Skurrile Heilmittel-Verordnungen: 4 Mal mehr Ergotherapien in Hamburg als in Bremen – Diskussion um Versorgungsbedarf

Christian Beneker

Interessenkonflikte

11. September 2019

Was unter einer bedarfsgerechten Versorgung mit Heilmitteln zu verstehen ist, wird offenbar je nach Region unterschiedlich bewertet. Das geht aus einer Antwort der Bunderegierung auf eine kleine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag hervor [1].

„In welchem Bundesland man lebt, ist oft entscheidend dafür, ob und wie man therapiert wird“, kommentiert der Gesundheitspolitiker und Obmann der Linken-Fraktion Dr. Achim Kessler, der die Anfrage zusammen mit weiteren Abgeordneten im August gestellt hat, in einer Erklärung, die Medscape vorliegt.

Mit dem Behandlungsbedarf habe die unterschiedliche Versorgung jedenfalls weniger zu tun, heißt es darin. „Es reicht nicht aus, wenn die Bundesregierung zur Begründung auf die Therapiefreiheit der verordnenden Ärztinnen und Ärzte sowie auf die unterschiedliche Dichte von Heilmittelerbringenden verweist. Die Bundesregierung bleibt jede Antwort schuldig, wie sie eine mögliche Unterversorgung ausschließen will“, so Kessler.

„Ich fordere Minister Spahn auf, umgehend eine Forschungsstudie über den tatsächlichen Versorgungsbedarf auszuschreiben und darüber, welche Optionen es gibt, eine angemessene Versorgung vom Wohnort unabhängig zu machen. Denn verantwortungsvolle Politik hat die Pflicht, bei Missständen einzugreifen.“

Regional erhebliche Unterschiede bei Verordnungen

Tatsächlich zeigen Zahlen der Bundesregierung, dass 2018 etwa die allgemeine Krankengymnastik in Berlin mit 1.565 Behandlungseinheiten auf 1.000 Versicherte weit vor dem benachbarten Brandenburg liegt. Hier zählte man im gleichen Zeitraum nur 1.005 verordnete Behandlungseinheiten.

Irritierende Zahlen gibt es auch bei der manuellen Therapie. Im Vergleich zu Sachsen mit 1.480 verordneten Therapien auf 1.000 Versicherten im Jahr 2018 erhalten saarländische Versicherte mit nur 55 Anwendungen rund 25 Mal weniger Rezepte für manuelle Therapien.

Schlusslicht bei Versorgungsaspekten ist oft Bremen. Die Therapie motorischer Störungen wurde im Stadtstaat mit 39 Behandlungseinheiten auf 1.000 Versicherte fast viermal seltener verordnet als in Thüringen (2018); dort erhielten im gleichen Zeitraum 150 pro 1.000 Versicherte eine entsprechende Verschreibung.

Auch bei der Ergotherapie bei psychischen Beschwerden ist Bremen weit abgeschlagen. Im Jahr 2018 wurde sie gerade 23 Mal auf 1.000 Versicherte verschrieben. Im 100 Kilometer entfernten Hamburg liegt dieser Wert bei 107 – und ist damit mehr als 4 Mal so hoch.

Korrelieren Versorgungsquoten mit der Dichte an Leistungserbringern?

„Wir wollen, dass hier Licht ins Dunkel gebracht wird“, sagt Pascal Detzler, Referent im Fraktionsbüro der Linken im Bundestag. Die Antwort der Bunderegierung reicht seiner Partei offenbar nicht aus. Sie bezieht sich auf den jährlichen Heilmittelreport der Barmer, Stand 2016.

„Zu den im Heil- und Hilfsmittelreport ausgewiesenen regionalen Unterschieden bei den Versorgungsquoten wurde in der Ausgabe 2016 des Reports festgestellt, dass diese mit der Dichte bzw. der Anzahl der Leistungserbringer korrelieren“, schreibt die Bundesregierung in ihrer Antwort. Weitergehende Erkenntnisse hierzu lägen nicht vor.

 
Die unterschiedlich hohen Ausgaben für die Physiotherapie sind rein medizinisch nicht erklärbar. Prof. Dr. Christoph Straub
 

Was die Frage angeht, ob die Versorgung bedarfsgerecht ist, verweist die Bundesregierung auf Ärzte. Sie nähmen mit ihren Verordnungen „die Steuerung in die erforderliche Behandlungsebene vor. Einer darüber hinaus gehenden Prüfung bedarf es nicht.“ Will heißen: Eine Studie über die Ursachen der unterschiedlichen Versorgung strebt die Regierung nicht an.

Im Übrigen verweist das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) auf Anfrage von Medscape darauf, dass es Heilmittelerbringer finanziell bessergestellt habe. So würden bei der Physiotherapie die Preise für die einzelnen Leistungspositionen in allen Ländern auf das im Bund höchste Niveau gehoben.

„Darüber hinaus wurde beschlossen, durch die Einführung der sogenannten Blankoversorgung in die Regelversorgung den Heilmittelerbringern mehr Versorgungsverantwortung zu geben“, so das BMG. „Diese Maßnahmen werden wesentlich dazu beitragen, die Attraktivität der Heilmittelberufe zu steigern. Dies wird auch der flächendeckenden Versorgung der Versicherten zu Gute kommen“, heißt es weiter. „Im Übrigen gilt auch für die Angehörigen der Therapieberufe das Recht der freien Niederlassung.“

Barmer fordert weitere Analysen

Dass es keiner weiteren Prüfung bedarf und dass mehr Geld ausreicht, um Leistungsunterschiede in den Ländern auszugleichen, bezweifeln nicht nur die Linken, sondern auch die Barmer.

 
Zu den im Heil- und Hilfsmittelreport ausgewiesenen regionalen Unterschieden bei den Versorgungsquoten wurde ... festgestellt, dass diese mit der Dichte bzw. der Anzahl der Leistungserbringer korrelieren. Bundesregierung
 

„Die unterschiedlich hohen Ausgaben für die Physiotherapie sind rein medizinisch nicht erklärbar. Das unterschiedliche Verordnungsverhalten der Ärztinnen und Ärzte oder verschiedenartige Angebotsstrukturen könnten eine zentrale Rolle spielen“, sagte Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandvorsitzender der Barmer, in einer Pressemitteilung. Auch er fordert näheres Hinsehen. Es brauche „weitere Analysen“, um die Ursachen der Kostendifferenzen bei Krankengymnastik oder Lymphdrainagen zu ermitteln.

Schließlich sei das Ganze nicht nur eine Frage der Bedarfsplanung, sondern auch der Kosten. So entfielen auf jeden Bremer Barmer-Versicherten im Jahr 2017 genau 54,47 Euro Ausgaben für die Physiotherapie. In Berlin lag dieser Wert bei 68,33 Euro.

 

Kommentar

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