MEINUNG

Empathische Ärzte verhindern besser den Infarkt: Studien belegen, dass Diabetiker durch gefühlvolle Beratung länger leben

Prof. Dr. Stephan Martin

Interessenkonflikte

12. August 2019

„Ärzte müssen mehr mit dem Patienten sprechen“, fordert Prof. Dr. Stephan Martin. Denn 2 Studien zeigen, wie überlebenswichtig für Diabetiker Coaching und Lebensstilberatung sind.

Transkript des Videos von Prof. Dr. Stephan Martin:

Liebe Kolleginnen und Kollegen, der Begriff der ärztlichen Kunst ist in den letzten Jahren durch ein Instrument erweitert worden: jenes der evidenzbasierten Medizin. Nicht mehr die Erfahrung des einzelnen Arztes oder die Meinung eines Experten zählt in der heutigen Zeit, sondern die Ergebnisse von placebo-kontrollierten, wissenschaftlichen Studien.

Diese Studien werden so organisiert, dass man versucht, den Einfluss des Arztes und des gesamten Teams nicht zu berücksichtigen. Man möchte stattdessen wissen, wie groß der Effekt von einem Medikament, der Intervention A oder B ist. Hat also die ärztliche Kunst ausgedient? Ist sie verschwunden? Brauchen wir nur noch die evidenzbasierte Medizin?

Ich glaube die aktuelle Diskussion über Homöopathie und alternative Therapieverfahren zeigt ja, dass die Schulmedizin differenzierter vorgehen muss. Ich habe dazu 2 Arbeiten über Patienten mit Typ-2-Diabetes gefunden, die ich persönlich sehr interessant finde.

Die erste ist eine retrospektive Analyse, die mit Hilfe einer großen Datenbank mit über 19.000 Patienten erstellt wurde. Man hatte dokumentiert, wie häufig die Patienten eine Lebensstil-Beratung bekommen haben und dann die Häufigkeit der Beratung mit Endpunkten korreliert: Herzinfarkt, Schlaganfall – nicht tödliche Ereignisse. Man konnte zeigen, dass die Kombination dieser Ereignisse geringer war, je mehr Lebensstil-Beratung und Coaching die Patienten bekommen haben. Na ja, man kann sagen, dass es nur eine retrospektive Analyse ist und man sich schon denken kann, dass Patienten davon profitieren, wenn man sich mehr um sie kümmert. Aber dies wurde nun in einer wissenschaftlichen Studie nachgewiesen.

Die 2. Studie finde ich persönlich noch einen Tick interessanter. Man hatte nur knapp 640 Patienten einbezogen. Die hatten alle einen Diabetes und ein Jahr nach der Diabetes-Diagnose mussten diese einen sogenannten CARE-Fragebogen ausfüllen. 10 Fragen zur Empathie des Arztes, zum Beispiel: Wie kümmert sich der Arzt um mich? Oder wie erklärt er komplexe Dinge? Habe ich die Antworten verstanden? Wie ist die Empathie des Arztes dem Patienten gegenüber?

Dann hat man nach zirka 10 Jahren zum Teil die gleichen Endpunkte, die ich gerade genannt habe, betrachtet: Herzinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskulärer Tod und Gesamtmortalität. Bei dem kombinierten Endpunkt von Herzinfarkt und Schlaganfall, beobachtete man eine geringere Rate dieser Komplikationen, je empathischer ein Arzt war. Diese Daten waren jedoch nicht signifikant. Bei der Mortalität hingegen schon. Das heißt also: Diabetes-Patienten, die ein Jahr nach der Diagnose das Gefühl hatten, dass ihr Arzt wesentlich empathischer mit ihnen umgeht, hatten eine deutlich bessere Prognose.

Also: Bei modernen Erkrankungen, die wir behandeln, ohne dass die Patienten gravierende Symptome haben, bei Diabetes, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen, da schreit es ja danach, dass wir diese Patienten nicht nur durch ein EBM-basiertes Medikament behandeln können. Stattdessen sollten wir uns stärker an diese Patienten anbinden. Wir müssen die Medikamente ja im Endeffekt den Patienten „verkaufen“, ihnen also nahebringen, diese auch einzunehmen.

Die EBM ist ein wichtiges Instrument. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Wir brauchen sie. Aber es ist nicht ausreichend, einfach nur Medikamente auf den Rezeptblock zu schreiben. Wie gesagt, wir müssen mit dem Patienten sprechen. Aber wie funktioniert das denn in unserem aktuellen Gesundheitssystem? Wie können wir das umsetzen?

Trotz vieler Lippenbekenntnisse der letzten Jahre passiert eigentlich sehr wenig. Jedes Mal heißt es: „Ja, wir müssen die sprechende Medizin stärken." Wir müssen umdenken – EBM und ärztliche Kunst parallel fahren. Es geht nicht nur darum, wissenschaftliche Ergebnisse an den Patienten weiterzugeben. Vielmehr zeigen diese Studien, wie wichtig es ist, mit den Patienten in eine enge Interaktion zu treten.

Die EBM ist wichtig. Ich möchte nicht mit diesen Aussagen irgendeinen Zweifel an der EBM schüren. Sondern ich möchte gerne, dass EBM und ärztliche Kunst gemeinsam betrachtet werden. Wenn wir diese Studien-Daten berücksichtigen, kann man eigentlich nur sagen: Geben wir doch dem „Medikament Arzt" eine Chance. Ich hoffe Sie sehen das so ähnlich. Wenn nicht, wäre ich über Rückmeldung sehr dankbar und verbleibe bis dahin – Ihr Stephan Martin.

Kommentar

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