US-Studie bei American-Football-Spielern: Nicht nur Ausdauer-,  auch Kraftsport lässt das Risiko für Vorhofflimmern steigen

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

13. August 2019

Ehemalige American-Football-Spieler haben ein beinahe 6-fach erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern im Vergleich zu Gleichaltrigen, die diesen Sport nicht betrieben haben – und das trotz des insgesamt niedrigeren Herz-Kreislauf-Risikos der Athleten. Das geht aus einer US-Studie hervor, in der 460 Athleten untersucht wurden, die in der amerikanischen National Football League (NFL) aktiv waren [1].

Langjähriges Krafttraining kann den Herzrhythmus verändern

„Durch das langjährige Krafttraining im American Football könnten sich die Herzkammern vergrößern und die Herzwände verdicken, was den Herzrhythmus und die elektrischen Impulse potenziell verändert“, erklärt Dr. Dermot Phelan, Leiter der Zentrums für Sportkardiologie an der Cleveland Clinic in Cleveland, Ohio, USA, und Hauptautor der Studie.

 
Es wird deutlich, dass für ehemalige American-Football-Spieler um 67 Jahre ein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern besteht. Prof. Dr. Jürgen Scharhag
 

„Eine verdienstvolle Studie“, findet Prof. Dr. Jürgen Scharhag, Leiter der Abteilung für Sportmedizin, Leistungsphysiologie und Prävention am Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien. „Es wird deutlich, dass für ehemalige American-Football-Spieler um 67 Jahre ein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern besteht, was vorher nicht bekannt war“, resümiert er im Gespräch mit Medscape.

Allerdings sei dieses erhöhte Risiko nicht ohne Weiteres auf andere kraftbetonte Sportarten übertragbar – aus mehreren Gründen, betont der Kardiologe und Sportmediziner. Insgesamt handle es sich bei NFL-Spielern um ein sehr spezielles Kollektiv, das sich so in keiner anderen Sportart wiederfinde.

Oft seien die Spieler nur wenige Jahre aktiv, es herrsche ein großer Druck mit existenzieller Unsicherheit aufgrund NFL-spezifischer Verträge, weshalb Medikamentenmissbrauch während der Karriere anzunehmen und sozialer Abrutsch nach dem Ende der Profikarriere nicht selten seien.

Übertragbarkeit auf andere Sportarten problematisch

Rhythmusstörungen könnten auch mit Doping, etwa der Einnahme anaboler Steroide, in Zusammenhang stehen, bemerkt Scharhag. Da in der NFL insbesondere in den früheren Jahren weniger streng auf Doping-Missbrauch kontrolliert und dieser auch weniger streng sanktioniert wurde als in anderen Sportarten, könnte der Einfluss anaboler Steroide bei NFL-Spielern auch eine Rolle gespielt haben.

„Schade, dass dieser Aspekt in der Studie nicht im Rahmen der der medizinischen Untersuchung erfragt wurde. Denn dies wäre für die Ursachenerforschung des erhöhten Risikos für Vorhofflimmern bei ehemaligen NFL-Spielern wichtig gewesen.“

 
Man weiß nicht, ob das erhöhte Risiko nun auch auf Kraftsportler wie Boxer oder Gewichtheber zutrifft. Prof. Dr. Jürgen Scharhag
 

Zudem stellen die unterschiedlichen Positionen im American Football völlig unterschiedliche Anforderungen an Kraft, Schnelligkeit, Schnellkraft und Ausdauer – in der Studie wurde jedoch nur unterschieden zwischen „Linemen“ (z.B. Verteidigungsspieler) und „Nicht-Linemen“ (z. B. Quarterback/Spielmacher oder Running Backs /Ballträger). Somit sei unklar, auf welchen Positionen die Sportler, bei denen Vorhofflimmern diagnostiziert wurde, gespielt hatten. „Daher weiß man nicht, ob das erhöhte Risiko nun auch auf Kraftsportler wie Boxer oder Gewichtheber zutrifft“, bemerkt Scharhag.

In vorherigen Studien hatte sich ein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern gezeigt bei Athleten, die lange Jahre extremen Ausdauersport wie Marathonlauf betrieben hatten. Auswirkungen von Kraftsport-betonten Sportarten auf das Reizleitungssystem waren bislang noch nicht untersucht worden.

