EMA empfiehlt 5 Zulassungen: Erstmals ein Krebsmittel, bei dem nur Mutationen die Indikation liefern, und ein Cannabinoid

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

26. Juli 2019

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat bei seinem Meeting vom 22. bis 25. Juli insgesamt 5 neue Arzneimittel zur Zulassung empfohlen, u.a. aus der Onkologie, der Neurologie und der Infektiologie [1]. In der Sitzung wurden auch 8 Erweiterungen bestehender Zulassungen empfohlen.

Vitrakvi® (Larotrectinib) zur Behandlung seltener Krebserkrankungen

Der Ausschuss schlug vor, eine Genehmigung für Vitrakvi® (Larotrectinib) zur Behandlung von erwachsenen und pädiatrischen Patienten mit soliden Tumoren mit einer spezifischen Mutation zu erteilen. Dies, falls sich die Krankheit ausgebreitet hat oder falls ein Tumor nicht operativ entfernt werden kann und Ärzte keine anderen zufriedenstellenden Behandlungsmöglichkeiten haben.

Hier handelt es sich um die erste „histologieunabhängige“ Krebstherapie mit Zulassungsempfehlung in der EU bei nicht-hämatologischen Krebserkrankungen – unabhängig von deren Lokalisation im Körper. Nur die Mutation selbst ist nachzuweisen. Die Zulassung spiegelt auch den Trend wider, sich in der Onkologie mehr und mehr vom Gewebsursprung zu lösen. Stattdessen werden die Tumorklassen und ihre Therapie organübergreifend betrachtet. Auch in Deutschland gibt es bereits verschiedene klinische Studien, die den Patienten eher anhand spezifischer Biomarker als nach der Lokalisation der Tumoren charakterisieren.

Der Wirkstoff zielt auf eine sehr spezifische genomische Veränderung des Tumors ab: NTRK-Gene, die spezifische Proteine ​​codieren, liegen in einer abnormal fusionierten Form vor. Dies führt zur Synthese von Proteinen mit negativen Folgen für das Zellwachstum. Vitrakvi® blockiert die Wirkung dieser Proteine ​​und hemmt so das Wachstum des Krebses.

Die Wirksamkeit und Sicherheit wurden in 3 einarmigen Studien untersucht, an denen insgesamt 102 Erwachsene und Kinder teilnahmen. Sie hatten entweder eine Standardtherapie erhalten oder hätten sich einer wenig erfolgversprechenden Operation unterziehen müssen. Von allen Teilnehmern sprachen 67% auf die neue Pharmakotherapie an. In dieser Gruppe zeigte Vitrakvi® bei 88% mindestens 6 Monate und bei 75% mindestens 12 Monate einen Effekt.

Die häufigsten Nebenwirkungen waren Müdigkeit, erhöhte Leberenzymwerte, Schwindel, Verstopfung, Übelkeit, Anämie (niedrige Anzahl roter Blutkörperchen) und Erbrechen.

Hier handelt es sich um eine sogenannte „conditional marketing authorisation“: Empfehlungen werden trotz eingeschränkter Datensätze ausgesprochen, wenn der Nutzen der sofortigen Verfügbarkeit eines Arzneimittels für die Patienten das Risiko überwiegt. Weitere Studien sollen später ausgewertet werden.

Epidyolex® (Cannabidiol) zur Anfallstherapie bei seltenen Erkrankungen

Außerdem gab der CHMP eine positive Stellungnahme zu Epidyolex® (Cannabidiol) ab. Das Arzneimittel soll bei Anfällen durch das Lennox-Gastaut-Syndrom oder das Dravet-Syndrom, zwei Formen der Epilepsie, eingesetzt werden. Es enthält einen aus Cannabis gewonnenen Wirkstoff – die erste positive Empfehlung in Zusammenhang mit dieser Pflanze. Epidyolex® reduziert die Hyperaktivität von Neuronen, wobei der genaue Mechanismus noch unbekannt ist. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Schläfrigkeit, verminderter Appetit, Durchfall, Pyrexie, Müdigkeit und Erbrechen.

