Androgen-Blockade beim Prostatakrebs: Hinweise auf kardiale Risiken – vor der Therapie erst zum Kardiologen?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

17. Februar 2020

Bei älteren Patienten, die an Prostatakrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden, ist die Androgen-Synthesehemmung mit Abirateron oder Enzalutamid mit einer kurzfristig erhöhten Mortalität assoziiert. Das berichten Prof. Dr. Grace Lu-Yao vom Sidney Kimmel Cancer Center in Jefferson, Philadelphia, und ihre Kollegen in der Zeitschrift European Urology  [1]. Basis der Veröffentlichung ist eine bevölkerungsbasierte Studie.

„Durch die Arbeit haben wir nun Real-World-Daten zu Abirateronacetat und Enzalutamid“, begrüßt Prof. Dr. Günter Karl Stalla gegenüber Medscape die Daten. Er ist Leiter des Medicover Neuroendokrinologie MVZ mit klinischem Studienzentrum, München, und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.

„Gerade bei Zulassungsstudien versuchen Hersteller nämlich, ältere Personen bzw. Patienten mit Komorbiditäten auszuschließen.“ Doch er sieht in der Arbeit auch einige generelle Probleme: „Hypogonadismus, wie er durch Arzneimittel ausgelöst wird, korreliert per se mit dem kardiometabolischen Syndrom und mit dem Risiko einer koronaren Herzerkrankung.“

 
Gerade bei Zulassungsstudien versuchen Hersteller nämlich, ältere Personen bzw. Patienten mit Komorbiditäten auszuschließen. Prof. Dr. Günter Karl Stalla
 

Stalla: „Umgekehrt gilt: 40 bis 50 Prozent der Patienten mit koronarer Herzerkrankung haben aufgrund ihres Leidens auch einen Hypogonadismus.“ Und Therapiestudien mit Testosteron erbrachten bislang ebenfalls bezüglich der Herzerkrankungen nur widersprüchliche Ergebnisse.

„Außerdem ist Testosteron ein hämatopoetischer Faktor. Das heißt, niedrigere Werte können zur Anämie und zum kardiometabolischen Syndrom führen“, ergänzt der Experte.

Nicht zuletzt stünden Insulinresistenz und Depressivität als weitere Folge der anti-androgenen Therapie mit kardiovaskulären Erkrankungen in Verbindung. Die Assoziationen sind dementsprechend sehr komplex.

Stalla rät: „Man muss natürlich Patienten informieren und vor der Gabe der untersuchten Arzneimittel selektieren.“ Dafür hält er den Framingham Risk Score für geeignet. Bei Privatpatienten könne man auch per Herz-Computertomografie den koronaren Kalkscore bestimmen. 

 
Aufgrund dieser Publikation gibt es keinen Zweifel mehr, dass Patienten kardiologisch zu untersuchen sind, bevor sie Abirateron oder Enzalutamid erhalten. Prof. Dr. Günter Karl Stalla
 

Sein Fazit: „Aufgrund dieser Publikation gibt es keinen Zweifel mehr, dass Patienten kardiologisch zu untersuchen sind, bevor sie Abirateron oder Enzalutamid erhalten.“

Wenig Wissen über Risiken bei älteren multimorbiden Patienten

Zum Hintergrund der aktuellen Studie: „Daten aus veröffentlichten klinischen Studien zeigten einen kleinen, aber signifikanten Anstieg der Inzidenz kardiovaskulärer Toxizität bei Patienten, die mit Androgen-Syntheseinhibitoren behandelt wurden“, erklärt Lu-Yao in einer Pressemeldung. Über die kurzfristige Sterblichkeit bei Männern mit kardiovaskulären Risikofaktoren unter der Pharmakotherapie sei jedoch wenig bekannt, insbesondere bei Personen, die nicht in klinische Studien eingeschlossen waren.

Ältere Patienten über 65 Jahren mit fortgeschrittenem Prostatakrebs und mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurden tatsächlich häufig von Untersuchungen ausgeschlossen, die Effekte der anti-androgenen Therapie untersuchten. Lu-Yao und ihre Koautoren nennen Abirateron oder Enzalutamid als wichtigste Vertreter dieser Klasse. „Folglich ist wenig über die Auswirkungen dieser Medikamente auf diese schutzbedürftigen Patienten bekannt“, so ihr Kritikpunkt. Mittels ihrer populationsbasierten retrospektiven Studie wollten die Forscher hier mehr erfahren.

Basis ihrer Analyse war die SEER-Datenbank (Surveillance, Epidemiology, and End Results), um Prostatakrebs-Patienten zu identifizieren, die Abirateron oder Enzalutamid erhalten hatten. SEER deckt etwa 30% der US-Bevölkerung ab. Lu-Yaos Team korrigierte dazu, soweit es ging, für Störgrößen und Komorbiditäten.

Höhere Mortalität, mehr Hospitalisierungen

Von allen Patienten der SEER-Datenbank, die aufgrund ihrer Medikation infrage kamen (2.845 mit Abirateron und 1.031 mit Enzalutamid), hatten 67% mindestens eine kardiovaskuläre Vorerkrankung. Die größten Unterschiede hinsichtlich der Sterblichkeit traten in den ersten 6 Monaten auf: Bei Patienten mit kardiovaskulärer Vorerkrankung war der Prostatakrebs mit einer um 16% höheren Mortalität assoziiert. Das Risiko stieg bei Patienten mit 3 oder mehr kardiovaskulären Vorerkrankungen auf 56% an. Zum Vergleich wurden Patienten ohne Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems herangezogen.

Als häufigste Leiden nennen die Autoren akuten Herzinfarkt, Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz, Schlaganfall und ischämische Herzkrankheit. In ihrer Studie arbeiten sie mit der Zahl unterschiedlicher kardiovaskulärer Vorerkrankungen – nicht nach der Art aufgeschlüsselt.

Außerdem untersuchten die Forscher Veränderungen in den Hospitalisierungsraten. Abirateron war mit mehr stationären Aufenthalten assoziiert, Enzalutamid dagegen nicht.

Bei Patienten mit mindestens 3 kardiovaskulären Vorerkrankungen unabhängig von deren Art und ohne Chemotherapie in der Vorgeschichte war Enzalutamid im Vergleich zu Abirateron mit einer um 41% niedrigeren Hospitalisierungsrate verbunden. Die Autoren vermuten, dies hänge mit dem größeren Spektrum möglicher Wechselwirkungen bei Abirateronacetat zusammen, verglichen mit Enzalutamid.

„Die Ergebnisse unserer Studie liefern neue relevante Daten, um die Diskussion zwischen Patient und Arzt über Risiken und Nutzen der Behandlung von Männern mit fortgeschrittenem Prostatakrebs zu erleichtern“, so Lu-Yao. „Patienten mit vorbestehenden kardiovaskulären Erkrankungen wiesen nach Abirateronacetat oder Enzalutamid eine höhere Kurzzeitmortalität auf als Patienten ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen“, so das Fazit der Autoren.

 
Patienten mit vorbestehenden kardiovaskulären Erkrankungen wiesen nach Abirateronacetat oder Enzalutamid eine höhere Kurzzeitmortalität auf als Patienten ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen. Prof. Dr. Grace Lu-Yao und Kollegen
 

Die Autoren um Lu-Yao empfehlen, dass ein multidisziplinäres Team, zu dem auch ein Kardiologe gehört, Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen bewertet, um Behandlungsentscheidungen zu treffen und mögliche Nebenwirkungen zu überwachen.

 

Kommentar

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