Arzneimittel und Fahrtüchtigkeit: Auch ein Thema für Krebspatienten – und deren Ärzte

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

5. August 2019

Wie jeder weiß, können Medikamente die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. In einer aktuellen Mitteilung beziffert der Krebsinformationsdienst (KID) die Quote auf etwa ein Fünftel aller zugelassenen Arzneimittel – laut Herstellerangaben [1].

Eine Art „Promillegrenze“ wie bei Alkohol gibt es aber nicht. Die Straßenverkehrsordnung erlaubt das Autofahren unter Einnahme von Medikamenten, wenn die Mittel notwendig und vom Arzt verordnet worden sind. Der behandelnde Arzt wiederum ist verpflichtet, die Fahrtauglichkeit des Patienten zu beurteilen und ihn entsprechend aufzuklären.

Für ein Fahrverbot hat der Arzt zwar juristisch keine Handhabe. Ist ihm aber bekannt, dass ein Patient trotz Fahruntauglichkeit Auto fährt, kann er das der zuständigen Führerscheinstelle melden – verpflichtet ist er dazu jedoch nicht. Die Entscheidung liegt im ärztlichen Ermessen, und es muss zwischen ärztlicher Schweigepflicht und Verkehrssicherheit abgewogen werden.

Das heißt konkret: Der Arzt klärt seinen Patienten auf, spricht eine Warnung aus und lässt sich diese (zur Dokumentation) schriftlich bestätigen. Für alles Weitere ist der Patient dann selbst verantwortlich. Ein Schwächeanfall, Übelkeit oder ein instabiler Kreislauf können im Straßenverkehr sehr rasch gefährlich werden.

Besonders riskant: Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel

Zwar ist die absolute Zahl der Unfälle relativ klein, die direkt auf den Einfluss von Medikamenten zurückgeführt werden können, also z.B. durch eine medikamentös verlangsamte Reaktion. Wobei es durchaus unterschiedliche Statistiken gibt – sicher ist nur, dass die Zahl niedriger ist als die der Unfälle, bei denen Alkohol im Spiel ist.

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat weist daraufhin, dass 2017 laut Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) rund 26 % aller Fahreignungsüberprüfungen an Medizinisch-Psychologischen Untersuchungsstellen (MPI) im Zusammenhang mit Drogen- oder Medikamenteneinnahme durchgeführt wurden. Zum Vergleich: Der Anteil der Fahreignungsprüfungen, die auf Fahren unter Alkoholeinfluss zurück gehen, lag bei 42%.

Einen besonders riskanten Einfluss haben Schlafmittel, Beruhigungsmittel und Schmerzmittel. Aber auch Medikamente gegen Allergien und Bluthochdruck, Herzmittel, Mittel gegen Magen-Darm-Erkrankungen, Erkältungsmittel oder Psychopharmaka können Wirkstoffe enthalten, die die Fahrtüchtigkeit negativ beeinflussen. Und: Auch Onkologika können das Fahrvermögen beeinträchtgen.

Viele der oben genannten Wirkstoffe machen müde. Es kommt zu einer psycho-physiologischen Verlangsamung. Umweltreize werden dann nicht mehr rechtzeitig wahrgenommen und erkannt und/oder eine adäquate Reaktion erfolgt verzögert oder zu spät.

Medikamente können die Fahrtüchtigkeit auch indirekt beeinträchtigen

Zu beachten ist aber, dass viele Medikamente die Fahrtüchtigkeit auch indirekt beeinträchtigen können, erklärt Dr. Birgit Hiller vom Krebsinformationsdienst (KID) des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg. „Man sollte nicht nur auf das `verlangsamte Reaktionsvermögen´ in der Packungsbeilage achten, sondern auch an Übelkeit und Schwindel oder Störungen des Sehvermögens denken. Selbst Gefühlsstörungen in den Extremitäten als Nebenwirkung mancher Zytostatika können riskant sein, wenn man z. B. beim Autofahren kein Gefühl für das Gaspedal mehr hat“, erklärt Hiller im Gespräch mit Medscape.

 
Man sollte … auch an Übelkeit und Schwindel oder Störungen des Sehvermögens denken. Dr. Birgit Hiller
 

Hinzu komme, dass es speziell bei Krebspatienten große Unterschiede in der Medikation gibt: „Ob eine Beeinträchtigung der Fahrtüchtigkeit vorliegt, ist deshalb immer auch von der individuellen Situation des Patienten abhängig“, so Hiller. „Viele Arzneimittel zeigen starke individuelle Wirkunterschiede, so dass die Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit nur geschätzt werden kann“, ergänzt Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin des KID am DKFZ, in der Mitteilung.

Verlässliche Zahlen dazu, wie häufig und wie ausführlich in den Praxen und Ambulanzen Patienten über den Einfluss von Medikamenten auf die Fahrtüchtigkeit aufgeklärt werden, sind laut KID für Deutschland nicht verfügbar. „Wir gehen davon aus, dass zumindest in den großen onkologischen Zentren betroffene Krebspatienten heute routinemäßig Verordnungen für Krankenfahrten zur Therapie erhalten, wenn notwendig. Trotzdem kommt das Thema Fahrtüchtigkeit in den Gesprächen mit dem KID auf: zum Beispiel, wenn es um die Organisation des Alltags bei einer ambulanten Behandlung geht, also zum Beispiel das Einkaufen“, berichtet Hiller.

Patienten sind verpflichtet, sich zu informieren

Ärzte sind verpflichtet, ihre Patienten auf Nebenwirkungen der Behandlung oder Krankheitsfolgen hinzuweisen, die sich auf die Fahrtüchtigkeit auswirken. Für Patienten gilt aber auch: Unabhängig von der Empfehlung des Arztes ist jeder Patient verpflichtet, seine physische und psychische Fahrtauglichkeit selbstkritisch einzuschätzen.

Wer sich nicht selbst informiert und trotz Einschränkungen fährt, kann die Haftung nicht auf die behandelnden Ärzte abwälzen.

 
Die Verantwortung für das Fahren und seine Folgen liegen allein beim Patienten. Dessen sollte sich jeder bewusst sein. Carmen Flecks
 

Kommt es unter Medikamenteneinnahme zum Unfall, übernimmt die KFZ-Haftplicht-Versicherung nicht in jedem Fall den entstandenen Schaden: So kann der Versicherungsschutz entfallen, wenn der Patient vom Arzt explizit auf seine Fahruntüchtigkeit hingewiesen worden ist.

Außerdem kann es zu strafrechtlichen Konsequenzen kommen: Eine Geld- oder Freiheitsstrafe wegen fahrlässigen Eingriffs in den Straßenverkehr und, bei Personenschaden, wegen Körperverletzung.

„Die Verantwortung für das Fahren und seine Folgen liegen allein beim Patienten. Dessen sollte sich jeder bewusst sein“, stellt Carmen Flecks, Juristin beim KID klar. Bei vorliegender Fahruntüchtigkeit aufs Fahrrad umzusteigen, ist aber keine Lösung: Die meisten Bestimmungen gelten auch für alle anderen Transportmittel, also für Fahrrad, Motorrad, Roller & Co.

 

Kommentar

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