Zucker, Tabak, Alkohol – Zahnmediziner fordern mehr Prävention gegen Karies und Parodontitis

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

23. Juli 2019

Weltweit leiden etwa 3,5 Milliarden Menschen an Erkrankungen der Mundhöhle. Diese Zahlen haben sich trotz etlicher Gesundheitsprogramme in den letzten Jahren kaum verringert, kritisieren 13 akademische und klinische Experten aus 10 Ländern in The Lancet.

Die Erstautoren Prof. Dr. Marco A. Peres von der Griffith University, Australien [1], und Prof. Dr. Richard G. Watt vom WHO Collaborating Centre in Oral Health Inequalities and Public Health, University College London [2], fordern deshalb, die Zahnmedizin neu auszurichten.

 
Es ist so, dass Erkrankungen der Zähne zu den häufigsten nicht übertragbaren Krankheiten überhaupt zählen. Prof. Dr. Stefan Listl
 

Sie kritisieren, mit mehr Prävention lasse sich ein Großteil aller Erkrankungen verhindern. Derzeit stehe aber die Therapie im Mittelpunkt. Als weiteren Auslöser der (negativen) Entwicklungen identifizieren sie die Zuckerindustrie.

„Wir sehen unsere Aufgabe als Wissenschaftler darin, belastbare Zahlen zu liefern“, kommentiert Prof. Dr. Stefan Listl vom Universitätsklinikum Heidelberg und Coautor der Serie gegenüber Medscape. „Und es ist so, dass Erkrankungen der Zähne zu den häufigsten nicht übertragbaren Krankheiten überhaupt zählen.“

Nicht nur in vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommensniveau sei die Versorgungssituation „schlichtweg ernüchternd“. Auch in den Industrienationen gebe es „erhebliche Versorgungslücken“. Listl erklärt dies mit der zahnärztlichen Vergütung. Dadurch ergäben sich „finanzielle Anreize zur Unter-, Über- und Fehlversorgung“.

Erkrankungen der Mundhöhle kaum rückläufig

Dazu ein paar Zahlen. Zwischen 1990 und 2010 wurden Karies-Läsionen bei 9,0% aller Kinder weltweit nicht behandelt. Dieser Wert verringerte sich auf 7,8% (2015).

Weniger gut sieht es bei unbehandelter Karies der bleibenden Zähne aus. Hier liegt die Prävalenz seit Jahren bei etwa 35% – ohne erkennbaren Trend nach unten. Das entspricht etwa 2,4 Milliarden Patienten. Im untersuchten Intervall zwischen 1990 und 2010 zeigten Studien, dass sich die Paradontitis-Prävalenz leicht verringerte – von 11,2% auf 10,8%. Zuletzt litten 743 Millionen Patienten (2010) unter Paradontitis.

Nur beim kompletten Zahnverlust unabhängig von der Ursache ging die Prävalenz in gleichen Zeitraum etwas zurück (4,4% versus 2,4%).

Lippen- und Mundhöhlenkrebs gehören zu den 15 häufigsten Krebsarten der Welt. In 2018 erkrankten weltweit mehr als 500.550 Menschen neu und 177.384 starben. Trends bei malignen Erkrankungen nennen die Autoren an dieser Stelle nicht.

 
Die derzeitige zahnärztliche Versorgung und Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit sind weitgehend unzureichend, ungerecht und kostspielig. Prof. Dr. Richard G. Watt
 

„Die Zahnmedizin befindet sich in einer Krise“, kommentiert Watt in einer Pressemeldung. „Die derzeitige zahnärztliche Versorgung und Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit sind weitgehend unzureichend, ungerecht und kostspielig, so dass Milliarden von Menschen keinen Zugang zu einer grundlegenden Versorgung im Bereich der Mundgesundheit haben.“

Dies sei, so Watt weiter, nicht die Schuld einzelner Zahnärzte. Vielmehr brauche man „einen grundlegend neuen Ansatz“. Watt und seine Koautoren fordern, mehr Ressourcen in die Prävention zu stecken. Derzeit liege der Schwerpunkt bei Therapien. Ursachen von Mundkrankheiten seien kein vorrangiges Thema.

Defizite auch in Deutschland

Nachholbedarf gibt es auch bei uns, wie die 5. Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V) aus dem Jahr 2016 zeigt. Zuletzt waren 81% aller 12-jährigen Kinder kariesfrei: eine Verdopplung im Zeitraum zwischen 1997 und 2014.

