Riskanter Ruhestand: Studie findet erhöhte Sterblichkeit nach Renteneintritt (nur) bei höherem Einkommen. Die Erklärung?

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

9. August 2019

Der Ruhestand ist fast immer ein drastischer Umbruch. Manche Menschen blühen auf, fühlen sich befreit von Stress und harter Arbeit, während bei anderen kurz nach der Verrentung sogar die Sterblichkeit steigt. Für Gutverdiener wird die Rente zum Gesundheitsrisiko. Das zeigen die Ergebnisse einer Studie des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, Essen, von Dr. Matthias Giesecke [1].

Er hat untersucht, welchen Effekt der Renteneintritt auf die Sterblichkeit hat. Für die Analyse wurden Sozialversicherungsdaten inklusive Todesalter von 280.000 Rentnerinnen und 500.000 Rentner der Geburtsjahrgänge 1934 bis 1936 im deutschen Rentenversicherungssystem herangezogen. Als zweite Datenquelle wurde das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) herangezogen.

„Dass das Risiko, früher zu sterben, von Gutverdienern nach dem Eintritt ins Rentenalter steigt, ist ein zentraler Befund der Studie“, sagt Giesecke im Gespräch mit Medscape. Die Ergebnisse, so Giesecke, seien seiner Einschätzung zufolge wissenschaftlich relativ neu.

 
Dass das Risiko früher zu sterben von Gutverdienern nach dem Eintritt ins Rentenalter steigt, ist ein zentraler Befund der Studie.  Dr. Matthias Giesecke
 

Giesecke fand dabei unterschiedliche Effekte. So sank bei Männern, die nicht so gut verdienen und mit 63 Jahren aus ihrem Beruf aussteigen, die Sterblichkeit kurz nach der Verrentung um gut 1%. Dagegen stieg bei Männern und Frauen aus der oberen Hälfte der Einkommensverteilung, die mit 65 Jahren in Rente gingen, die Mortalität um 2 bis 3%. Als „gutes Einkommen“ definierte der Wissenschaftler mehr als 30.000 Euro im Jahr.

Signifikante Unterschiede bei der Sterblichkeit zwischen Männern und Frauen am oberen Rand der Einkommensverteilung gab es dabei nicht, bestätigt Giesecke: „Die Effekte sind schon sehr ähnlich.“ Bei Männern aus dieser Gruppe liegt die Spannweite zwischen 2,0% und 2,9% und bei Frauen zwischen 2,6 und 2,7%.

Erwerbsbiografien erklären Unterschiede

Erklären lässt sich das Phänomen mit unterschiedlichen Erwerbsbiografien. Männer, die mit 63 Jahren in Rente gehen, kommen überwiegend aus Berufen mit manuellen Routinetätigkeiten und mit relativ geringem Verdienst. Viele dieser Jobs sind körperlich anstrengend oder gehen sogar mit Gefährdungen am Arbeitsplatz einher.

 
Die Studie zeigt erstmals, welch großen Einfluss die Erwerbsbiografie auf die Gesundheit im Rentenalter hat. Dr. Matthias Giesecke
 

Sinken nach Eintritt der Rente der Stress und das Gefahrenpotenzial und steigt gleichzeitig der Freizeitwert, verringert sich dieser Gruppe die Sterblichkeit. Noch deutlicher zeigt sich der positive Einfluss bei Männern, die mit 63 Jahren aus vorheriger Arbeitslosigkeit in die Rente eintreten. Wie Giesecke schreibt, profitieren sie offenbar davon, nicht mehr dem Stigma der Arbeitslosigkeit ausgesetzt zu sein.

„Die Studie zeigt erstmals, welch großen Einfluss die Erwerbsbiografie auf die Gesundheit im Rentenalter hat“, sagt Giesecke und fügt hinzu: „Die Erwerbsbiografie ist entscheidend für die Art der Aktivitätsveränderung um den Renteneintritt“. Denn es scheint so zu sein, dass gerade bei Gutverdienern die durch den Ruhestand eingetretene Aktivitätsveränderung – wichtige berufliche Netzwerke fallen weg – eine Rolle für die erhöhte Sterblichkeit spielt.

„Bei ihnen steht wahrscheinlich die soziale Isolation im Rentenalter im Vordergrund, weil sie mit der Berufstätigkeit auch Berufsprestige und soziale Netzwerke verlieren", erklärt Giesecke und fügt hinzu: „Es gibt recht plausible Evidenz dafür die zeigt, dass das Ausmaß der sozialen Isolation ein guter Indikator für erhöhte Sterblichkeit ist“.

 
Es gibt recht plausible Evidenz dafür die zeigt, dass das Ausmaß der sozialen Isolation ein guter Indikator für erhöhte Sterblichkeit ist. Dr. Matthias Giesecke
 

Anfälliger dafür, in eine soziale Isolation zu geraten sind wohl auch Menschen, die sich sehr stark über ihre Arbeit definieren. Wenn wichtige berufliche Netzwerke nicht mehr vorhanden sind, könne es sinnvoll sein, aktiv zu werden – ob man nun Sport treibt, Musik macht, sich ehrenamtlich engagiert oder einem besonderen Hobby nachgeht.

Besser kein abrupter Übergang zwischen Beruf und Ruhestand?

Möglichweise hilft solchen Menschen auch ein langsamer Ausstieg aus dem Berufsleben. Diverse Studien, darunter eine Arbeit aus 2017 oder die FINGER-Studie, hätten gezeigt, dass nach dem Renteneintritt ein kognitiver Abbauprozess einsetze, dem man mit Aktivität – je nach persönlicher Präferenz – gegensteuern könne, so Giesecke.

 

Kommentar

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