Statt Salzrestriktion? Niedrigerer Blutdruck, wenn im Kochsalz 25% Kaliumchlorid sind – funktioniert in Studie in Peru

Simone Reisdorf

Interessenkonflikte

5. September 2019

Paris – Wissenschaftler des Exzellenzzentrums für Chronische Erkrankungen an der Universität Lima in Peru schlagen einen neuen Weg bei der Prävention von Bluthochdruck vor. Sie initiierten eine Aufklärungs­aktion in 6 nordperuanischen Gemeinden, begleitet von einer Beobachtungsstudie über 3 Jahre. Die Teilnehmer in den Dörfern bekamen ein Ersatzprodukt für Kochsalz, welches nur 75% Natrium­chlorid, dafür aber 25% Kaliumchlorid enthält [1].

Entsprechende Angebote wurden gut angenommen. Die Studie zeigt eine minimale, aber signifikante Senkung des mittleren Blutdrucks bei Teilnehmern, verbunden mit einer Halbierung der Fälle inzidenter Hypertonie. Einige Fragen, insbesondere zur Übertragbarkeit dieses Vorgehens auf andere Regionen, bleiben aber noch offen.

Kleiner Therapieeffekt – großer Vorteil im Outcome

Prof. Dr. J. Jaime Miranda

Schon eine Reduktion des systolischen Blutdrucks um 2 mmHg lässt bei Menschen im mittleren Lebensalter das Risiko für einen Schlaganfall um 10% und für KHK-bedingte Mortalität um 7% sinken. An diese fast 20 Jahre alten Studiendaten erinnerte Prof. Dr. J. Jaime Miranda, Lima, Peru, auf dem ESC-Kongress in Paris.

Salz: Substitution statt Verzicht

Wenn es aber darum geht, durch Lebensstiländerungen solche kleinen Erfolge anzustreben, sind die Menschen in Südamerika nicht aufgeschlossener als in Europa und anderswo: „Wenn wir zu einer Verringerung des Kochsalzkonsums raten, stoßen wir auf taube Ohren“, so Miranda: „Der gewohnte Geschmack der Speisen ist den Leuten wichtiger.“

Statt weiter auf Salzverzicht zu drängen, bot das Team um Miranda deshalb ein „gesünderes“ Ersatzprodukt an: Liz Sal – so benannt nach der Cartoonfigur Liz, einer jungen Frau, welche für die Kampagne steht und den Wiedererkennungswert der Verpackung erhöht.

Miranda und Kollegen schlossen insgesamt 6 Dörfer der Region Tumbes im Nordwesten Perus in ihre Studie ein und versorgten sie mit dem neuen Salzprodukt. Eine Aufklärungskampagne wurde gestartet, um die flächendeckende Teilnahme der Einwohner zu gewährleisten. Sie richtete sich an alle, die Nahrung zubereiten: Haushalte, Geschäfte, Bäckereien, Restaurants, Gemeinschaftsküchen und Straßenverkäufer.

 
Wenn wir zu einer Verringerung des Kochsalzkonsums raten, stoßen wir auf taube Ohren. Der gewohnte Geschmack der Speisen ist den Leuten wichtiger. Prof. Dr. J. Jaime Miranda
 

Die Aufklärungsteams gingen von Tür zu Tür, informierten Einwohner aber auch an zentralen Orten des öffentlichen Lebens sowie in den sozialen Medien. Gegen Abgabe ihrer vorhandenen Kochsalzvorräte erhielten die Teilnehmer stattdessen Liz-Salz. Nach dessen Verbrauch konnten sie in umweltfreundlichen Vorratsdosen weitere Portionen des Produkts abholen. Die Kosten der Kampagne waren gering und wurden von der Forschungseinrich­tung getragen.

2.376 der 2.605 Erwachsenen in der Region (91,2%) konnten in die Studie eingeschlossen werden. Sie änderten nicht nur ihre Ernährung, sondern unterzogen sich auch freiwillig Blutdruckmessungen und lieferten Urinproben ab – gleich zu Beginn sowie noch weitere sechsmal im Abstand von je 5 Monaten, so dass die Beobachtungsdauer jedes Teilnehmers insgesamt 30 Monate betrug.

Geschmack ist wichtig: Wieviel Kaliumchlorid darf es sein?

Dr. Bruce Neal

Liz-Salz enthält nur 75% Natriumchlorid (NaCl), dafür aber 25% Kaliumchlorid (KCl). Das ergebe Sinn für die Hypertonieprävention, denn KCl habe im Gegensatz zu NaCl einen günstigen Effekt auf den Blutdruck, wie Prof. Dr. Bruce Neal von The George Institute for Global Health, Sydney, Australien, im Gespräch mit Medscape betont: „Kalium hinzuzufügen bringt einen unabhängigen blutdrucksenkenden Effekt, zusätzlich zu dem Effekt, welchen die Wegnahme von Natrium bewirkt.“

