„Broken-Heart-Syndrom“: Dahinter kann auch ein Karzinom stecken – Krebs führt wohl gehäuft zu Takotsubo

Dr. Thomas Meißner

Interessenkonflikte

25. Juli 2019

Das Takotsubo-Syndrom (TTS), auch bekannt als Broken-Heart-Syndrom, geht gehäuft mit Krebserkrankungen einher. Was bislang eine Hypothese auf Grundlage von Fallberichten war, hat sich jetzt in einer Registerstudie bestätigt [1].

„Die Ergebnisse unserer Studie zeigen eine hohe Prävalenz von Tumorerkrankungen bei Takotsubo-Syndrom-Patienten“, erklärte Dr. Victoria Lucia Cammann vom Herzzentrum des Universitätsspitals Zürich gegenüber Medscape.

„Auch zeigte sich ein deutlich höheres Vorkommen von Tumorerkrankungen bei Patienten mit Takotsubo-Syndrom im Vergleich etwa zu Patienten mit akutem Koronarsyndrom.“ Der Vergleich zum akuten Koronarsyndrom (ACS) war angestellt worden, weil es initial nicht möglich ist, die Symptome eines Takotsubo-Syndroms (TTS) von jenen eines ACS zu unterscheiden.

Broken-Heart-Syndrom vor allem bei Frauen

Das TTS äußert sich als akute Herzinsuffizienz mit vorübergehender linksventrikulärer Dysfunktion, häufig getriggert durch psychischen oder körperlichen Stress. Die Symptome treten zu etwa 90% bei Frauen in der Postmenopause auf und ähneln einem ACS. Etwa 1 bis 2% der wegen Verdachts auf ACS hospitalisierten Patienten haben tatsächlich ein TTS.

Bei der Herzkatheter-Untersuchung sind in der Regel keine relevanten Koronarstenosen zu erkennen, nur selten kann parallel eine KHK vorliegen. Die Pathophysiologie des Syndroms ist auch fast 30 Jahre nach seiner Erstbeschreibung weitgehend unklar.

 
Die Ergebnisse unserer Studie zeigen eine hohe Prävalenz von Tumorerkrankungen bei Takotsubo-Syndrom-Patienten. Dr. Victoria Lucia Cammann
 

Retrospektive und prospektive Daten analysiert

In Fallberichten war mehrfach im Zusammenhang mit Tumorerkrankungen und Chemotherapien über das Auftreten von TTS berichtet worden. Dem sind Cammann und ihre Kollegen nun mit einer Analyse des Internationalen Takotsubo-Registers (InterTAK Registry) nachgegangen.

Retrospektive und prospektive Daten von 1.604 registrierten TTS-Patienten mit Informationen zum Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer Krebserkrankung wurden dazu einbezogen. Zusätzlich hatten die Autoren aus dem Zurich ACS Registry und dem InterTAK Registry eine Gruppe von jeweils 455 alters- und geschlechtsgematchten Patienten gebildet, um TTS-Patienten und ACS-Patienten mit vollständigen Informationen zu Tumorerkrankungen vergleichen zu können.

TTS-Patienten haben häufiger Krebs als ACS-Patienten

Bei 16,6% der TTS-Patienten aus dem InterTAK Registry (n=267) bestand eine Tumorerkrankung. Meist handelte es sich um Brustkrebs oder gastrointestinale Tumoren. Beim Vergleich der TTS- und ACS-Subgruppen ergab sich ein deutlicher Unterschied bei der Krebsprävalenz: 18,2% der Patienten aus der TTS-Kohorte hatten ein Malignom, aber nur 11,1% aus der ACS-Kohorte.

TTS-Patienten mit Karzinom waren im Vergleich signifikant älter als TTS-Patienten ohne Krebserkrankung, und signifikant häufiger hatten körperliche Trigger das TTS ausgelöst. Das konnte eine medizinische Intervention sein oder ein körperliches Trauma.

Zudem war die linksventrikuläre Ejektionsfraktion bei TTS-Patienten mit Tumoren signifikant niedriger. Auffällig waren weiterhin die vergleichsweise hohen CRP-Werte (C-reaktives Protein). Das Vorkommen präexistierender kardiovaskulärer Risikofaktoren war ähnlich zwischen TTS-Patienten mit und ohne Karzinom.

Das gehäufte Auftreten neurologischer und/oder psychischer Störungen bei TTS-Patienten im Vergleich zu ACS-Patienten war bereits früher von PD Dr. Dr. Christian Templin vom Universitätsspital Zürich und seinen Mitarbeitern beschrieben worden. Inwiefern sich ein Karzinom in diesem Zusammenhang auswirkt, ist nicht ganz klar: TTS-Patienten mit Karzinom hatten etwas häufiger neurologische Störungen, die Häufigkeit psychischer Erkrankungen wie Angststörungen oder Depression unterschied sich in der aktuellen Analyse aber nicht zwischen TTS-Patienten mit und ohne Karzinom.

 
Treten bei Patienten während einer onkologischen Behandlung Symptome wie Brustschmerz, Atemnot oder EKG-Veränderungen auf, sollte ein TTS in Betracht gezogen werden. Dr. Victoria Lucia Cammann
 

Kein Unterschied in der Lebenserwartung

Die Lebenserwartung war bei Patienten mit bösartiger Erkrankung erwartungsgemäß stets verringert. Aber die 5-Jahres-Mortalitätsrate von TTS-Patienten und von ACS-Patienten mit Tumoren unterschied sich in der Studie nicht signifikant, dasselbe galt für die Lebenserwartung von TTS- und ACS-Patienten ohne Tumoren.

Fasst man die Daten zusammen, so muss davon ausgegangen werden, dass Tumorerkrankungen als potenzielle Trigger für die Entwicklung des TTS infrage kommen. Ein TTS, so die Studienautoren, lasse sich zudem als paraneoplastisches Syndrom auffassen, das heißt, bei akuten TTS-Episoden sollte auch an das mögliche Vorhandensein eines okkulten Karzinoms gedacht und ein entsprechendes Karzinomscreening initiiert werden.

Nicht geklärt sei, ob die Entwicklung eines TTS während einer onkologischen Behandlung auf die Nebenwirkungen von Zytostatika zurückzuführen sei, auf die zugrundeliegende Tumorerkrankung oder auf andere Faktoren, erklärt Cammann. Andererseits könne die emotionale Belastung einer Krebsdiagnose vielleicht mitunter ein TTS auslösen.

Nun sollen Studien zum zeitlichen Zusammenhang von Krebstherapien und dem Auftreten eines TTS dazu mehr Klarheit schaffen. Fest steht aber bereits jetzt, dass tumor-assoziierte Faktoren die Entwicklung eines TTS zu beeinflussen scheinen. Cammanns Rat: „Treten bei Patienten während einer onkologischen Behandlung Symptome wie Brustschmerz, Atemnot oder EKG-Veränderungen auf, sollte ein TTS durch die behandelnden Ärzte in Betracht gezogen werden.“

 

Kommentar

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