Das schwere seelische Erbe der Kriegsgeneration: Wie werden Traumata an die nächste Generation weitergegeben?

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

13. August 2019

Wie wirkt sich das Trauma des 2. Weltkriegs auf spätere Generationen aus? Diese Frage wird jetzt erstmals öffentlich – aber auch in der Forschung – intensiv diskutiert. Systematische Studien fehlen zwar, aber psychoanalytische Interviews zeigen, dass die damalige Katastrophe nicht nur für die Zeitzeugen, sondern sogar noch für deren Kinder ein schweres seelisches Erbe bedeutet.

„Die Elterngeneration ist sicher belastet: Etwa die Hälfte der Menschen, die vor Kriegsende geboren wurden, berichtet von mindestens einem traumatischen Erlebnis“, sagt die Traumaforscherin Prof. Dr. Heide Glaesmer von der Universität Leipzig im Gespräch mit Medscape.

In einer aktuellen Publikation zitiert sie Studien, wonach die heute Älteren häufiger eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) haben als alle jüngeren Jahrgänge [1]. Zu den Symptomen gehören wiederkehrende quälende Erinnerungen, Reizbarkeit, Aggressivität, Entfremdung, sozialer Rückzug, emotionale Stumpfheit oder Schlafstörungen.

Aber inwieweit wurden die psychischen Erschütterungen durch die welthistorische Katastrophe an die Kinder weitergegeben? „Für eine solche trans-generationale Übertragung gibt es Hinweise, und sie erscheint auch plausibel, doch das Ausmaß lässt sich schwierig feststellen“, so Glaesmer.

Nachkriegsgeneration zieht jetzt Lebensbilanz

Die sekundäre Traumatisierung ist ein derzeit viel beachtetes Thema in Büchern, Zeitschriften und Internetforen. „Es springen wohl deshalb so viele darauf an, weil einerseits der zeitliche Abstand gewachsen und andererseits der Austausch zwischen den Generationen besser geworden ist. Man erlebt es als Befreiung, über Schuld, Opfer, Täter sprechen zu können“, erläutert Glaesmer.

 
Die Elterngeneration ist sicher belastet: Etwa die Hälfte der Menschen, die vor Kriegsende geboren wurden, berichtet von mindestens einem traumatischen Erlebnis. Prof. Dr. Heide Glaesmer
 

Das Interesse sei auch damit zu erklären, dass die Menschen, die in den Nachkriegsjahren zur Welt kamen, jetzt ihre Enkel aufwachsen sehen und dadurch erneut mit ihrer Kindheit konfrontiert werden. Außerdem haben sie ein Lebensalter erreicht, das sich für Rückblick und Bilanz anbiete, zumal Inhalte aus dem Langzeitgedächtnis stärker in den Vordergrund rückten. Nachdem sie aus Beruf und Kindererziehung in die Rente entlassen sind, haben sie Zeit, sich mit der Familiengeschichte zu beschäftigen.

„Menschen verspüren das Bedürfnis, die Episoden ihrer Biografie sinnvoll zu verknüpfen, Kausalitäten zu entdecken“, sagt Glaesmer. Sie unterscheidet 3 Phasen der Vergangenheitsbewältigung:

  1. Von 1945 bis Mitte der 60er Jahre wurden die Schrecken des 2. Weltkriegs in der BRD hinter eine Mauer des Schweigens, in der DDR hinter den „antifaschistischen Schutzwall“ verbannt. Das Verleugnen verhinderte die Aufarbeitung.

  2. Die 68-er Studentenbewegung reagierte mit Wut auf den ignoranten und selbstgerechten Umgang mit dem Holocaust. Kristallisationspunkte bildeten der Eichmann-Prozess 1964 und die Frankfurter Auschwitz-Prozesse 1964/65.

  3. In der dritten Phase, die bis in die Gegenwart reicht, lockerte sich das Tabu, dieses finstere Kapitel offen zu legen, Kinder und Enkel reagierten unbefangener, die Auseinandersetzung wird ehrlicher, wobei die Wiedervereinigung einen wichtigen Impuls lieferte.

Erst seit 15 Jahren ist die Übertragung Forschungsthema

So ist es kein Zufall, dass seit etwa 15 Jahren auch wissenschaftlich erforscht wird, ob und wie der Krieg noch die Folgegeneration beeinträchtigt. Eine nach Glaesmers Ansicht sehr überzeugende Annäherung an diese sekundäre Traumatisierung ist dem interdisziplinären Team um PD Dr. Ulrich Lamparter aus Hamburg gelungen.

