Alte Wirkstoffe, neue Indikation: Schützen lipophile Statine nach einer HBV- oder HCV-Infektion vor Leberkrebs?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

26. August 2019

Erhalten Patienten mit chronischer Hepatitis B oder Hepatitis C lipophile Statine, scheint sich ihr Risiko, an Leberkrebs zu erkranken, zu verringern. Die Wirkstoffe sind – unabhängig vom verabreichten Molekül – mit einer niedrigeren Mortalität aufgrund hepatozellulärer Karzinome assoziiert. Das berichten Dr. Tracey G. Simon vom Massachusetts General Hospital, Boston, USA; und Kollegen in den Annals of Internal Medicine  [1]. Basis der Arbeit sind schwedische Kohortendaten.

Prof. Dr. Christian Trautwein

„Die Arbeit ist insofern interessant, als es keine randomisierten kontrollierten Studien für Statine in Bezug auf die Entwicklung hepatozellulärer Karzinome gibt“, so Prof. Dr. Christian Trautwein im Gespräch mit Medscape. Er ist Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Uniklinik RWTH Aachen, und Sprecher der Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).

RCTs zu diesem Zusammenhang seien auch nicht mehr zu erwarten. Bei Wirkstoffen ohne Patentschutz gebe es wenig ökonomisches Interesse der Industrie, insbesondere, da solche Untersuchungen mehrere Jahre in Anspruch nehmen würden, um den Einfluss auf die Entstehung des Leberkrebses zu evaluieren. „Deshalb sind epidemiologische Studien eine wichtige Option, mehr zu erfahren“, sagt der Experte.

Erfahrungen aus der Praxis

Von den Ergebnissen ist Trautwein nicht überrascht: „Aus älteren Studien mit US-Veteranen wissen wir bereits, dass Statine bei Patienten, die an Hepatitis-C-Infektionen und kompensierter Zirrhose leiden, mit einem um mehr als 40% niedrigeren Risiko für Zirrhose-Dekompensation und Tod verbunden sind.“

Klinisch unterscheidet man die kompensierte Form ohne Komplikationen von der dekompensierten Zirrhose mit Aszites, Varizenblutungen, Ikterus bzw. einer hepatischen Enzephalopathie. Jetzt hätten Simon und seine Kollegen Assoziationen für das hepatozelluläre Karzinom gezeigt.

Trautwein erklärt den Effekt lipophiler Statine wie Simvastatin bzw. Atorvastatin mit deren Fähigkeit, besser in Zellen einzudringen als hydrophile Statine wie Lustatin bzw. Pravastatin. „Ich selbst setze bei Patienten mit Leberzirrhose Simvastatin recht großzügig ein, wenn sie gleichzeitig erhöhte LDL-Cholesterinwerte haben“, berichtet er aus der Praxis.

 
Ich selbst setze bei Patienten mit Leberzirrhose Simvastatin recht großzügig ein, wenn sie gleichzeitig erhöhte LDL-Cholesterinwerte haben. Prof. Dr. Christian Trautwein
 

„Dabei verordne ich den Wirkstoff nicht nur, um das Atherosklerose-Risiko zu senken, sondern auch, um die Progression der Lebererkrankung zu verlangsamen.“ Auf Nebenwirkungen wie Muskelbeschwerden oder erhöhte Leberwerte sollte aber dringend geachtet werden.

Häufige Komorbidität

Zum Hintergrund: Dank moderner Wirkstoffe gelingt es zwar, Infektionen mit dem Hepatitis-B-Virus (HBV) zu kontrollieren und Infektionen mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) zu heilen. Es fehlen jedoch Möglichkeiten zur Krebs-Prävention bei Patienten mit vorgeschädigter Leber aufgrund der Infektionen.

Jährlich werden weltweit etwa 500.000 hepatozelluläre Karzinome neu diagnostiziert. „In den Vereinigten Staaten und Europa hat sich die Inzidenz von HCC seit den 1970er Jahren verdreifacht, und die Mortalität nimmt bei HCC schneller zu als bei jeder anderen Krebsart“, schreiben die Autoren.

Wie Trautwein berichtet, deuten ältere Arbeiten darauf hin, dass Statine das Risiko hepatozellulärer Karzinome verringern könnten. Welchen Effekt verschiedener Wirkstoffe dieser Klasse auf das Krebsrisiko und auf die Mortalität haben, war bislang unbekannt.

Beobachtungsstudien und Tierexperimente liefern ebenfalls Hinweise, dass lipophile Statine (Atorvastatin, Simvastatin, Fluvastatin und Lovastatin) die Hepatokarzinogenese besser verhindern können als hydrophile Statine (Pravastatin oder Rosuvastatin).

„Klinische Beweise für die Wirksamkeit lipophiler oder hydrophiler Statine bei chronischen Lebererkrankungen sind jedoch Mangelware“, konstatieren die Forscher um Simon und Kollegen. Deshalb suchten sie in einer landesweiten schwedischen Kohorte nach möglichen Assoziationen. Darin waren Daten von allen Patienten mit bestätigter chronischer HBV- oder HCV-Infektion sowie mit unterschiedlichen Statinen als Medikation zu finden.

Lipophile Statine verbessern das Outcome

Das schwedische Register wurde für den Zeitraum von 2005 bis 2013 ausgewertet. Simon und ihre Kollegen arbeiteten mit Daten von insgesamt 16.668 Erwachsenen. Von ihnen erhielten 8.334 Statine (6.554 verwendeten lipophile und 1.780 hydrophile Vertreter dieser Pharmaka-Klasse). Das konnten die Forscher den Verordnungsdaten entnehmen. Hinzu kamen 63.279 Personen mit HBV- bzw. HCV-Infektion, aber ohne Pharmakotherapie, als Kontrollen. Zu beachten ist, dass mehrere unterschiedliche Kontrollgruppen gebildet wurden. 

Während einer Nachbeobachtungszeit von 10 Jahren trat bei 3,3% der Patienten mit lipophilen Statinen Leberkrebs auf, verglichen mit 8,1% der Kontrollen ohne Statine: ein statistisch signifikanter Unterschied. Die absolute Risikodifferenz beträgt 4,8 Prozentpunkte. Der Unterschied zwischen Patienten ohne Statin-Medikation und Patienten, die hydrophile Statine erhielten, war statistisch nicht signifikant (8,0% versus 6,8%; absoluter Unterschied 1,2 Prozentpunkte).

Signifikante Unterschiede gab es hinsichtlich der 10-Jahres-Mortalität bei Patienten ohne Medikation, verglichen solchen, die lipophilen Statine erhielten (15,2% vs 7,3%; absoluter Unterschied 7,9 Prozentpunkte) oder verglichen mit hydrophilen Statinen (16,0% vs 11,5%; absoluter Unterschied 4,5 Prozentpunkte).

 
Lipophile Statine sind mit einer signifikant reduzierten Inzidenz und Mortalität beim hepatozellulären Karzinom verbunden. Dr. Tracey G. Simon und Kollegen
 

„Lipophile Statine sind mit einer signifikant reduzierten Inzidenz und Mortalität beim hepatozellulären Karzinom verbunden“, fassen die Autoren zusammen. „Patienten, die hydrophile Statine verwendeten, hatten zwar eine niedrigere Sterblichkeitsrate, aber keine verringerte Inzidenz von Leberkrebs.“ Weitere Untersuchungen seien erforderlich, um festzustellen, ob sich die lipophile Statin-Therapie zur Prävention von Leberkrebs eigne.   

 

Kommentar

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