Lebensmittel-Kennzeichnung: Verbraucher bevorzugen Ampel – das Modell des Ernährungsministeriums schneidet schlecht ab

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

14. August 2019

Bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln bevorzugen 69% aller Konsumenten den Nutri-Score gegenüber dem Wegweiser Ernährung. Das letztgenannte Modell wurde nur von 25% präferiert, häufig jedoch als „kompliziert“ und „verwirrend“ beschrieben.

So lauten die Ergebnisse einer repräsentativen Online-Betragung von Forsa im Auftrag verschiedener Fachgesellschaften und Verbände [1]. Gerade vulnerable Gruppen mit geringer Bildung bzw. mit hohem Body-Mass-Index (BMI) werden mit der Lebensmittel-Ampel gut erreicht.

 
Die Umfrage zeigt klar, dass der Nutri-Score genau das liefert, was die Menschen erwarten – eine schnelle, verständliche Orientierung beim Einkauf. Prof. Dr. Hans Hauner
 

„Die Umfrage zeigt klar, dass der Nutri-Score genau das liefert, was die Menschen erwarten – eine schnelle, verständliche Orientierung beim Einkauf“, so Prof. Dr. Hans Hauner, Vorsitzender der Deutschen Diabetes Stiftung und Beiratsmitglied der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. „Die Politik muss diese wirksame Maßnahme für eine gesündere Ernährung endlich umsetzen.“

Das bestätigt auch Barbara Bitzer, Sprecherin des Wissenschaftsbündnisses DANK und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Der Nutri-Score habe zuvor in über 35 wissenschaftlichen Studien seine Wirksamkeit bewiesen. „Wir erwarten, dass Bundesernährungsministerin Julia Klöckner den Nutri-Score schnellstmöglich einführt“, so Bitzer.

 
Ein Label, das die Mehrheit der Menschen als verwirrend empfindet, ist wissenschaftlich nicht akzeptabel.   Barbara Bitzer
 

„Ein Label, das die Mehrheit der Menschen als verwirrend empfindet, ist wissenschaftlich nicht akzeptabel.“ Klöckner hat bislang den Wegweiser Ernährung präferiert.

Gesunde Lebensmittel auf einen Blick erkennen

Die Kennzeichnung selbst soll Verbraucher bestmöglich unterstützen. Viele Menschen wünschen sich, Lebensmittel mit hohem Zucker- oder Fettgehalt auf den ersten Blick erkennen. Nur machen es komplizierte Tabellen nicht gerade leicht, gesunde Lebensmittel auszuwählen.

„Für Verbraucherinnen und Verbraucher muss es ohne ein Studium der Ernährungswissenschaften möglich sein, auf der Vorderseite von Verpackungen zu erkennen, was in Lebensmitteln steckt“, erklärte Julia Klöckner (CDU) bereits im Mai. „Angesichts der Zahlen zu Übergewicht ist das drängend.“

Die EU habe sich nicht zu einem europaweit einheitlichen Vorgehen durchgerungen. Deshalb sei es wichtig, national an einer vereinfachten, erweiterten Nährwertkennzeichnung zu arbeiten. Sie machte klar, Verbraucher per Umfrage mit einzubeziehen. Jetzt wurden die Ergebnisse veröffentlicht.

2 Modelle im Vergleich

Für die repräsentative Befragung wählte Forsa 1.003 Bürgerinnen und Bürger nach einem Zufallsverfahren aus. Sie erhielten zunächst Informationen über 2 Kennzeichnungssysteme.

Der „Wegweiser Ernährung“ wurde vom Max Rubner-Institut entwickelt und gilt als Klöckners Favorit. Er ist aus einzelnen Waben mit Informationen zum Zucker-, Salz-, Fett- oder Energiegehalt aufgebaut.

Im Unterschied dazu fasst der „Nutri-Score“ verschiedenen Eigenschaften eines Lebensmittels zusammen und bewertet diese auf einer fünfstufigen, farblich gestalteten Skala. Das Spektrum reicht vom grünen „A“ bis zum roten „E“. Die Kennzeichnung geht auf Lebensmittelwissenschaftler zurück und kommt bereits in Frankreich und Belgien zum Einsatz.

Zur Befragung selbst: Nach der Vorstellung beider Modelle sollten die Teilnehmer verschiedene Lebensmittel beurteilen, etwa Müsli, Putenbrust und ein Getränk. Alle Packungen wurden immer 2x abgebildet – mit dem Wegweiser Ernährung und dem Nutri-Score. Danach mussten Konsumenten angeben, welche Aussagen eher zutreffen.

Der Nutri-Score wurde häufiger als der Wegweiser Ernährung als „auffallend“ (90% versus 2%) mit einer sinnvollen Farbgestaltung (88% versus 3%) beschrieben. Beim erstgenannten Schema wirkte die Bewertung auf Konsumenten schneller erfassbar (87% versus 5%) und leicht verständlich (78% versus 9%). Er hebt sich deutlicher von anderen Siegeln oder Werbebotschaften ab (74% versus 4%). Nur bei der Frage zum Informationsgehalt schnitt der Nutri-Score schlechter als sein Konkurrent ab (32% versus 50%).

Risikogruppen profitieren klar vom Nurti-Score

Noch ein Blick auf spezielle Zielgruppen. Vor allem Personen mit Hauptschulabschluss meinen, dass der Nutri-Score die Auswahl gesunder Lebensmittel im Vergleich zum Wegweiser Ernährung eher erleichtere (66% versus 53% der Befragten mit Abitur). Auch Befragte mit starkem Übergewicht bewerteten den Nutri-Score als hilfreicher (68% versus 56% der Teilnehmer mit Normalgewicht).

„Wenn Eltern einen geringen Bildungsstand haben oder übergewichtig sind, dann haben ihre Kinder ein deutlich erhöhtes Risiko, auch dick zu werden“, so Prof. Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Der Nutri-Score erreiche diese Bevölkerungsgruppen offenbar gut und könne deshalb wirksam helfen, Kinder vor Übergewicht zu schützen.

Das Fazit: Viel spricht für den Nutri-Score

Die Forsa-Autoren fassen zusammen: „Es zeigt sich alles in allem, dass die Verbraucher im direkten Vergleich den Nutri-Score weitaus günstiger beurteilen als den Wegweiser Ernährung, insbesondere in den Dimensionen Auffälligkeit und Verständlichkeit.“ Im Unterschied dazu werde der Wegweiser Ernährung als eher kompliziert und verwirrend empfunden und sei weniger hilfreich.

 
Es zeigt sich alles in allem, dass die Verbraucher im direkten Vergleich den Nutri-Score weitaus günstiger beurteilen als den Wegweiser Ernährung.  Die Forsa-Autoren
 

„Die deutliche Mehrheit der Befragten, vor allem Personen mit Hauptschulabschluss oder starkem Übergewicht, präferieren den Nutri-Score als Kennzeichnungssystem für Deutschland.“

 

Kommentar

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