In dem Projekt „Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms und ihre Familien“ haben Psychoanalytiker und Historiker lebensgeschichtliche semi-strukturierte Interviews mit Zeitzeugen und ihren erwachsenen Kindern geführt. Bei den Überlebenden fanden sie „traumatische Beschädigungen, die sich subtil und gleichzeitig umfassend in der Persönlichkeit auswirken, zum Beispiel Ängstlichkeit, Depressivität oder Empathie-Verlust“.

Bei den Nachkommen konstatieren sie „ein tiefes Ahnen von den Schrecken des Krieges, von Chaos, Angst und Bedrohung“. Die Erlebnisse seien ein bis heute virulenter Fixpunkt im Familiengedächtnis geblieben. 

 
Für eine solche trans-generationale Übertragung gibt es Hinweise, und sie erscheint auch plausibel, doch das Ausmaß lässt sich schwierig feststellen. Prof. Dr. Heide Glaesmer
 

Der Begriff „Hamburger Feuersturm“ steht für tagelange Luftangriffe im Sommer 1943, als etwa 35.000 Menschen ums Leben kamen. Die 60 Studienteilnehmer aus der Elterngeneration waren damals zwischen 3 und 27 Jahre, im Zeitraum der Befragung – 2005 bis 2010 – zwischen 66 bis 91 Jahre alt. Ihre Erinnerungen waren außerordentlich plastisch, die Schilderungen präzise, berichten die Autoren. Tief eingeprägt habe sich der Anblick von oft grauenvoll entstellten Toten, die massenhaft herumlagen oder wie lebendig noch dasaßen.

Die Kriegsgräuel bedeuten eine biographische Wende

Die Wissenschaftler beschreiben die Erfahrungen als biographische Wende: „Der Feuersturm war für viele Zeitzeugen eine fundamentale Erfahrung des Schreckens und der existenziellen Bedrohung.“ Er habe seelische Wunden geschlagen, die nie vernarbt seien, und eine bleibende Labilität bedingt, besonders bei Frauen.

Typische Aussagen: „Da sitzt etwas in mir, das nicht weggeht“ oder „Das sind Sachen, die einen zeitlebens verfolgen“. Die Erschütterung wird selbst durch eine mehr oder weniger geglückte Verarbeitung nicht überwunden, sondern wirkt wie ein Magnet, auf den sich alles Weitere ausrichtet. Als einschneidend wird dabei oft nicht nur die Erfahrung des Feuersturms, sondern des Krieges insgesamt genannt.

Bisherige Skalen erfassen die Folgen nur unzureichend

Die mit Fragebögen erfassten Symptome lagen im subklinischen Bereich: Die Skala Hospital Anxiety and Depression (HADS) zeigte eine geringfügig höhere Ängstlichkeit und Depressivität im Vergleich zu einer Referenzgruppe. Mit der Skala Postraumatic Stress Diagnostic Rating (PDS) überschritten nur 4 Zeitzeugen die kritischen Werte.

Nach dem klinischen Eindruck jedoch waren alle deutlich stärker traumatisiert als die Punktwerte widerspiegelten, betonen die Autoren. Als Gründe nennen sie: Die Fragen beziehen sich lediglich auf die vorangehende Woche. Und sie erfassen nicht Symptome, die außerhalb des vorgegebenen Spektrums liegen.

 
Menschen verspüren das Bedürfnis, die Episoden ihrer Biografie sinnvoll zu verknüpfen, Kausalitäten zu entdecken. Prof. Dr. Heide Glaesmer
 

Zudem ist vielen Zeitzeugen die untergründige Verletzung gar nicht bewusst, oder sie verleugnen sie. Sie meinen im Gegenteil, eher Glück gehabt zu haben, denn sie hätten ja überlebt. Daher plädieren Lamparter und Kollegen für eine eigene klinische Differenzierung.

Die Weitergabe erfolgt nach bestimmten Mustern

Wie die Erfahrungen an die nächste Generation weitergegeben wurden, zeigen die Interviews mit 45 Töchtern und Söhnen der Zeitzeugen, geboren in der Wirtschaftswunder-Ära 1952 bis 1962 und bei der Studie zwischen 55 und 65 Jahre alt. Ein Drittel verfügte sowohl über konkretes Wissen, was Mutter oder Vater während des Feuersturms zugestoßen war, als auch über emotionales Wissen, das heißt, sie konnten deren Gefühle nachvollziehen.

