrigsten und der mit dem höchsten Status hierzulande für Männer 8,6 und für Frauen 4,4 Jahre (mittlere Lebenserwartung bei Geburt). Damit würde Deutschland über dem europäischen Durchschnitt liegen (wobei die Berechnungsgrundlagen unterschiedlich sind).

Auch das persönliche Wohlbefinden hängt in allen europäischen Ländern vom sozialen Status ab. Die Autoren machen es an der Frage fest, ob die Menschen ihrem Alltag nachgehen können oder durch gesundheitliche Probleme eingeschränkt sind. Erfasst wurde, wie viele von 100 Frauen sich eingeschränkt fühlen.

Das Ergebnis: In der ärmsten Schicht sagen dies bis zu 20 mehr Frauen als in der reichsten Schicht. Bei Männern sind es sogar 22 mehr. Deutschland gehört auch hier zu den Ländern, in denen der Unterschied besonders groß ist (auch hierfür werden die genauen Werte im Report nicht angegeben).

Die WHO bemängelt besonders, dass sich die Differenzen im Wohlbefinden seit 2005 in den meisten Ländern nicht verringert haben. Auch Deutschland hat laut Report keine Fortschritte gemacht.

Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes („Nichtübertragbare Krankheiten“) hängen ebenfalls stark von der Schicht bzw. der Bildung ab. Im europäischen Durchschnitt erkranken Frauen mit geringer Bildung rund doppelt so oft an Diabetes wie Frauen mit hoher Bildung. Relativ klein ist der Unterschied hingegen bei der Rate an übermäßigem Alkoholkonsum – dieser kommt in vielen Ländern in den gebildeteren Schichten ebenso vor.

Wohnumfeld hat entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit

Wie erklären sich nun diese Unterschiede im Gesundheitszustand zwischen Arm und Reich? Die WHO hat 5 Bereiche ausgemacht, die entscheidend sind. Den größten Einfluss hat der Faktor „Einkommen und soziale Sicherheit“: Er erklärt nach Selbstauskunft 35% der Unterschiede beim Gesundheitszustand, bei seelischer Gesundheit sogar 46%.

Der zweitwichtigste Faktor sind die Lebensbedingungen (29% des Gesundheitszustandes), gefolgt von sozialen Ressourcen (19%). Die direkte Gesundheitsversorgung hingegen erklärt nur 10% der Unterschiede, die Arbeitsbedingungen 7%.

Verbesserungen sind binnen 2 bis 4 Jahren möglich

Die gute Nachricht: Alle diese Bereiche lassen sich durch politische Maßnahmen beeinflussen. „Die gesundheitliche Chancengleichheit kurzfristig zu verbessern, ist möglich, sogar innerhalb einer Legislaturperiode“, betont die WHO.

Die Autoren nennen 7 Maßnahmen, die dazu geeignet sind. Den größten Effekt haben Investitionen in (Sozial-)Wohnungen und öffentliche Einrichtungen. „Die Wohnung ist mehr als ein Dach über dem Kopf“, schreiben die Autoren, „sie ist die Grundlage für ein Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit.“ Dabei spielen auch Umgebungsfaktoren wie Grünflächen eine wichtige Rolle.

 
Die gesundheitliche Chancengleichheit kurzfristig zu verbessern, ist möglich, sogar innerhalb einer Legislaturperiode. WHO
 

Weitere Einflussfaktoren für mehr gesundheitliche Gleichheit sind die Arbeitsmarktpolitik, öffentliche Ausgaben für Gesundheit, soziale Absicherung, Senkung der Eigenbeiträge für die Gesundheitsversorgung und Verringerung der Arbeitslosigkeit und der Einkommensunterschiede. Das Durchschnittseinkommen in einem Land zu erhöhen, hat hingegen keinen Effekt.

„Es gibt einen statischen Zusammenhang zwischen diesen Maßnahmen und einer verbesserten gesundheitlichen Chancengleichheit“, schreiben die Autoren. Positive Effekte zeigten sich schon binnen 2 bis 4 Jahren.

Etwas zu unternehmen, würde sich für die Politik auch finanziell lohnen, rechnet die WHO vor: Reduziert man etwa den sozialen Unterschied in der Lebenserwartung um 50%, so führe dies zu einem 0,3 bis 4,3% höheren Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes.

Doch der Trend geht in Europa eher in die andere Richtung, warnen die Autoren: Seit 2005 haben sich die durchschnittlichen Ausgaben für soziale Absicherung halbiert, von 12,9 auf 6,1% des BIP. Lebten 2005 im Durchschnitt 15 von 100 Bürgern in relativer Armut, so sind es heute 17.

Die WHO hofft deshalb, dass der Report etwas bewirkt: „Es ist eine verbreitete Annahme, dass gesundheitliche Ungleichheit zu komplex ist, um sie zu verringern, und dass man nicht weiß, welche Maßnahmen etwas bringen. Der Report soll das verändern.“

 

Kommentar

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