Inbrija® (Levodopa) bei Parkinson

Um „Off“-Perioden bei der Parkinson-Krankheit besser zu therapieren, sprach sich der CHMP für die Zulassung von Inbrija® (Levodopa) aus. Der Wirkstoff selbst ist altbekannt. Als Vorteile werden höhere Levodopa-Plasmakonzentrationen erwähnt. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Husten, Stürze, Infektionen der oberen Atemwege, und neue bzw. verstärkte Dyskinesien.

Trogarzo® (Ibalizumab) bei HIV-Infektionen

Grünes Licht gab es ebenfalls für Trogarzo® mit dem monoklonalen Antikörper Ibalizumab. Dieser bindet an spezifische Strukturen des CD4-Rezeptors und verhindert den Eintritt von HIV. Von Trogarzo® profitieren Patienten, die aufgrund einer umfassenden Virusresistenz nicht ausreichend mit anderen zugelassenen Arzneimitteln behandelt werden können. Als häufigste Nebenwirkungen nennt der CHMP Durchfall, Erbrechen, Hautausschlag und Schwindel.  

Deferasirox Mylan® (Deferasirox) bei Eisenüberladung

Der CHMP empfahl außerdem, das Generikum Deferasirox Mylan® (Deferasirox) bei chronischer Eisenüberladung zuzulassen. Davon profitieren Patienten mit schwerer Beta-Thalassämie nach Bluttransfusionen, aber auch Patienten mit nicht transfusionsabhängigen Thalassämie-Syndromen und anderen Anämien. Deferasirox Mylan® ist ein Generikum von Exjade®, das seit dem 28. August 2006 in der EU zugelassen ist. Studien haben die Bioäquivalenz, Sicherheit und Wirksamkeit belegt. 

Überprüfung der Empfehlung für ein neues Arzneimittel

Der Antragsteller für Evenity® (Romosozumab) hat eine Überprüfung der negativen Stellungnahme des Ausschusses zu diesem Arzneimittel eingefordert. Jetzt wird der CHMP seine Stellungnahme erneut prüfen und endgültige Empfehlungen aussprechen.

Evenity® wurde zur Behandlung von Osteoporose (bei Frauen in den Wechseljahren und Männern mit erhöhtem Risiko für Knochenbrüche) entwickelt. Die EMA berichtet über Hinweise, dass Patienten unter der Pharmakotherapie ein erhöhtes Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse haben. Außerdem habe es mehr Todesfälle bei Patienten im Alter von über 75 Jahren gegeben. Unter diesen Umständen war die Agentur der Auffassung, dass die Vorteile von Evenity® die Risiken nicht überwiegen.

Einschränkungen für Gilenya® (Fingolimod)

Der CHMP empfahl außerdem, das Arzneimittel gegen Multiple Sklerose Gilenya® (Fingolimod) nicht bei schwangeren Frauen und bei Frauen zu verordnen, die keine wirksame Verhütung anwenden. Wenn eine Patientin während der Anwendung von Gilenya® schwanger wird, muss das Arzneimittel abgesetzt und die Schwangerschaft engmaschig überwacht werden. Fingolimod kann das ungeborene Kind schädigen und Geburtsfehler verursachen.

Erneute Überprüfung von Revolade® (Eltrombopag) und Translarna® (Ataluren)

Die Antragsteller für Revolade® (Eltrombopag) und Translarna® (Ataluren) haben eine Überprüfung der negativen Stellungnahmen des Ausschusses zu diesen Arzneimitteln beantragt. Revolade® soll u.a. bei Immunthrombozytopenie, Thrombozytopenie und aplastischer Anämie verordnet werden. Von Translarna® könnten Patienten mit Duchenne-Muskeldystrophie profitieren. Der Ausschuss hatte das Studiendesign kritisiert. Jetzt überprüft er die Stellungnahmen erneut und gibt endgültige Empfehlungen ab.

Zahlreiche Zulassungserweiterungen

Acht Empfehlungen zur Erweiterung der therapeutischen Indikation wurden für Empliciti®, Keytruda®, Lonsurf®, Lucentis®, Soliris®, Stelara®, Tecentriq® und Zerbaxa® ausgesprochen.

 

Kommentar

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