Die „Trauma-Box“ soll öffentliche ICDs ergänzen – mit Tourniquet und Druckverband gegen den Tod durch Verbluten

Kurt-Martin Mayer

Interessenkonflikte

15. Juli 2019

Berlin – Ähnlich den öffentlich zugänglichen Defibrillatoren, die in Deutschland bereits ein recht dichtes Netz bilden, sollen an Orten wie Bahnhöfen, Flughäfen, Einkaufszentren und belebten Straßenkreuzungen aufgestellte Trauma-Boxen Leben retten. Sie enthalten einen saugfähigen Druckverband und ein Tourniquet.

Den ersten Kunststoffbehälter dieser Art nahmen Ärzte am 11. Juli 2019 im Berliner Haus der Chirurgie in Empfang [1]. Sie kündigten an, die Box anschließend vor dem Haus aufstellen zu wollen, in der – vor allem durch die nahe Charité stark frequentierten – Luisenstraße im Bezirk Mitte.

 
Bei schweren Gefäßverletzungen können Patienten binnen Minuten verbluten. Prof. Dr. Paul Grützner
 

Trauma-Boxen ermöglichen Ersthelfern, am Ort eines Unfalls oder eines Attentats ausgeprägte Blutungen zu stoppen, bis medizinisches Fachpersonal eintrifft. „Bei schweren Gefäßverletzungen können Patienten binnen Minuten verbluten“, erläuterte Prof. Dr. Paul Grützner, Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Ludwigshafen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). Einer Studie zufolge sind 2 von 3 vermeidbaren Todesfällen im Rettungsdienst die Folge von Blutungen.

Prof. Dr. Florian Gebhard, Universitätsklinik Ulm und Gründungspräsident der Deutschen Traumastiftung (DTS), führte die Funktionsweise bei der Präsentation an seinem Kollegen Grützner vor. Klappt man die in Form und Größe an einen Seifenspender in öffentlichen Toiletten erinnernde Box auf, kann man ihr einen Plastikbeutel mit 2 Kammern entnehmen.

Prof. Dr. Florian Gebhard

Der Beutel, auf dem eine mit Piktogrammen versehene, leicht fassbare Anleitung zu lesen ist, lässt sich rasch aufreißen. Der saugfähige Druckverband und das Tourniquet sollen deshalb auch von medizinischen Laien einfach und sicher anzuwenden sein.

Ersonnen und in die Tat umgesetzt haben das System Unfallchirurgen und Anästhesisten gemeinsam mit dem Medizinprodukte-Hersteller Paul Hartmann AG. Die Firma mit Sitz in Heidenheim lagerte die Entwicklung an ihre Tochter in die Schweiz aus, weil diese seit langem jeden Schweizer Armeeangehörigen mit persönlich zu verwahrenden Druckverbänden beliefert.

Die ersten Standorte einer relevanten Anzahl von Trauma-Boxen in Deutschland würden in der Region Ulm liegen, „ab August“ beginne die Aufstellung, erklärte Matthias Hoffmann, Marketingdirektor von Hartmann in der Schweiz. Gemeinsam mit Schulen und öffentlichen Verkehrsunternehmen habe man einige Plätze festgelegt, so Prof. Dr. Thomas Wirth, Universitätsklinik Ulm und Präsident der DTS.

Hoffnung auf den Gesetzgeber

Der Stiftung, den Traumaspezialisten und dem Hersteller schwebt vor, dass die Trauma-Boxen nach und nach deutschlandweit an Orten mit hohem Menschenaufkommen aufgestellt werden – teilweise neben den öffentlich zugänglichen Defibrillatoren, von denen es bereits eine (eher niedrige) fünfstellige Zahl gibt.

Auf Nachfrage von Medscape bezifferte Wirth die Kosten jeder Box inklusive des Spenders und des Gestells auf 90 Euro. 40 Euro davon entfielen auf den Inhalt, also Tourniquet, Druckverband und Handschuhe. Durch „Skaleneffekte“ müsste der Preis in Zukunft allerdings sinken, meinte Wirth.

 
Die Trauma-Box ist ein genial einfaches System, um Menschenleben zu retten. Prof. Dr. Thomas Wirth
 

Zur Finanzierung sieht der Stiftungspräsident hauptsächlich Städte und Gemeinden in der Pflicht, Sponsoren und Spendengeber seien jederzeit willkommen. Außerdem könnte die Trauma-Box eines Tages in einer modifizierten Form und nach einer Änderung der entsprechenden Normen in jedem gesetzeskonformen Auto-Verbandskasten liegen – eine Hoffnung, die die Stiftung im Haus der Chirurgie direkt an die Politik richtete.

Abbindesysteme wie Tourniquets – der Begriff heißt im Französischen auch Drehkreuz – unterbrechen den Blutfluss in Arterien und Venen. In Verbindung mit dem Druckverband sollen Ersthelfer damit vor allem starke Blutungen an Armen und Beinen stoppen können, etwa wenn bei einem Werkstatt- oder Verkehrsunfall ein Arm oder ein Bein abgerissen wird. Auch Schuss- oder Explosionsverletzungen können derartige Folgen haben.

Das Tourniquet, eine Entwicklung aus der Militärmedizin des 18. Jahrhunderts, wird mit einem Knebel so lange festgezogen, bis die Wunde nicht mehr blutet. Der Notverband bringt zusätzlich Druck auf die Wunde. Beides bleibt am Patienten, bis der Rettungsdienst eintrifft. Wirth: „Die Trauma-Box ist ein genial einfaches System, um Menschenleben zu retten.“
 

Kommentar

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