Fazit von Lamparter und Kollegen: „Die meisten Kinder sehen bei sich seelische Folgen, die sie auf die Erfahrungen der Eltern im Hamburger Feuersturm, im Krieg und in der Nachkriegszeit zurückführen.“

Aus den Gesprächen haben sie die Übertragungswege herausgearbeitet:

  • Absperrungen: Die Eltern bringen das Schreckliche aus Abwehr nicht zur Sprache oder beschönigen es. Sie können die Bedürfnisse ihrer Kinder nicht anerkennen, statt Austausch und Annäherung herrschen resignative Verschanzung und Vorwurfshaltung.

  • Konkordante Regelungen: Zwischen den Generationen besteht ein stilles Einverständnis, zur gegenseitigen Schonung Emotionen zu vermeiden und sich auf Sachlichkeit zu beschränken.

  • Direkte Affekte: Die Erlebnisse und Gefühle der Eltern im Krieg teilen sich den Kindern mit und bilden sich bei ihnen ab, etwa in Form von Angst und diffusen Missstimmungen – das stellt den klassischen Mechanismus der Weitergabe dar. Bedeutsam sind oft „Reliquien“, Gegenstände, die trotz Chaos gerettet wurden, etwa eine Tasse oder ein Schmuckstück.

  • Funktionalisierung als „Container“: Manche Eltern laden Schmerz und Frust bei den Kindern ab oder bürden ihnen auf, verlorene Angehörige zu ersetzen.

  • Missverständnis: Die Eltern verstehen Fürsorge rein materiell als Versorgung mit Essen, Wohnung, Kleidung, Geld, die Kinder aber wünschen sich Empathie. Den Eltern liegt Erziehung zur Selbständigkeit am Herzen, die Kinder möchten Geborgenheit und Nähe. Die Eltern versuchen durch Verbote und Einschränkungen Sicherheit zu schaffen, die Kinder streben nach Freiheit. Die Spannungen, die sich aus solchen Verstrickungen ergeben, können oft nur durch Kontaktabbrüche reguliert werden.

  •  Vermächtnis: Die Eltern verzichten auf eigene Ziele und Wünsche, damit die Kinder es besser haben. Zum Beispiel drängen sie auf gute Schulnoten und Karriere oder zu Bescheidenheit und Dankbarkeit.

  • Haltungen und Lebensthemen: Die verstörenden Erfahrungen spiegeln sich in der Familiendynamik wider, etwa in „Explosivität“, also überschießenden Aggressionen. Manche Kinder lehnen es aufgrund dieser schlechten Erfahrungen ab, ihrerseits eine Familie zu gründen.

  • Gemeinsame Verarbeitung: Die beiden Generationen können den Terror im Gespräch bewältigen und die Auswirkungen auf die eigene Person akzeptieren. Diese Menschen erleben sich eher als psychisch gesund.

Appell an Ärzte: die Kriegstraumata berücksichtigen

Als bewiesen sehen Lamparter und Kollegen an, dass die privaten Erinnerungen stark von öffentlichen Bildern beeinflusst sind, von Denkmälern, TV-Dokumentationen oder Zeitungsberichten.

 
Die meisten Kinder sehen bei sich seelische Folgen, die sie auf die Erfahrungen der Eltern im Hamburger Feuersturm, im Krieg und in der Nachkriegszeit zurückführen. PD Dr. Ulrich Lamparter
 

Die Ergebnisse ihrer Studie halten sie für symptomatisch: „Es ist davon auszugehen, dass sich vergleichbare psycho-mentale Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs in den Geburtsjahrgängen 1925 bis 1945 gehäuft finden.“

Sie gelten also ebenso für Menschen, die nicht dem Extrem eines Feuersturms ausgesetzt waren, sondern z. B. „nur“ während Bombardierungen in Bunkern ausharren mussten. Und vor allem, wenn sie Angehörige, Haus oder Habe verloren, wie das 2 Drittel der Zeitzeugen widerfuhr.

Die Forscher schreiben: „Wir möchten dazu anregen, die Fortwirkungen des Zweiten Weltkriegs in der täglichen Arbeit als Arzt oder als Psychotherapeut bewusst wahrzunehmen und zu berücksichtigen.“

Systematische Studien scheitern an der komplexen Methodik

Im Gegensatz zu solchen Interview-Verfahren lässt sich mit systematischen Untersuchungen kaum klären, inwieweit eine PTBS der Eltern das Leben der Kinder überschattet. Sie scheitern an methodischen Herausforderungen, wie Glaesmer darlegt.

