MEINUNG

Neuro-Talk: Daten zu Valproinsäure und Missbildungen, Blutdrucksenkung bei Hirnblutung, Kopfschmerz-News plus ein Einkaufstipp

Prof. Dr. Hans-Christoph Diener

Interessenkonflikte

19. August 2019

5 wichtige Studien aus dem Monat Juli – erklärt von Prof. Dr. Hans-Christoph Diener: Neue Erkenntnisse zu Schlaganfall, Migräne, Cluster-Kopfschmerz, Epilepsie – plus ein Tipp für Verzicht.

Transkript des Videos von Prof. Dr. Hans-Christoph Diener:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich bin Christoph Diener von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Ich berichte Ihnen über interessante Publikationen aus dem Monat Juli.

Ich beginne mit der Epilepsie. In der Zeitschrift Neurology wurde eine Datenanalyse des französischen Gesundheitssystems publiziert. Für die Studie wurden Schwangere begleitet, insbesondere Frauen, die in den ersten 2 Monaten ihrer Schwangerschaft eine Monotherapie mit einem Antiepileptikum wegen Epilepsie erhalten hatten. Es sind zwischen 2011 und 2015 insgesamt 1,9 Mio. Schwangerschaften erfasst worden.

Rund 8.794 Frauen hatten eine Monotherapie mit einem von 10 verschiedenen Antiepileptika in den Monaten 1 bis 2 erhalten. Es ergab sich für Valproinsäure ein hochsignifikantes Risiko für 8 verschiedene Missbildungen: Am häufigsten fand man Spina bifida, Herzveränderungen, beispielsweise Ventrikel- oder septale Defekte, oder Missbildungen im Mund- und Kiefer-Bereich.

Die 2. Substanz, die zu vermehrten Missbildungen führte, war Topiramat, aber viel weniger als Valproinsäure. Hier traten auch entweder Lippenspalten oder Lippen-Kiefer-Gaumenspalten auf.

Das bedeutet also, dass Valproinsäure bei Frauen im gebärfähigen Alter nur dann gegeben werden sollte, wenn die Epilepsie gegenüber allen anderen Ansätzen therapierefraktär ist. In dieser Population sollte Valproinsäure nicht zur Migräneprophylaxe und zur Prophylaxe bipolarer Erkrankungen verwendet werden.

Die beiden nächsten Studien kommen aus dem Bereich Schlaganfall. In Lancet Neurology wurde jetzt eine Metaanalyse von 2 großen Studien, nämlich INTERACT 2 und ATACH-II, publiziert. Dabei wurde jeweils eine aggressive blutdrucksenkende Therapie gegenüber einer Standardtherapie bei Patienten mit intrazerebralen Blutungen untersucht. Die kombinierte Analyse umfasste 3.829 Patienten, mit einem Durchschnittsalter von 63,1 Jahren und einem NIHSS-Score von 11.

In der Gruppe mit der aggressiven Therapie wurde eine Senkung des systolischen Blutdrucks um 29 mmHg erreicht gegenüber der Standard-Therapiegruppe. Dies führte zu einem besseren funktionellen Outcome in der Shift-Analyse der modifizierten Rankin-Skala. Im Gegensatz zum ischämischen Insult ist offenbar eine frühe aggressive Senkung erhöhter Blutdruckwerte bei der zerebralen Blutung wirksam.

Die 2. Studie, die SHINE-Studie, wurde in JAMA publiziert. Diese Studie hat bei 1.151 Patienten mit akutem ischämischem Infarkt und Diabetes mellitus oder einem Blutzucker von über 150 mg/dl eine aggressive Therapie mit intravenösem Insulin mit einer Standardtherapie mit subkutanem Insulin untersucht. Die aggressiv therapierte Gruppe erreichte einen mittleren Blutzucker von 118 mg/dl, die mehr konservativ behandelte Gruppe einen Wert von 180 mg/dl. Es ergab sich aber kein Benefit im funktionellen Outcome.

Nun 2 Studien zur Migräne: Für die Behandlung von akuten Migräne-Attacken haben wir im Moment Analgetika und Triptane. Wobei Triptane bei Patienten, die schwerwiegende kardiovaskuläre Erkrankungen haben, kontraindiziert sind. Es gibt jetzt neue Substanzen, die direkt am CGRP-Rezeptor angreifen. Eine davon ist Rimegepant.

Im New England Journal of Medicine wurde jetzt die erste randomisierte placebokontrollierte Studie damit veröffentlicht. Verglichen wurden 75 mg Rimegepant mit Placebo – bei 1.186 Patienten. Der Prozentsatz der Patienten, die nach 2 Stunden schmerzfrei waren, lag bei 19,6% mit Verum – versus 12,0% mit Placebo.

Das sind natürlich sehr geringe Wirksamkeiten, wenn man die Ergebnisse mit dem Effekt von Sumatriptan vergleicht. Dort liegt die Rate an schmerzfreien Patienten nach 2 Stunden zwischen 45 und 60%. Aber diese Substanzen werden wahrscheinlich für Patienten verfügbar sein, die auf Analgetika oder NSAR nicht ansprechen und bei denen Kontraindikationen für Triptane bestehen.

Die monoklonalen Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor haben ihre Wirksamkeit bei Patienten mit häufiger episodischer oder chronischer Migräne belegt, bei denen die bisherigen Therapieansätze entweder nicht gewirkt haben, nicht vertragen wurden oder kontraindiziert sind.

Jetzt gibt es die erste Studie zum episodischen Cluster-Kopfschmerz mit Galcanezumab, ebenfalls publiziert im New England Journal of Medicine . Diese Patienten erhielten 300 mg Galcanezumab zu Beginn und nach einem Monat. Die Therapie wurde mit Placebo verglichen. Es ging um die Reduktion der wöchentlichen Zahl der Cluster-Attacken in den Wochen 1 bis 3.

Die Studie wurde mit 106 Patienten durchgeführt. Als Baseline hatten diese Patienten im Mittel 18 Cluster-Attacken pro Woche. Die wöchentliche Reduktion der Cluster-Attacken betrug minus 8,7 Attacken für Galcanezumab und minus 5,2 für Placebo. Dieser Unterschied war signifikant.

Wir haben jetzt also auch den Nachweis, dass diese Substanzgruppen offenbar zumindest beim episodischen Cluster-Kopfschmerz wirken.

Dann gibt es noch 2 Bonus-Paper in diesem Monat, die ich Ihnen ans Herz lege. Das eine ist unsere Übersicht in Lancet Neurology zum Übergebrauchs-Kopfschmerz bei Patienten mit Migräne und das 2. ist eine Arbeit, die für Ihre eigene Lebensführung Konsequenzen hat, nämlich eine Übersichtsarbeit in Annals of Internal Medicine – eine Meta-Analyse von fast einer Million Patienten, bei denen der Effekt von Nahrungszusätzen, Vitaminen und bestimmten Diäten auf das kardiovaskuläre Risiko untersucht wurde.

All diese Therapieansätze wirkten sich in keiner Weise auf die Gesamtsterblichkeit oder die kardiovaskuläre Sterblichkeit aus. Also investieren Sie Ihr Geld lieber in ein Fitnessstudio und nicht in den Kauf von Spurenelementen, Vitaminen, Fischöl oder was Ihnen in der Apotheke oder in der Drogerie sonst so einfällt.

Meine Damen und Herren, das waren 5 spannende Studien aus der Neurologie vom Juli 2019. Ich bin Christoph Diener von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
 

Kommentar

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