460 ehemalige Football-Spieler untersucht

Phelan und Kollegen haben das Auftreten von Vorhofflimmern bei 460 ehemaligen American-Football-Spielern, die mindestens ein Spiel in der NFL absolviert hatten (Durchschnittsalter 56 Jahre, 47% dunkelhäutig), und 925 Männern der Dallas Heart Study (DHS; Durchschnittsalter 54 Jahre, 53% dunkelhäutig) verglichen.

Zunächst wurden die Teilnehmer zu kardiovaskulären Vorerkrankungen befragt und dann einem 12-Kanal-EKG sowie einem Echokardiogramm unterzogen.

Ex-Spieler mit Rhythmusstörungen: Älter und häufig hellhäutig

Unter den ehemaligen NFL-Spielern litten 23 (5%) an Vorhofflimmern; in der Kontrollgruppe waren es nur 5 (0,5%). Trotz eines insgesamt niedrigeren Risikos der ehemaligen Profi-Sportler für kardiovaskuläre Mortalität, Diabetes und Bluthochdruck bestand ein 5,7-mal höheres Risiko für die Rhythmusstörung.

Auch die Herzfrequenz der Football-Spieler war niedriger als die der Kontrollgruppe. Helle Hautfarbe, höheres Alter und höheres Gewicht gingen mit einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern einher. Ex-Spieler, bei denen in der Studie Vorhofflimmern diagnostiziert wurde, waren im Schnitt älter (67 vs 55 Jahre), hatten einen höheren Body-Mass-Index (BMI 34 vs 32), waren eher inaktiv und hatten eher eine weiße Hautfarbe als diejenigen, die keine Rhythmusstörung hatten.

Bei 15 der 23 Ex-Sportler mit Rhythmusstörung war diese vor Studienbeginn nicht bekannt. „Es ist interessant, dass eher hellhäutige Spieler betroffen waren“, sagt Scharhag. Die Erkenntnis des erhöhten Risikos für Vorhofflimmern bei diesen ehemaligen Leistungssportlern müsse man ernst nehmen und weiter untersuchen.

 
Die meisten der ehemaligen Spieler der NFL mit Vorhofflimmern zeigten keinerlei Symptome, hätten jedoch Antikoagulanzien einnehmen müssen. Dr. Dermot Phelan
 

Weitere Erkenntnis der Wissenschaftler aus Cleveland: Die Wahrscheinlichkeit für das Benötigen eines Herzschrittmachers war bei den Sportlern um das 8-Fache höher als bei den Teilnehmern der DHS. Sie hatten außerdem einen durchschnittlich niedrigeren Ruhepuls (62 vs 66 Schläge/Minute) und eine höhere Prävalenz von atrioventrikulärem Block 1. Grades (AV-Block 1; 18% vs 9%).

„Die meisten der ehemaligen Spieler der NFL mit Vorhofflimmern zeigten keinerlei Symptome, hätten jedoch Antikoagulanzien einnehmen müssen, um das Schlaganfallrisiko zu senken“, sagt Phelan.

Das zeige, wie wichtig regelmäßige kardiologische Check-ups in dieser Gruppe seien. Jedoch sollten die Ergebnisse der Studie nicht von einem aktiven und sportbetonten Lebensstil abhalten, fügt der Autor an. „Bei den meisten Menschen mindert leichte bis mittlere sportliche Aktivität das Risiko für Vorhofflimmern.“

Regelmäßige Check-ups für ehemalige Spitzensportler

Die Studienergebnisse, sagt Scharhag, unterstreichen die Wichtigkeit von sportmedizinischen Untersuchungen von Leistungssportlern auch über deren Karriereende hinaus. „Mein Appell an Ärzte, Verbände und Funktionäre: Ehemalige Leistungssportler sollten auch nach ihrer Karriere regelmäßig in gewissen Abständen sportmedizinisch untersucht werden – man darf sie nach ihrer Karriere nicht einfach ins Leere laufen lassen. Meines Wissens gibt es eine solche systematische Betreuung nicht.“

 
Ehemalige Leistungssportler sollten auch nach ihrer Karriere regelmäßig in gewissen Abständen sportmedizinisch untersucht werden. Prof. Dr. Jürgen Scharhag
 

Die Untersuchung des NFL-Kollektivs sei „Hypothese-generierend“, so Scharhag. Dringend notwendig sei eine systematische Studie unter ehemaligen Spitzensportlern unterschiedlichster Sportarten, um das Risiko für Vorhofflimmern oder anderer Herzerkrankungen und damit die Notwendigkeit sportkardiologischer Check-ups genauer beziffern zu können.

 

Kommentar

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