MEINUNG

Neuro-Talk: Impfungen und MS, eine neue Demenz-Form und – bitte beachten – viele Migränemittel wirken nicht bei Kindern und Jugendlichen

Prof. Dr. Hans-Christoph Diener

Interessenkonflikte

16. September 2019

Viele 80+ Senioren haben LATE-Demenz und viele Kinder und Jugendliche nehmen Migränemittel ohne Wirkung, berichtet Prof. Dr. Hans-Christoph Diener. Plus: Argumentationshilfe für CGRP-Antikörper.

Transkript des Videos von Prof. Dr. Hans-Christoph Diener:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich bin Christoph Diener von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Ich berichte Ihnen heute über einige Studien, die im August 2019 erschienen sind.

LATE-Demenz – eine neue Krankheit

Ich beginne mit dem Thema Demenz. Die typische Einteilung unterscheidet die degenerativen und vaskulären Demenzen. Zu den degenerativen Demenzen gehören zum Beispiel die Alzheimer-Krankheit, die Lewy-Body-Erkrankung und die frontotemporale Demenz.

Im Rahmen des Screenings für Alzheimer-Studien wurden immer wieder ältere Patienten mit einem amnestischen Syndrom gefunden, bei denen sich in der Positionen-Emissions-Tomographie (PET) keine Ablagerungen von Beta-Amyloiden oder Tau-Proteinen nachweisen ließen.

Weitere neuropathologische Untersuchungen zeigten, dass sich bei diesen Patienten ein ganz anderes Protein in den r Amygdala, im Hippocampus und im Frontallappen ablagert, das Transactive Response DNA Binding Protein of 43 kDa (TDP-43). Deshalb heißt diese Krankheit jetzt Limbic Predominant Age related TDP-43 encephalopathy (LATE). Üblicherweise sind Patienten im Alter von über 80 Jahren betroffen, die zunehmend ein amnestisches Syndrom entwickeln.

In neuropathologischen Untersuchungen in dieser Altersgruppe sind die Ablagerungen bei etwa 20% nachweisbar ( Medscape berichtete ). Es gibt einen Überlappungsbereich mit der Alzheimer-Erkrankung und der frontotemporalen Demenz. Aber es scheint wirklich eine neue Krankheitsentität zu sein. Nun sind weitere Forschungen nötig, um heraus zu finden, ob man diese pathologischen Proteinablagerungen verhindern kann.

Kinder und Jugendliche: Neue amerikanische Migräneleitlinien

Die American Academy of Neurology hat in Neurology Leitlinien zur Akuttherapie von Migräneattacken und zur Prophylaxe der Migräne jeweils bei Kindern und Jugendlichen publiziert.

Eine Evidenz für eine Wirksamkeit bei akuten Migräneattacken besteht für Ibuprofen und Paracetamol und eingeschränkt für Triptane, nämlich nur für Jugendliche und nicht für Kinder.

Noch viel schlechter ist die Situation in der Migräneprophylaxe. Hier waren fast alle Medikamenten-Studien negativ. Dies betraf Valproinsäure, Botulinumtoxin, Nimodipin, Flunarizin, Cinnarizin und Topiramat. Wahrscheinlich wirksam sind Propranolol und die Kombination aus Amitriptylin mit Verhaltenstherapie.

Das bedeutet: Bei Kindern sollte der Schwerpunkt der Prophylaxe auf der nichtmedikamentösen Therapie liegen, wie beispielsweise Ausdauersport, Entspannungsverfahren, Stressbewältigung und die Vermeidung von zu viel Zeit vor Bildschirmen.

Fremanezumab in der Migräneprophylaxe

Bei der nächsten Studie besteht ein Interessenkonflikt, denn ich war selbst beteiligt. Die FOCUS-Studie, publiziert im Lancet, hat eine interessante Population untersucht. Eingeschlossen waren 838 Patienten, bei denen 2, 3 oder 4 Medikamentenklassen von Migräne-Prophylaktika in der Vergangenheit unwirksam waren. 40% der Studienteilnehmer litten unter episodischer und 60% unter chronischer Migräne. Die Patienten erhielten randomisiert den monoklonalen Antikörper Fremanezumab oder Placebo.

Fremanezumab war in allen Untergruppen signifikant wirksamer als Placebo mit einer mittleren Reduktion der Migräne-Tage pro Monat um ungefähr 4 Tage verglichen mit 0,6 Tagen unter Placebo. Wie von diesen Substanzen bekannt ist, war auch Fremanezumab sehr gut verträglich.

Diese Studie ist deswegen wichtig, weil für die Erstattung in Deutschland durch den gemeinsamen Bundesausschuss die Einschränkung besteht, dass die neuen CGRP-Antikörper nur bei Patienten erstattet werden, bei denen praktisch alle verfügbaren medikamentösen Prophylaxen gescheitert sind. Und diese Patienten sind nun in der FOCUS-Studie untersucht worden.

Impfungen und MS

Die Kollegen von der Neurologischen Universitätsklinik in München haben eine wirklich tolle Studie gemacht ( Medscape berichtete ). Sie haben mit Hilfe von Krankheitsregistern der Krankenkassen untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen Impfungen und MS gibt.

Bei Patienten, die eine MS entwickelt haben, wurde überprüft, ob sie in den 5 Jahren vor dem Auftreten der Erkrankung geimpft worden waren. Insgesamt wurden 12.262 Patienten mit MS und 112.292 Kontrollen ohne MS erfasst. Die Kollegen fanden bei den Patienten, die geimpft worden waren, eine signifikante Reduktion der Wahrscheinlichkeit eine MS zu entwickeln mit einer Odds-Ratio von 0,87.

Besonders wirksam in der Vermeidung einer MS waren die Grippeimpfung und die Impfung gegen die Frühsommer-Meningoenzephalitis (tick-borne encephalitis). Das bedeutet für den klinischen Alltag, dass sich die Menschen gegen die üblichen Infektionskrankheiten impfen lassen sollen. Indirekt kann man m.E. auch daraus schließen, dass es keinen Grund gibt, MS-Patienten nicht zu impfen.

Meine Damen und Herren, dies waren 4 interessante Publikationen vom August 2019. Ich bin Christoph Diener von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und bedanke mich, dass Sie zugeschaut und zugehört haben.

 

Kommentar

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