PTBS bei Geflüchteten: Psychologen und Ärzte kritisieren Abschiebebehörden – „fachliche Expertise wird nicht akzeptiert“

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

21. August 2019

Die junge Frau wurde in ihrem afrikanischen Heimatland von Polizisten vergewaltigt – weil sie ihren Mann nicht finden konnten, der für eine regierungskritische Organisation arbeitete. Schwer traumatisiert gelang ihr die Flucht nach Deutschland. Doch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wollte sie trotz einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) abschieben.

 
Wir haben den Eindruck, die fachliche Expertise von Ärzten und Psychotherapeuten wird nicht mehr akzeptiert. Both Elise Bittenbinder
 

Begründung: „Die eingereichte fachärztliche Stellungnahme (…) genügt in keinster Weise den Mindestanforderungen für die Geltendmachung einer PTBS.“ Unter anderem, weil die Diagnostik „fast ausschließlich auf den Angaben der Klägerin basiert, die an zwei Terminen gemacht wurden“.

In den letzten Monaten häufen sich solche Fälle, berichtet Elise Bittenbinder, Vorstand der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAFF): „Wir haben den Eindruck, die fachliche Expertise von Ärzten und Psychotherapeuten wird nicht mehr akzeptiert.“

Die BAFF wirft dem BAMF vor, Gutachten zu den gesundheitlichen Folgen von Traumatisierungen pauschal zurückzuweisen, um Abschiebungen durchzusetzen.

Wenn der Einzelentscheider im ICD blättert

Manche Ablehnungsschreiben zeugten auch von unreflektiertem Halbwissen, berichtet Bittenbinder. In manchen Fällen scheinen sich die Mitarbeiter sogar in den ICD einzulesen. Ein BAMF-Mitarbeiter hatte ihn so verstanden, dass sich PTBS-Betroffene immer binnen weniger Wochen einem Therapeuten anvertrauen müssten.

Da die Klientin es erst nach über einem Jahr Therapie schaffte, über ihre mehrfache Vergewaltigung in der Gefangenschaft zu sprechen, seien ihre Darlegungen unglaubwürdig. Tatsächlich bezieht sich der ICD aber auf den Zeitraum, in dem sich die PTBS entwickelt. In der Definition heißt es: „Der Beginn folgt dem Trauma mit einer Latenz, die wenige Wochen bis Monate dauern kann.“

Dabei war man im Dialog mit dem BAMF schon mal weiter, berichtet Bittenbinder. Die BAFF und ihre Mitgliedszentren haben sogar Seminare für Einzelentscheider durchgeführt, um diese für den Umgang mit psychisch kranken Flüchtlingen zu qualifizieren – aber auch Strategien zu vermitteln, wie sie die vielen schrecklichen Berichte verarbeiten können.

„Im BAMF sitzen durchaus engagierte Leute, die auch richtig und aufgrund guter Informationslage entscheiden möchten“, sagt Bittenbinder gegenüber Medscape, „aber es gilt offenbar jetzt die politische Vorgabe, externe Gutachten weniger gelten zu lassen. Die Gründe erschießen sich nicht, da dies nicht einmal dazu beiträgt, die Abschiebezahlen signifikant zu steigern.“ 

 
Es gilt offenbar jetzt die politische Vorgabe, externe Gutachten weniger gelten zu lassen Both Elise Bittenbinder
 

Als Wendepunkt sieht Bittenbinder das Asylpaket II, das 2016 in Kraft getreten ist. Seitdem gelten als Abschiebehindernis nur noch „lebensbedrohliche oder schwerwiegende Erkrankungen, die sich durch die Abschiebung wesentlich verschlechtern würden“, heißt es in dem Beschluss. Eine PTBS ist kein grundsätzliches Hindernis mehr.

Und das BAMF akzeptiert nur noch Bescheinigungen von Ärzten, nicht mehr von psychologischen Psychotherapeuten. Doch in den Beratungszentren arbeiten überwiegend Psychologen, sagt Bittenbinder. Die wenigen Psychiater schafften es bei weitem nicht, alle Patienten zu begutachten, „und wenn man Externe beauftragt, ist das sehr teuer.“ Und am Ende würden, wie im Fall der afrikanischen Frau, selbst deren Gutachten nicht akzeptiert.

Gutachten von Ärzten ohne Facharzttitel

Ähnliches berichtet Dr. Ernst Girth, Menschenrechtsbeauftragter der hessischen Landesärztekammer: „Das BAMF selbst beauftragt in Abschiebeverfahren gar keine unabhängigen Ärzte mehr.“ Vor Jahren habe seine Kammer aufwändig Kollegen fortgebildet, damit sich die Qualität der Gutachten in Asylverfahren erhöhe. „Aber diese Experten werden jetzt gar nicht angefragt.“

Stattdessen lese er Gutachten zur Reisetauglichkeit, die von Medizinern ohne Facharztausbildung geschrieben sind. Und zunehmend greift das BAMF offenbar mangels Alternativen bei geplanten Abschiebungen auf den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) zurück: „Bei uns haben sich Kollegen aus dem ÖGD gemeldet, die für das BAMF Gutachten zur Reisetauglichkeit von Ausreisepflichtigen erstellen sollen. Sie wollen das aber eigentlich nicht.“

Das BAMF weist die Kritik zurück: „Bei Hinweisen auf psychische Erkrankungen sind die Entscheider des Bundesamts dahingehend sensibilisiert, besonders einfühlsam mit den Betroffenen umzugehen“, sagte ein Sprecher den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Man habe 218 Sonderbeauftragte für Traumatisierte und Folteropfer, die in diesen Fällen eingesetzt würden.

Dass eine Flucht die Entwicklung ernster psychischer Erkrankungen begünstigt, zeigt auch eine neue Studie in JAMA  Psychiatry  [1]. Nach der Metaanalyse, an der unter anderem die Berliner Charité beteiligt war, haben Flüchtlinge das 1,43-fache relative Risiko (95%-Konfidenzintervall: 1,00–2,05) an einer nicht-affektiven Psychose zu erkranken – dies verglichen mit Migranten ohne Fluchterfahrung.

 

Kommentar

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