Bluttest zur Lebenserwartung: Taugt er als Entscheidungshilfe für Ärzte, wie sinnvoll noch invasive Therapien sind?

Michael van den Heuvel 

Interessenkonflikte

22. August 2019

Mit 14 biochemischen Markern lässt sich die Mortalität prognostizieren. Konkret bestimmten die Forscher um Dr. Joris Deelen von der Abteilung für Biomedical Data Sciences der Leiden Universität, Niederlande, das Sterberisiko innerhalb von 5 und 10 Jahren. Bei den Biomarkern handelt es sich um verschiedene Lipide und Aminosäuren. Über die Bestimmung dieser Marker, so schlagen die Autoren in Nature Communications vor, könnten in der klinischen Routine bessere Therapieentscheidungen getroffen werden [1].

 
Nun stehen uns eine Reihe von Biomarkern zur Verfügung, mit denen wir gefährdete ältere Menschen identifizieren und dann entsprechend behandeln können. Dr. P. Eline Slagboom
 

„Als Alternsforscher wollen wir das biologische Alter bestimmen, denn das kalendarische Alter sagt nicht viel über den allgemeinen Gesundheitszustand älterer Menschen aus“, erklärt die Ko-Autorin Dr. P. Eline Slagboom von der Universität Leiden. Der eine 70-Jährige sei kerngesund, während ein anderer bereits an multiplen Krankheiten leide. „Nun stehen uns eine Reihe von Biomarkern zur Verfügung, mit denen wir gefährdete ältere Menschen identifizieren und dann entsprechend behandeln können“, ergänzt Slagboom.

Viele Perspektiven – viele Gefahren

„Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Autoren der Anwendung ihres Risiko-Scores weder für Forschungsfragen noch für den klinischen Einsatz aktuell Marktreife bescheinigen“, kommentiert Dr. Annette Rogge gegenüber dem Science Media Center Germany. Sie ist Vorsitzende und Geschäftsführerin des Klinischen Ethikkomitees, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, und Kommissarische Leiterin des Geschäftsbereichs Medizinethik, Institut für experimentelle Medizin, an der Christian-Albrechts-Universität Kiel.

Deelen und seine Coautoren stellten jedoch medizinische Perspektiven in Aussicht: Für die Entscheidung, ob eine ältere Person zu fragil für eine invasive Operation sei, könne es von Bedeutung sein, wenn sie zu einer Gruppe mit krankheitsunabhängig erhöhtem Risiko, innerhalb der nächsten 5 oder gar 10 Jahre zu sterben, gehöre, ergänzt Rogge.

Sie weist darauf hin, dass hier viele Faktoren von Bedeutung seien, etwa Aspekte der evidenzbasierten Medizin oder Wünsche von Patienten. „Das individuelle Outcome des Patienten sicher prognostizieren zu können, wäre für die Entscheidung sehr hilfreich“, kommentiert die Expertin.

 
Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Autoren der Anwendung ihres Risiko-Scores weder für Forschungsfragen noch für den klinischen Einsatz aktuell Marktreife bescheinigen. Dr. Annette Rogge
 

„Aber die beschriebene Methode liefert nur eine Wahrscheinlichkeit, mit der dieser Patient zu einer Gruppe von Menschen gehört, die ein bestimmtes Risiko in sich tragen, krankheitsunabhängig innerhalb der nächsten fünf oder zehn Jahre zu sterben.“ Auch der Nutzen des Tests für die Prävention sei „sehr abstrakt“.

Dem stehen Rogge zufolge einige Gefahren gegenüber:

  • Wie lässt sich verhindern, dass statistische Risikoeinschätzungen einen zu hohen Stellenwert in der Therapiezielfindung einnehmen?

  • Wie kann man vermeiden, dass die Zugehörigkeit zu einer statistisch analysierten Hochrisikogruppe zu einer Diskriminierung von Probanden oder Patienten führt?

  • Wer teilt dieses Risiko und seine Bedeutung dem Patienten mit?

  • Wie begleiten Ärzte Patienten im Umgang mit diesem Wissen?

  • Wie sichern Ärzte das Recht von Patienten auf Nichtwissen?

Rogges Fazit: „Die Nutzung des hier vorgestellten Biomarker-basierten Tests auf das Mortalitätsrisiko für Therapieentscheidungen bei einzelnen Patienten ist somit sowohl heute, als auch als Zukunftsvision äußerst kritisch zu bewerten.“

Studie mit dem menschlichen Metabolom

Wie Rogge aber einräumt, haben Ärzte seit Jahren den Wunsch, bei älteren Patienten bessere Entscheidungen zu treffen, ob eine Intervention noch sinnvoll ist. Nicht immer ist eine Operation oder eine Chemotherapie – auch im Sinne der Patienten – die beste Lösung.

Auf der Suche nach geeigneten Markern für das „biologische Alter“ standen bisher oft Modellorganismen wie Fadenwürmer oder Mäuse im Mittelpunkt der Forschung.

Deelens Team arbeitete mit Blutproben von 44.168 Personen aus 12 Kohorten (Alpha-Omega-Kohorte, ERF-Studie, FINRISK-1997-Kohorte, DILGOM-Studie, LLS-Nonagenarier, LLS Offspring and Partners, PROSPER, Rotterdam-Studie, ALSPAC, EGCUT, KORA F4 und TwinsUK). Die Teilnehmer waren zu Beginn 18 bis 109 Jahre alt. Von ihnen starben während des Follow-Up von 2,76 bis 16,7 Jahren, je nach Studie, insgesamt 5.512 Personen.

 
Die Nutzung des … Tests auf das Mortalitätsrisiko für Therapieentscheidungen bei einzelnen Patienten ist somit … äußerst kritisch zu bewerten. Dr. Annette Rogge
 

Über eine standardisierte Metabolomik-Plattform identifizierten die Forscher anfangs 159 Biomarker. Deren Zahl verringerte sich nach biomathematischen Analysen auf 14 Moleküle, die unabhängig von sonstigen Faktoren mit der Gesamtmortalität assoziiert waren.

Dazu gehören die Gesamtlipide in Chylomikronen und im Very Low Density Lipoprotein (VLDL), die Gesamtlipide im High Density Lipoprotein (HDL), der mittlere Durchmesser von VLDL-Partikeln, das Verhältnis von mehrfach ungesättigten Fettsäuren zur Gesamtmenge an Fettsäuren, Glukose, Laktat, Histidin, Isoleucin, Leucin, Valin, Phenylalanin, Acetoacetat, Albumin und acetylierte Glykoproteine.

Stärken und Schwächen

Diese Biomarker sind an verschiedenen Prozessen beteiligt, beispielsweise am Lipoprotein- und Fettsäurestoffwechsel, an der Glykolyse, am Flüssigkeitshaushalt und an entzündlichen Vorgängen. „Obwohl viele von ihnen bereits früher mit der Mortalität in Verbindung gebracht worden sind, ist dies die erste Studie, die ihre unabhängige Wirkung zeigt, wenn sie in einem Modell kombiniert werden“, schreiben die Autoren.

Als weitere Stärken nennen sie die große Zahl an Probanden und die etablierte Technologie der Metabolomik. Sie schränken jedoch ein, 14 Parameter würden nur „einen Bruchteil des Stoffwechsels abbilden“. Deelen und seine Kollegen möchten jedenfalls ihren Score in laufende klinische Studien integrieren, um weitere Daten zu sammeln.

 

Kommentar

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