Die Malaria-Ausrottung kann funktionieren: WHO-Experten fordern gänzlich neue Instrumente – und 34 Milliarden Dollar

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

5. September 2019

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält eine vollständige Ausrottung von Malaria weiterhin für möglich. Um dieses Ziel zu erreichen, seien jedoch gänzlich neue Instrumente notwendig, berichtet die Organisation.

„Mit den Werkzeugen, die uns heute zur Verfügung stehen, werden wir Malaria auch in den nächsten 30 Jahren nicht ausrotten können“, sagt Dr. Pedro Alonso, Direktor des WHO Global Malaria Programme, anlässlich der Veröffentlichung eines neuen Kurzberichts [1]. Der komplette Report wird am 9. September beim WHO-Forum „Rising to the Challenge of Malaria Eradication” in Genf präsentiert.

 
Mit den Werkzeugen, die uns heute zur Verfügung stehen, werden wir Malaria auch in den nächsten 30 Jahren nicht ausrotten können. Dr. Pedro Alonso
 

Selbst nach den „optimistischsten Prognosen“, so die Autoren der WHO Strategic Advisory Group on Malaria Eradication (SAGme), gebe es im Jahr 2050 noch immer 11 Millionen neue Malaria-Infektionen in Afrika, falls die bisherige Strategie nicht geändert würde. In der SAGme arbeiten 13 Experten aus unterschiedlichen Bereichen zusammen. Dazu zählen Vertreter der WHO-Kooperationszentren, WHO-Mitarbeiter und Repräsentanten wichtiger Interessengruppen.

Die Bekämpfungsprogramme müssen wieder Fahrt aufnehmen

In der Vergangenheit hatten WHO-Infektiologen es durchaus Erfolge zu vermelden. „Der schnelle Rückgang der Malaria-Mortalität zwischen 2000 und 2015 kann als ein Triumph des modernen öffentlichen Gesundheitswesens bezeichnet werden“, schreiben die Autoren. „Während die Zahl der Malariafälle weltweit um 22% (von 271 auf 212 Millionen) zurückging, sanken die Todesfälle um beachtliche 50% (von 864.000 auf 429.000).“

Nun stünde man jedoch an einem Scheideweg, warnt Alonso. Denn die Infektions- und Todesrate habe sich seit 2015 kaum verändert. Die Programme zur Bekämpfung müssten wieder Fahrt aufnehmen, fordert der WHO-Programmdirektor.

2 Milliarden Malariafälle und 4 Millionen Todesfälle weniger

Inhaltlich haben sich die Experten auf bislang eher weniger beachtete Themen konzentriert. Dazu zählen die Finanzierung und der ökonomische Nutzen von Eradikationsprogrammen, aber auch die Rolle regionaler Gesundheitssysteme. Außerdem versuchten die WHO-Fachleute, Trends zur Urbanisierung, Elektrifizierung, Landnutzung, Abholzung und Klima in ihre Prognosen zu berücksichtigen.

Ihre Analysen zeigen, dass eine Ausweitung und Neuausrichtung bekannter Maßnahmen bis 2030 weitere 2 Milliarden Malariafälle und 4 Millionen Todesfälle verhindern könnte. Dafür wären schätzungsweise 34 Milliarden US-Dollar erforderlich: laut Report ein gutes Investment. Denn der wirtschaftliche Mehrwert würde sich auf rund 283 Milliarden US-Dollar belaufen. Das entspricht einem Nutzen-Kosten-Verhältnis von über 8:1.

Alonso nennt konkret 3 Säulen für künftige Programme:

1. ein neues politisches – und damit auch finanziellen – Engagement,

2. die effektive Nutzung vorhandener Daten,

3. die Entwicklung neuer Medikamente, Vakzine und Insektizide.

Die meisten Tools zur Bekämpfung der Malaria stammen aus dem letzten Jahrhundert: mit Insektiziden behandelte Moskitonetze, Sprühnebel in Innenräumen, diagnostische Schnelltests und Medikamente auf Artemisinin-Basis.

Mittlerweile gibt es etliche Innovationen. Neben passiven Immunisierungstherapien wie monoklonalen Antikörpern werden vielversprechende neue Diagnostika, Medikamente, Insektizide und Methoden zur Kontrolle von Vektoren entwickelt. Und der weltweit erste Malaria-Impfstoff, RTS,S/AS01, wird bereits in Ghana und Malawi eingesetzt und soll in Kenia eingeführt werden.

Lehren aus der Vergangenheit

Es geht aber nicht nur um Ansätze aus der Forschung. Der Expertenbericht wird begleitet von der eindringlichen Warnung, Fehler aus früheren Zeiten nicht zu wiederholen. So habe zwar das erste globale Programm der WHO von 1955 bis 1969 Malaria in mehreren Ländern ausgerottet. Die globale Eradikation gelang jedoch nicht, u.a. weil das Programm nicht in afrikanischen Ländern südlich der Sahara durchgeführt wurde, den am stärksten betroffenen Gegenden.

Dies habe zum Gefühl der Niederlage geführt, heißt es in der Veröffentlichung. Kontrollmaßnahmen wurden deshalb vernachlässigt, und die Forschung aufgegeben. Malaria kehrte mit voller Wucht zurück, es folgten Millionen weiterer Todesfälle.

Der nun veröffentlichte Report erlaube eine fundierte Diskussion über die mögliche Ausrottung der Malaria, sagte Alonso. Und er bekräftigte auch noch einmal, es sei nicht die Frage, ob man Malaria ausrotten könne oder nicht, sondern vielmehr eine Frage der Methodik.

 
Wir sind uns sehr bewusst, dass ein gesetztes Datum zu hohen Erwartungen führen, die in Frustration und Rückschlägen enden können Dr. Pedro Alonso
 

Trotz dieser Möglichkeiten vermeiden es die WHO-Experten strikt, sich zum Zeithorizont zu äußern, bis wann die Krankheit endgültig besiegt sein könnte. „Wir sind uns sehr bewusst, dass ein gesetztes Datum zu hohen Erwartungen führen, die in Frustration und Rückschlägen enden können“, so Alonso. Und dieses Risiko wolle man kein zweites Mal eingehen.

 

Kommentar

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