Bei den jüngeren Erwachsenen zwischen 35 und 44 ist die Zahl kariöser Zähne deutlich zurückgegangen (1997: 16,1 Zähne versus 2014: 11,2 Zähne). In dieser Gruppe hat sich auch der Anteil mit schwerer Parodontitis halbiert (2005: 17,4%; 2014: 8,2%).

Dennoch hat jeder zweite jüngere Erwachsene (52%) eine parodontale Erkrankung, davon weisen 43,4% eine moderate und 10% eine schwere Parodontitis auf.

 
Auch in Deutschland braucht es mehr präventive und gesundheitsfördernde Maßnahmen, die bevölkerungsweit wirksam sind. Prof. Dr. Stefan Listl
 

„Auch in Deutschland braucht es mehr präventive und gesundheitsfördernde Maßnahmen, die bevölkerungsweit wirksam sind“, so Listl weiter. „Dazu zählt eine wirksame Regulierung von Risikofaktoren wie Rauchen, Zucker und auch Alkohol, aber auch eine Einschränkung von Werbung für zuckerhaltige Getränke.“

Steigender Einfluss der Industrie

„Die Belastung durch Mundkrankheiten wird weiter zunehmen, da mehr Menschen den Hauptrisikofaktoren von Mundkrankheiten ausgesetzt sind“, bestätigen Peres, Watt und seine Koautoren in der Artikelserie. Der Zuckerverbrauch als Hauptursache für Karies steigt derzeit in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen stark an.

Zuckerhaltige Softdrinks finden vor allem in den reichen Ländern ihren Markt. Hier setzen Großkonzerne an. Bis 2020 will Coca-Cola den Wissenschaftlern zufolge 12 Milliarden US-Dollar für die Vermarktung ihrer Produkte in Afrika ausgeben. Zum Vergleich: Das jährliche Gesamtbudget der WHO liegt bei 4,4 Milliarden US-Dollar (2017).

Watt: „Präventive Maßnahmen wie topische Fluoride zur Kontrolle von Karies haben sich als bekanntlich hochwirksam erwiesen.“ Da man sie als „Allheilmittel“ betrachte, würde man schnell aus den Augen verlieren, dass Zucker die Hauptursache für die Entstehung von diesen Krankheiten bleibe.

„Wir brauchen strengere Vorschriften und Gesetze, um das Inverkehrbringen und den Einfluss der Zucker-, Tabak- und Alkoholindustrie einzuschränken, wenn wir die Ursachen für orale Erkrankungen bekämpfen wollen“, lautet seine Forderung.

 
Wir brauchen strengere Vorschriften und Gesetze, um das Inverkehrbringen und den Einfluss der Zucker-, Tabak- und Alkoholindustrie einzuschränken. Prof. Dr. Richard G. Watt
 

Dr. Cristin E. Kearns von der University of California und Dr. Lisa A. Bero von der University of Sydney äußern in einem Kommentar auch Bedenken hinsichtlich der finanziellen Verflechtung zahnärztlicher Forschungseinrichtungen und der Lebensmittelindustrie [3]. Es sei dringend notwendig, „klarere und transparentere Richtlinien und Verfahren für Interessenkonflikte zu entwickeln“.

Radikale Reform der Zahnmedizin

Um die Mundgesundheit weltweit zu verbessern, sind folglich medizinische und politische Maßnahmen gefordert. Die Autoren der Lancet-Serie identifizieren 5 Schlüsselbereiche mit dringendem Handlungsbedarf: 

  • Die Kluft zwischen der Zahn- und der Allgemeinmedizin muss verringert werden.

  • Prävention muss stärker Teil der Ausbildung von Zahnärzten und zahnmedizinischen Fachangestellten (ZFA) werden.

  • Weltweit muss der Zugang zu Präventionsmaßnahmen verbessert werden.

  • Politiker sind in der Pflicht, um bekannte Ursachen von Mundkrankheiten wie den Zuckerkonsum anzugehen. Dazu gehört auch, mögliche Interessenkonflikte der Industrie offenzulegen.

Nicht zuletzt ist es um das Wissen zu gesundheitlichen Fragestellungen (Health Literacy) schlecht bestellt. Die Autoren fordern, hier nachzubessern, vielleicht sogar in Form von Forschungsprojekten.
 

Kommentar

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