 
Kalium hinzuzufügen bringt einen unabhängigen blutdrucksenkenden Effekt, zusätzlich zu dem Effekt, welchen die Wegnahme von Natrium bewirkt. Prof. Dr. Bruce Neal
 

Ein limitierender Faktor ist unter anderem der Geschmack: Bei 35% KCl oder mehr (65% NaCl oder weniger) fehlt der Mischung eine ausreichende Würzkraft. Neal vermutet, dass auch schon das Liz-Salz mit 25% KCl nicht recht in die Vorstellungen der peruanischen Testpersonen passte. Denn in der Studie hatte zwar der Kaliumspiegel der Teilnehmer im 24-Stunden-Sammelurin über die 30 Monate signifikant zugenommen, der Natriumspiegel jedoch nicht abgenommen. „Womöglich haben die Menschen zwar das Liz-Salz verwendet, dann aber doch noch mit herkömmlichem Kochsalz nachgewürzt“, meint Neal. „Das könnte auch den geringen Blutdruckabfall erklären.“

Primäres Studienziel Blutdruckreduktion: klein, aber signifikant

Die Blutdruckreduktion, primäres Ziel von Mirandas Studie laut Studienprotokoll, war in der Tat nicht sehr ausgeprägt. Die Messungen nach 2,5 Jahren zeigten eine mittlere Blutdrucksenkung um 1,23/0,72 mmHg, wie Miranda beim Kongress berichtete. Trotzdem war die Reduktion sowohl des mittleren systolischen (p = 0,004) als auch des mittleren diastolischen Werts (p = 0,022) signifikant.

 
Womöglich haben die Menschen zwar das Liz-Salz verwendet, dann aber doch noch mit herkömmlichem Kochsalz nachgewürzt. Das könnte auch den geringen Blutdruckabfall erklären. Prof. Dr. Bruce Neal
 

Bei Teilnehmern mit bestehender Hypertonie sank der durchschnittliche systolische Blutdruck noch etwas stärker, nämlich um 1,92 mmHg, und bei Teilnehmern im Alter ab 60 Jahren um 2,17 mmHg.

Inzidenz von Hypertonie um 55% reduziert

Weitaus deutlicher beeinflusste der Salzaustausch jedoch den sekundären Endpunkt, nämlich die Bluthochdruck-Inzidenz: Im Vergleich zu einer Kontrollregion entwickelten in der Studienregion 55% weniger Menschen eine arterielle Hypertonie (Rate Ratio = 0,45). Der Unterschied war hochsignifikant mit p < 0,001.

 
Die Senkung der Hypertoniezahlen ist beeindruckend, jedoch schwer ganz zu verstehen. Prof. Dr. Bruce Neal
 

Neal, der selbst Studien zum Salzaustausch in mehreren asiatischen Ländern leitet, gratulierte Miranda zu diesem Studienerfolg; er nannte die Senkung der Hypertoniezahlen „beeindruckend, jedoch schwer ganz zu verstehen“.

Im Gespräch mit Medscape betont der australische Forscher, dass die absoluten Fallzahlen in der Vollpublikation abzuwarten seien. Es ist anzunehmen, dass diese Fallzahlen insgesamt niedrig sind: Die Population der peruanischen Studie war eher jung und der Ausgangswert des Blutdrucks mit durchschnittlich 113/72 mmHg eher niedrig.

Und was ist mit Hyperkaliämien?

Von der Studienteilnahme ausgeschlossen waren lediglich Kinder, Personen mit vorbestehender Nierenschädigung sowie mit Herzinsuffizienz oder/und Digoxintherapie. Diese Einschränkungen zielten insbesondere darauf ab, Komplikationen durch Hyperkaliämien zu vermeiden.

 
Chronische Nierenerkrankungen waren ein Ausschlusskriterium, und es wurden keine unerwünschten Ereignisse berichtet. Prof. Dr. J. Jaime Miranda
 

Miranda betonte auf Nachfrage von Medscape: „Chronische Nierenerkrankungen waren ein Ausschlusskriterium, und es wurden keine unerwünschten Ereignisse berichtet.“

Und Neal bestätigte: „Menschen mit schweren Nierenschäden oder anderen einschlägigen Vorerkrankungen wissen im Allgemeinen sehr gut, dass sie Kalium meiden sollen. Die Gefahr einer Hyperkaliämie durch Salzsubstitution wird oftmals überschätzt. Professor Miranda hat in seinem Kollektiv keine Hyperkaliämien berichtet. Das ist beruhigend, und es deckt sich auch mit meinen guten Erfahrungen in Salzsubstitutionsstudien mit deutlich größeren Teilnehmerzahlen.“

Wer bezahlt?

Offen blieben die Fragen, ob sich peruanischen Daten auf andere Regionen sowie auf ältere Populationen übertragbar sind, und wer für das KCl-haltige Salz inklusive Aufklärung zahlen soll. „Die Kosten sind sehr niedrig und die Herstellung und Verteilung sind unkompliziert“, betont Miranda. Ein Scheitern solcher Projekte aus finanziellen Gründen sei eher unwahrscheinlich, hofft er.

 

Kommentar

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