Das Design wäre wegen der vielen Störvariablen zu kompliziert: Große Unterschiede je nach Jahrgang, Geschlecht, Vorgeschichte, den relevanten Erfahrungen, Umweltbedingungen wie BRD oder DDR, sozialen Faktoren und Persönlichkeitseigenschaften wie Resilienz. Nicht zuletzt liegen die Geschehnisse ja mittlerweile Jahrzehnte zurück.

 
Wir möchten dazu anregen, die Fortwirkungen des Zweiten Weltkriegs in der täglichen Arbeit als Arzt oder als Psychotherapeut bewusst wahrzunehmen und zu berücksichtigen. PD Dr. Ulrich Lamparter
 

So liefern auch Studien zu bestimmten Gruppen, etwa den Nachkommen von Vietnamveteranen, Flüchtlingen oder Holocaust-Überlebenden, keinen sicheren Nachweis. „Eigentlich eine gute Botschaft, wenn eindeutige Belege weder für emotionale Auffälligkeiten noch für PTBS zu finden sind. Die Störungen gehen sozusagen im allgemeinen Rauschen unter“, kommentiert Glaesmer.

Auch die Kinder der „Kriegskinder“ sind psychisch anfällig

Klinische Stichproben allerdings ergaben für Kinder traumatisierter Eltern eine erhöhte Vulnerabilität für psychische Störungen, wie die Psychologin in ihrer Publikation berichtet. Beobachtet wurden: geringes Selbstwertgefühl, Vernichtungsängste, Albträume, Schwierigkeiten im Umgang mit Konflikten, übermäßige Identifikation mit dem Opferstatus der Eltern, Streben nach Leistung, um deren Leid zu kompensieren.

Nach dem psychodynamischen Modell erfolgt die Weitergabe nicht nur direkt, sondern zusätzlich über Körpersignale wie Gestik, Mimik, Stimme, Berührungen oder im Gegenteil Kälte bis hin zu Schlägen.

Als zentral gilt die Projektion: Die Eltern können negative Emotionen – Trauer, Wut, Schwäche, Schuld – nicht als Teil ihrer Person bewältigen, sondern schreiben sie ihren Kindern zu. So können sie das Unerwünschte in einem anderen beobachten, kontrollieren und bei sich selbst reduzieren.

Umgekehrt können die Kinder durch Identifikation mit den Eltern, um keine alten Wunden aufzureißen, übermäßig auf Schonung bedacht sein – bis hin zu einer Rollenumkehr, so dass sie schließlich ihre Eltern bemuttern.

 
Eigentlich eine gute Botschaft, wenn eindeutige Belege weder für emotionale Auffälligkeiten noch für PTBS zu finden sind. Prof. Dr. Heide Glaesmer
 

Traumatisierte Eltern haben einen konfusen Erziehungsstil

Familiensystemische Ansätze richten den Blick nach Darstellung von Glaesmer auf Bindungsmuster. Für traumatisierte Eltern gelte eine desorganisiert-desorientierte Erziehung als typisch: Sie verhalten sich hilflos und inkonsistent, haben Angst und machen Angst, können ihre Kinder nicht angemessen wahrnehmen und sind emotional nicht verfügbar.

Die Kommunikation ist beeinträchtigt, bis hin zu einer „Stille“, die wie eine Mauer zwischen den Generationen steht. Sie entspringt einem unausgesprochenen Schweigepakt: Die Eltern wollen ihre Kinder nicht belasten, die Kinder ihrerseits vermeiden heikle Themen.

Allerdings kann das Trauma auch durch rigoroses Aufdecken übertragen werden – die detaillierten Schilderungen wirken auf die jungen Zuhörer erschreckend.

Zusätzlich könnten biologische Mechanismen die transgenerationale Übertragung begünstigen. So sind beispielsweise epigenetische Veränderungen möglich: Eine entsprechende intrauterine Prägung erhöht nach Erkenntnissen aus der Entwicklungsmedizin die Krankheitsdisposition.

Zentral scheint eine Störung der Achse Hypothalamus-Hypophyse-Nebennierenrinde: So ist bei Schwangeren, die unter Stress stehen oder an PTBS erkrankt sind, der Cortisolspiegel erniedrigt, ebenso später bei den Kindern. „Diese Befunde stammen allerdings vor allem aus Tiermodellen, bei Menschen gibt es deutlich weniger Evidenz“, schränkt Glaesmer ein.

 

Kommentar

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